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43. Internationale Filmfestspiele Berlin: Radio |
1993 war ich auf den Filmfestpielen ausgesprochen vielbeschäftigt, aus diesem Jahr sind auch eine ganze Menge Texte und Manuskripte erhalten. Neben dem obligatorischen größeren Artikel für Ultimo hatte ich allerlei Berichterstattung fürs Radio abzuliefern: ich glaube, vereinzelt für MDR Kultur, ein bisschen DT64 und hauptsächlich R.S.2. Hier sind die Manuskripte, und welches Manuskript für welchen Sender war, lässt sich nicht immer mehr eindeutig bestimmen (allerdings merkt man es meistens allein an der Länge).
Pressekonferenz Eröffnung Eröffnungsfilm „Arizona Dream“ Portrait Frank Beyer (Vorsitzender der Wettbewerbsjury) Detlev Buck und sein Wettbewerbsbeitrag „Wir können auch anders“ Kinderfilmfest; „Das kahle Gespenst“ Portrait Danny DeVito Beeban Kidron und ihr Film „Used People“ Filmbesprechung „Ehemänner und Ehefrauen“ Bärenverleihung im Zoopalast |
Pressekonferenz |
Anmoderation: Nächste Woche beginnen in Berlin die 43. Internationalen Filmfestspiele, die Berlinale. Heute hat Festivalchef Moritz de Hadeln zur ersten Pressekonferenz geladen. Jens Steinbrenner war da und hat sich angehört, was die Verantwortlichen für dieses Jahr geplant haben.
Filme natürlich, so viele, wie sie sich der normale Kinogänger im Laufe seines ganzen Lebens nicht anguckt. Kurz-, Spiel, Dokumentar- und Experimentalfilme. Unterteilt in sechs Abteilungen. Die sind aber teilweise nur Fachleuten zugänglich. Die wichtigsten für Jedermann sind: Der Wettbewerb, das Panorama und das „Internationale Forum des Jungen Films“. Da steht die Filmkunst im Vordergrund, hier gibt es traditionell Erstlingswerke zu sehen, Experimentelles. Und Filme aus fernen, exotischen Ländern. Auch in diesem Jahr, aber nicht so forciert wie sonst. Diesmal liegt ein Schwerpunkt bei Europa. Und nicht nur Westeuropa.
Die Berlinale hat sich auch früher als Brücke zum Osten verstanden, zumindest seit Anfang der siebziger Jahre. Denn erst da wurden sowjetische Filme zum Festival zugelassen. Ironischerweise hat der Fall des Eisernen Vorhangs die Festivalarbeit nicht gerade erleichtert. Forum-Leiter Ulrich Gregor:
O-Ton Ulrich Gregor: Die Situation in Osteuropa ist etwas schwieriger geworden, aus der ehemaligen Sowjetrepublik und Rußland, man muß sich schon anstrengen, um Filme zu finden, es gibt allerdings noch immer interessante Filme, aber die Wege der Kommunikation sind mitunter sehr verworren und paradox und labyrintisch, die Filme sind teilweise auch labyrintisch, das trifft auf die Filme von Sokurow zu, wir haben zwei Filme von diesem bedeutenden Regisseur, der vielleicht das stärkste Talent des russischen Films nach Tarkowski ist.
Neben Rußland steuern auch Weißrußland, die Ukraine, Lettland, Georgien und Rumänien Filme bei. Und die Tschechoslowakei, wobei schwer zu sagen ist, ob die Filme nun aus dem tschechischen oder slowakischen Teil dieses ehemaligen Landes kommen.
Und natürlich gibt’s im Internationalen Forum des jungen Films auch deutsche Filme. Allerdings weniger Spiel- als Dokumentarfilme.
O-Ton Ulrich Gregor: Es gab eine große Auswahl an hervorragenden Filmen, die den Puls unserer Zeit, wenn man so sagen kann, den Zustand unserer Gesellschaft wiedergeben, auf vielfältige Art, zum großen Teil sind es Film sind es Filme von ehemaligen DEFA-Dokumentaristen, und hier möchte ich nennen „Das Drehbuch der Zeiten“ von Barbara und Winfried Junge, ein ganz besonderes Werk, das 30 Jahre deutsche Geschichte und DDR-Geschichte resümiert und auch die eigene Filmarbeit von Winfried Junge. Erwin Leisers Film „Pimpf war jeder“, ein Bericht über seine Schulklasse und den Film „Warheads“ von Romuald Karmaka.
