Als 1951 die ersten „Internationalen Filmfestspiele Berlin“ eröffnet wurde, war noch keine Rede davon, den beiden großen Festivals, Cannes und Venedig, ein Drittes hinzuzufügen. Tatsächlich war die Schau lediglich als PR-Aktion für die eingeschlossene ehemalige Reichshauptstadt, für die desolate westdeutsche Filmwirtschaft und gegen die kommunistischen Länder Osteuropas gedacht. Erst 1953 wurden die IFB als „alljährlich wiederkehrende Veranstaltung“ konstituiert, 1956 erhielt sie von der „Fédération Internationale des Associations des Producteurs de Film“ (FIAPF) den begehrten „A-Status“, womit Berlin die dritte Film-Festivalstadt wurde.
Heute, nach 40 Jahren, hat sich die „Berlinale“ etabliert. 1990 war alles schön in Berlin, die Presse meckerte zwar wie immer über ein angebliches Übergewicht der US-Produktionen, über Entscheidungen der Jury und über das nicht zu bewältigende Film-Angebot, aber das konnte die Jubiläumsstimmung nicht trüben, schon gar nicht angesichts der Groß-Berlin-Euphorie dieser Tage. Da störte es auch nicht besonders, daß die Ostberliner lieber in Westberlin Radiorecorder und TV-Geräte einkauften, statt das Angebot wahrzunehmen, in ihrem Teil der Stadt Wettbewerbs- und Panoramabeiträge zu sehen.
Das propagierte Image der IFB, vor allem ein blockübergreifendes Filmfestival zu sein, hat erst seit Mitte der siebziger Jahre ihre Berechtigung. 1955 hatte „Sovexportfilm“ um die Zusendung des Statuts gebeten, um möglicherweise an den Filmfestspielen teilzunehmen, 1957 schrieb das Auswärtige Amt an die IFB, daß man zu dem Ergebnis gekommen sei, „daß das Auswärtige Amt ebenso wie die anderen beteiligten Bundesministerien es nach wie vor als Hauptaufgabe der Berliner Filmfestspiele ansieht, eine Dokumentation der freien Welt gegenüber dem Osten zu sein. Das Auswärtige Amt (...) ist der Meinung, daß die Filmfestspiele nur so lange ihren eigentlichen Sinn erfüllen, als sie ihrer ursprünglichen Zielsetzung treubleiben, was eine Beschränkung der Teilnehmer auf die Länder der freien Welt zur Folge haben muß.“ 1974 wurde die erste UdSSR-Produktion in Berlin gezeigt. – Der Gerechtigkeit halber muß angemerkt werden, daß die Hemmnisse auch auf Seiten der UdSSR kaum überwindlich schienen.
Wie die IFB vom antikommunistischen Kampfplatz zum selbsternannten Dreh- und Angelpunkt zwischen Ost und West wurde, ist in Wolfgang Jakobsens Chronik „Berlinale“ nachzulesen. Der Mitarbeiter der IFB hat tief in den Archiven gewühlt und neben vielen unnützen Dingen wie der Zusammensetzung der verschiedenen Beiräte und diverser verwaltungstechnischer Besonderheiten auch allerhand interessante und schnurrige Fakten zur Geschichte des Festivals zusammengetragen und zu vierzig Kapiteln IFB-Geschichte zusammengefaßt. Ergänzt wird das Buch durch Beiträge verschiedener Gäste und Teilnehmer (u.a. Herbert Achternbusch, Roman Polanski, Jean-Marie Straub, Fred Zinnemann und Paul Schrader). Abgesehen vom sprachlichen Unvermögen des Autors nervt auch, daß mindestens jedes zweite Jahr von einer ernsthaften Krise die Rede ist. Aber das kann man hinnehmen, weil 40 Jahre Berlinale eben auch ein Spiegel von 40 Jahren Filmgeschichte sind, gesehen durch eine westdeutsche Brille.
(März 1990)
Zurück zu Festivals,Themen |