Eine zweite Sektion der Berlinale ist das Panorama, sozusagen das Bindeglied zwischen dem experimentierfreudigen Forum und dem weitgehend seriösen Wettbewerb.
Das Panorama ist eigentlich die Abteilung für den aufgeschlossenen Filmfreund. Die Programme sind meistens als Unterhaltungsfilme konzipiert, kommen aber in Deutschland nur selten in die Kinos. Weil sie selten große Stars bieten. Und aus Ländern kommen, die nicht zu den klassischen Filmländern gezählt werden, Kanada zum Beispiel, oder Australien. Hier kann man Entdeckungen machen.
Im Gegensatz zu allen anderen Abteilungen gibt es eine Berlinale-Sektion, in der nur alte Filme gezeigt werden: Die Retrospektive. Und die widmet sich diesmal zwei Themen: Einmal dem Schauspieler Gregory Peck, der mit einem Goldenen Bären für sein Lebenswerk geehrt wird. 15 Filme mit Gregory Peck sind vorgesehen.
Gregory Peck wird zur Berlinale reisen, um seinen Ehrenpreis entgegen uzu nehmen, ebenso wie Billy Wilder, der auch für sein Lebenswerk geehrt wird. Ansonsten sind zwar etliche Stars und Regisseure angekündigt, ob die aber wirklich kommen, weiß man erfahrungsgemäß erst, wenn sie da sind. Nur einer wird mit Sicherheit dasein.
O-Ton Wolfgang Jakobsen: Wir kommen zu einem Ehrengast, zu einem Sechzigjährigen, King Kong, ein Special Event, eine Late-Night-Termin im Zoopalast, eine Wiederaufführung der restaurierten, komplettierten Fassung des ersten King-Kong-Films von 1933, „King Kong und die weiße Frau“ (...) und sozusagen das Special des Special Events ist, daß King Kong Präsent sein wird, als eine dreidimensionale Nachbildung vor dem Zoopalast.
Das war Wolfgang Jakobsen, der Leiter der Retrospektive.
Eine zweite – weit größere – Abteilung der Retrospektive beschäftigt sich mit einem filmtechnischen Aspekt. In den letzten Jahren ging’s unter anderem um den Farbfilm oder um Special-Effect. Diesmal wird Cinemascope gewürdigt, mit mehr als 50 Filmen aus der klassischen Zeit dieses Superbreitwandformates. Also aus den fünfziger und sechziger Jahren.
Die populärste Abteilung der Berlinale ist wohl der Wettbewerb. Da werden internationale Großproduktionen gezeigt, da werden die Bären vergeben und da drängeln sich die Stars im Rampenlicht. In diesem Jahr gibt es neue Filme unter anderem von Konstantin Costa-Gavras, Danny de Vito, Marco Ferreri, Jonathan Kaplan, Barry Levinson und Spike Lee.
Festivalleiter und Wettbewerbschef Moritz de Hadeln mußte sich in den letzten Jahren sehr viel Schelte anhören. Den amerikanischen Majors soll er hörig gewesen sein, unter seiner Leitung fände eine Banalisierung des Programms statt. Und so weiter. Heute hat er sich dazu geäußert:
O-Ton Moritz de Hadeln: Das Wettbewerb hat sehr strenge Regeln, das uns von der FIAPF, der sogenannten internationalen Produzentenverband, imponiert sind, deswegen, beispielsweise, wir können kein einziger Film nehmen, das schon bei einer andere Filmfestspiel anwesend war. Wir konnen kein Film nehmen im Wettbewerb, das schon außerhalb seines Ursprungs-Produktionsland vorgeführt war. Und wir können nur Filme nehmen, das innerhalb die 12 letzte Monat gedreht waren oder die erste Premiere gehabt haben. Außerdem das möcht ich auch sagen, daß in die vergangene Jahr hat mir auch ein bißchen gestört, daß man zu große Erwartungen hat an das Wettbewerb, mir wäre mehr lieber, daß man weniger Erwarten hätte, und man froh wäre, etwas gut dabei zu entdecken, dann umgekehrt zu glauben, daß wir hier eine Sammlung von Meisterwerk, nur weil das heißt: Wettbewerb. Dieses Programm ist wie auch der Reste des Festival eine Spiegel die gehende Produktion, wir können nicht andere zeigen, als das was heute produziert ist.
Abmoderation (Vorschlag): Die 43. Internationalen Filmfestspiele Berlin beginnen übernächsten Donnerstag, am 11. Februar und gehen bis zum 22. Februar. |
Eröffnung der 43. IFB 1993 |
Anmoderation (Vorschlag): Gestern abend wurden im Berliner Zoopalast die 43. Internationalen Filmfestspiele eröffnet. Der Eröffnungsfilm war „Arizona Dream“ von Emir Kusturica. Aber vorher mußte – wie jedes Jahr – der offizielle Teil erledigt werden. Jens Steinbrenner war dabei.
Die Eröffnungsvorstellung der Berlinale wird von Jahr zu Jahr weniger aufregend. Obwohl sich am Zeremoniell wenig verändert hat. Das Drumherum war es, was diese Veranstaltung in den letzten Jahren ausgezeichnet hat. Ein großes Polizeiaufgebot vor dem Zoopalast, das die Prominenten vor den jeweiligen Zeitströmungen schützen mußte: 1990 die Deutschen im Vereinigungsrausch, ein Jahr später Anti-Golfkriegsdemos. Im letzten Jahr bemühte sich nur eine Handvoll Leute einer antirassistischen Gruppe, die Gäste zu verunsichern. Und gestern abend? Die Demonstration fand im Saale statt und bestand aus Rosa von Praunheim und einem Freund: „Rosa gegen Rassismus“ stand auf dem Mini-Transparent. Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn die Verantwortlichen wollten schon mit dem musikalischen Begleitprogramm Flagge zeigen:
O-Ton: Musik
Die „Sinti-Swing-Group-Berlin“. Das sind nicht nur Zigeunerjazz-Virtuosen, sondern auch Angehörige einer Volksgruppe, die besonders unter Ausländerfeindlichkeit zu leiden haben. Berlinale-Chef Moritz de Hadeln:
O-Ton de Hadeln – Ende: ...Außländerfeindlichkeit.
Dieser Haltung schloß sich auch Bürgermeisterin Christine Bergmann an.
O-Ton Bergmann – Ende: ... gegen ausländerfeindliche Tendenzen.
Traditionell wird die Berlinale vom Bundesinnenminister eröffnet. Doch der war in Bonn unabkömmlich, er mußte die Flugzeugentführung managen. Stattdessen kam seine Ehefrau. Und auch die hatte in ihrer Rede etwas zum deutschen Rassismus etwas zu sagen.
O-Ton Seiters – Ende: ...widerwärtiges Treiben zu beenden.
Man beachte die Wortwahl: Im Bundesinnenministerium betrachtet man die Welle der Gewalt bereits als vorbei.
Es sind natürlich nicht Frau Seiters’ eigene Worte. Sie hat die Rede ihres Mannes verlesen. Und da ging es nicht nur um Politik, sondern auch um Film. Schließlich ist der Innenminister auch für den deutschen Film zuständig.
O-Ton Seiters – Ende: ...Entwicklung dahin hat.
Auch Bürgermeisterin Bergmann lag die Verzahnung der Babelsberger Filmstudios mit Berlin am Herzen.
O-Ton Bergmann – Ende: ...Babelsberg verliehen.
Sollte das tatsächlich einmal passieren, wäre der Verdacht der Vetternwirtschaft und Selbstbeweihräucherung nur schwer auszuräumen. Andererseits: Die Oscars in Hollywood werden ja auch an Hollywood-Filme vergeben. Und nicht selten. Aber das ist ja was anderes.
Neben Babelsberg und dem Willen zum multikulturellen Miteinader gab es noch ein drittes Thema in den feierlichen Reden: Die Internationalen Filmfestspiele. Bürgermeisterin Bergmann:
O-Ton Bergmann – Ende: ...hier findet die wirkliche Spurensuche statt.
Merkwürdig: Der Eröffnungsfilm wurde gar nicht erwähnt. Dabei paßt der doch ganz ausgezeichnet zu allem, was den Berlinalemachern in diesem Jahr wichtig zu sein scheint: Toleranz, Friedfertigkeit und Stärkung des europäischen Kinos. „Arizona Dream“ führt zwar schon einen Teil der USA im Titel und wurde auch da gedreht, aber der Regisseur ist Europäer: Emir Kusturica aus dem ehemaligen Jugoslawien, genau: aus Sarajewo in Bosnien. Der hat mit seinem letzten Film, „Time Of The Gypsies“ 1989 den Regiepreis in Cannes gewonnen. Kusturica lebt zwar seit ein paar Jahren in den Vereinigten Staaten, die Stars – Faye Dunaway, Jerry Lewis und Johnny Depp – sind Amerikaner, aber sein Film ist der französische Wettbewerbsbeitrag. Das ist wirklich multikulturell.
„Arizona Dreams“ ist übrigens nicht besonders spannend, aber leicht surrealistisch, voller Poesie, Gedanken über das Kino und das Fliegen – und ein Fest für die Augen. Der bisher beste Eröffnungsfilm der neunziger Jahre.
Auch wenn der Bundesinnenminister der oberste Filmbeamte der Republik ist: ein Filmfreund ist er sicherlich nicht. Deshalb kam auch der Film an sich, das einzelne Lichtspiel, die Freude an schönen Bildern und Geschichten, in seiner Rede gar nicht vor. Stattdessen die bekannten Gemeinplätze. Sollte diese Ansprache nächstes Jahr gehalten werden: Niemand bemerkte den Unterschied.
O-Ton Seiters – Ende: ...für eröffnet. (Applaus)
Abmoderation (Vorschlag): Wenigstens sind die meisten Filme, die noch bis zum 22. Februar bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin gezeigt werden, neu. Ein Beitrag von Jens Steinbrenner. |
Filmbesprechung Eröffnungsfilm "Arizona Dream" |
Anmoderation: „Arizona Dream“ – Das ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale. Regisseur Emir Kusturica stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Vor ein paar Jahren hatte er einen kleinen Cineasten-Hit: „Time Of The Gypsies“. Jens Steinbrenner hat „Arizona Dream“ gesehen.
Axel, die Hauptfigur in „Arizona Dream“, ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben in New York. Doch eines Tages ruft ihn sein Onkel Loe ins heimatliche Arizona. Axel soll Trauzeuge bei Joes Hochzeit sein. Aber Joe hat noch andere Pläne. Er will, daß Axel in sein Geschäft einsteigt. Erst hat Axel dazu keine Lust, aber dann trifft er Elaine, eine reifere Frau. Und verliebt sich in sie. Aber diese Liebesgeschichte ist nur ein Aspekt von „Arizona Dream“. Wichtiger sind die Figuren, die alle einen tragischen Tick haben. Regisseur Emir Kusturica:
O-Ton Emir Kusturica: Im Gegensatz zu dem, was ich aus dem Fernsehen kannte, bevor ich in die USA gagangen bin, habe ich Amerikaner gesehen, die einsam waren. Die sich umbringen wollten – Verlierertypen. Die kommen nur selten in Hollywood-Filmen vor.
Aber die Besetzung würde sich auch in einem Hollywood-Film gut machen.
O-Ton Emir Kusturica: Zu jedem, der im Film mitspielt, habe ich ein ganz besonderes Verhältnis. Ich war Jerry Lewis immer dankbar. Der hat mein Leben leichter gemacht, weil er mich als Kind zum Lachen gebracht hat. Faye Dunaway war in den frühen 70ern eine Art Sex-Symbol. Und ganz besonders Johnny Depp, der die Post-Punk-Generation repräsentiert.
„Arizona Dream“ ist ein Film über Träume. Wunschträume und Traumbilder. Mit einem fliegenden Heilbutt und anderen unwirklichen Dingen.
O-Ton Emir Kusturica: Ich finde, daß Amerika ein sehr surrealistisches Land ist. Als ich durch die USA gefahren bin, habe ich viele Dinge gesehen, die es weder in Europa, noch woanders gibt. Außerdem fasziniert mich der amerikanische Kitsch. Den finde ich toll, ich habe aber auch ein bißchen Mitleid.
Emir Kusturica sieht die USA eben mit den Augen eines Europäers. Und „Arizona Dream“ ist gar keine amerikanische, sondern eine französische Produktion. Das sieht man. In aller Ruhe erzählt Kusturica seine Geschichte, macht Schlenker und verliert sich in Nebensächlichkeiten. Das nimmt dem Film die Spannung. Aber dafür ist „Arizona Dream“ fast magisch. Und: ein Fest für die Augen. |
Portrait Frank Beyer (Vorsitzender der Wettbewerbs |
Anmoderation: Frank Beyer – das war einer der bekanntesten Regisseure der DDR. Seine Filme liefen auch im Westen, zum Beispiel „Der Bruch“ mit Götz George. In diesem Jahr ist Frank Beyer der Vorsitzender der Berlinale-Jury. Das sind die Leute, die entscheiden, welche Wettbewerbsfilme am Ende mit goldenen oder silbernen Bären ausgezeichnet werden. Eine wichtige und prestige-trächtige Aufgabe für Frank Beyer. Aber der Regisseur versteht sein Handwerk, obwohl „Filmemacher“ ursprünglich nicht sein Traumberuf war.
O-Ton Frank Beyer: Durch blanken Zufall bin ich zum Film gekommen. (...) In den Jahren 1949/50 war das ja alles noch reine Anarchie und ich bin, (...) wollte eigentlich Chemie studieren, bin dann plötzlich, hat mich Literatur interessiert und Theater interessiert und ich bin dann zunächst Regieassistent gewesen als Autodidakt an einem kleinen Theater und hab’ dann an der Filmhochschule in Prag studiert und bin dann Regieassistent bei der DEFA gewesen und hab’ dann meine ersten Filme bei der DEFA gemacht.
Fünf Filme hat Frank Beyer bis 1965 für die DEFA gedreht. Er war erfolgreich und anerkannt – auch über die Grenzen der DDR hinaus. Dann machte er mit Manfred Krug als Hauptdarsteller „Die Spur der Steine“.
O-Ton Frank Beyer: Merkwürdigerweise, immer wenn man einen interessanten Stoff hatte, einen konfliktreichen Stoff hatte, kam man in die größten Schwierigkeiten. Und so war es auch mit diesem Stoff, der ist ja nach einem Buch gemacht worden, „Die Spur der Steine“, und wurde zunächst sehr gefördert, und als der Film fertig war, war er plötzlich staats- und parteifeindlich. Hatten die sich das plötzlich ganz anders überlegt.
Damit war Frank Beyers DEFA-Karriere vorerst beendet.
O-Ton Frank Beyer: Das hatte schon Folgen für mich, ich mußte nämlich das DEFA-Studio für Spielfilme verlassen, ich mußte, wurde dort für ein paar Jahre nicht geduldet, ich hab’ dann Theater gemacht und Fernsehen gemacht.
„Die Spur der Steine“ wurde dann kurz nach der Wende wiederentdeckt und lief 1990 auf der Berlinale. Im Wettbewerb, aber außer Konkurrenz. Und jetzt, drei Jahre später, ist Frank Beyer selbst Vorsitzender der Jury. Er muß sich täglich drei Filme ansehen. Uber die wird dann mit den anderen 10 Juroren diskutiert. Und abgestimmt.
O-Ton Frank Beyer: Es geht alles ganz locker und es sind alles vorläufige Abstimmungen. (...) Jeder Film, der dazukommt, schiebt den Maßstab etwas hoch oder ein Stück runter, nicht, so daß man wirklich erst ganz am Schluß ein festes Bild haben kann. Kriterien gibt es schon, natürlich, die hat jeder aus seiner Lebens- und Berufserfahrung und legt sie an (Im Hintergrund: Dingdong! Es klingelt an der Tür) und ansonsten gibt es da noch die Vorschrift, eine bestimmte Anzahl von Bären zu verleihen.
Abmoderation: Der Berlinale-Jury-Vorsitzender im Terminstreß: Die Klingel hat zum nächsten Termin gerufen, drei Filme am Tag brauchen eben ihre Zeit. Ein R.S.2-Portrait von Jens Steinbrenner. |
Detlev Buck und sein "Wir können auch anders" |
Anmoderation (Vorschlag): Detlev Buck ist eine der großen Hoffnungen des deutschen Films. Detlev Buck versucht nicht, die großen Vorbilder aus Hollywood zu imitieren. Seine Filme sind billig, unpretentiös und schräg, aber nicht „Underground“. Jenseits des Mainstreams dieser oder jeder Richtung. Es scheint, daß Detlev Buck seinen eigenen Stil gefunden hat – jetzt schon, mit gerade 31 Jahren – und nach erst zwei abendfüllenden Spielfilmen. Der zweite, „Wir können auch anders“, ist in diesem Jahr einer der offiziellen deutschen Beiträge zum Berlinale-Wettbewerb. Jens Steinbrenner hat Detlev Buck in Berlin getroffen.
Detlev Bucks Karriere ist ungewöhnlich und wirkt fast märchenhaft. Nach der Legende war er ein filmbesessener Landwirtschaftslehrling aus Schleswig-Holstein. Detlev Buck:
O-Ton Detlev Buck: Ich hatte Lust auf Filmemachen und irgendwann hat mir ‘n Typ gesagt, ich soll was selbermachen. Hab’ ich gemacht.
1984 war das, der Film heißt „Erst die Arbeit und dann?“ und handelt von einem Jungbauern, der nach Hamburg fährt, um da was zu erleben. „Erst die Arbeit und dann?“ war sehr erfolgreich: im nordwestdeutschen Raum ein echter Bauernkultfilm. Anfängerglück? Ein Zufallstreffer?
O-Ton Detlev Buck: Nee, ich hab’ beispielsweise auch Bücher darüber gelesen, darüber, wie Komik funktioniert, vor „Erst die Arbeit und dann“. Und mir das genau überlegt, wie das sein könnte, damit das funktioniert, und der funktioniert ja auch so gut, weil er tatsächlich immer nicht eine künstliche Figur ist, sondern auch mit dem Leben noch was zu tun hat. Somit ist der gebaut und da fließen sicherlich immer Momente rein, so wie ich bin, ja, aber das ist bei jedem Filmemacher, auch wenn er es nicht zugeben würde.
Auch die Produktionsgeschichte war keineswegs amateurhaft. Detlev Buck hat sich nicht etwa Papas alte Super-8-Ausrüstung geschnappt und drauflos gefilmt.
O-Ton Detlev Buck: Nee, Filmförderung. Da fing das ja schon an. Mit offiziellen bürokratischen Dingen. Film ist ja mehr Organisation und Nervenbehalten und Telefoniererei und Organisation und Kohlesache als alles andere. Mußt ja nicht glauben, daß, wenn man ‘n Film macht, das jeden Tag lustig zugeht. Das ist ja eigentlich, ist ja sehr straight, da kann man auch ‘n Haus bauen oder irgendwas.
Durch den Erfolg von „Erst die Arbeit und dann?“ bekam Detlev Buck einen Ausbildungsplatz an der „Deutschen Film- und Fernsehakademie“ in Westberlin. Dort hat er ein paar kurze und mittellange Filme gemacht, die zum Teil im Fernsehen, aber auch im Kino zu sehen waren. Dann kam der erste Langfilm: „Karniggels“. Der war auch erfolgreich. Und jetzt repräsentiert Detlev Buck Deutschland im Wettbewerb der „43. Internationalen Filmfestspiele Berlin“.
O-Ton Detlev Buck: Ah, ich meine, es ist in Ordnung, wir haben gesagt, entweder geht der Film in den Wettbewerb oder er geht gar nicht in... Berlinale. Bumm. Weil das dann auch plötzlich ‘ne Öffentlichkeit kriegt, was uns als Produktion interessiert hat, daß das auch international besprochen wird. Vielleicht auch irgendwie verkloppt wird, gell?
Das klingt geschäftsmäßig und sehr professionell. Und so muß man auch denken, denn beim Filmemachen geht es unter anderem um viel Geld. 2,8 Millionen Mark hat „Wir können auch anders“ gekostet. Das ist wenig – für einen Film. Aber eigentlich ein ganzer Haufen Geld. Deshalb freut sich Detlev Buck zwar, bei der Berlinale dabei zu sein, aber wichtig ist ihm vor allem die Resonanz an der Kinokasse.
O-Ton Detlev Buck: Also ich meine, irgendwann ist die Berlinale zuende, alle gehen wieder nach Hause, es ist wunderbar, und... ja das war’s dann auch. Und dann kannst Du ja nicht mit ‘ner Plakette rumrennen „Offizieller Beitrag der Berlinale ‘93“. Da scheißt ja jeder Hund drauf. Was soll’s?
„Wir können auch anders“ handelt von einer Reise durch Mecklenburg-Vorpommern. Die beiden Brüder Most und Rudi Kipp haben von ihrer Großmutter ein Häuschen geerbt. Und das suchen sie. Was nicht deshalb schwer ist, weil es so versteckt liegt, sondern weil Rudi und Most nicht lesen können. Weder Straßenkarten noch Wegweiser. Dann bekommen sie Gesellschaft von einem desertierten Rotarmisten, der sie zunächst mit seiner Kalaschnikow bedroht, sie dann aber vor ein paar geldgierigen Wegelagerern beschützt. Sie werden Freunde, auch wenn sie sich nicht verstehen. Dafür ist dann die Polizei hinter ihnen her, wegen der Wegelagerer. Und dann lernen sie noch eine frustrierte Serviererin kennen, die sie als Geisel nehmen. Klar, daß es nicht bei dem Geisel-Gangster-Verhältnis beleibt. Weil es ja eine Komödie ist. Und eine märchenhafte dazu.
O-Ton Detlev Buck: Tatsächlich, es war ein bißchen auch Märchen drin, obwohl, das alles spielt hier. Die Autos, und die Charaktere, ist alles hier. Und trotzdem hat’s ‘n Märchencharakter. Das find’ ich das Schönste, das ist, was ich mag an dem Film auch. Das hängt eben mit den Figuren auch zusammen.
Nicht nur das. Es ist vor allem das Ende des Films, das ein bißchen an die Zeiten erinnert, als der Held sich als Königssohn entpuppte und für seine Heldentaten eine schöne Prinzessin heiraten durfte. „Wir können auch anders“ hat ein Happy End: mutwillig unrealistisch und ganz bezaubernd.
O-Ton Detlev Buck: Er hätte ja auch den Freitod wählen können, ich hab’ ja neulich ‘n Artikel gelesen, wo man sagte, es ist Mode jetzt: Freitod. Mode, hört sich ja beknackt an, aber in drei Filmen kam am Schluß der Freitod. Der Selbstmord. Das ist aber kein Ende für mich. Wenn die Figuren, ich sag’ mal die Figuren in dem Film, der macht die ja leiden ‘n Haufen, also, sie müssen ‘ne Menge durchstehen, die kommen zwar immer wieder hoch, aber sie müssen ‘ne Menge durchstehen, und denen kann ich kein’ schlechten Schluß gönnen, das geht nicht. Und sie haben soviel durchgemacht, dann gönn ich ihnen ‘was Positives.
„Wir können auch anders“ ist eine rundum gelungene kleine deutsche Komödie: geistreich, witzig, originell, mit herrlichen Bildern, guten Schauspielern und einer gehörigen Portion Wehmut, Melancholie. Mit anderen Berlinale-Wettbewerbsfilmen wie zum Beispiel den amerikanischen Mammut-Produktionen „Hoffa“ oder „Malcolm X“ kann Detlev Bucks Film allerdings nicht verglichen werden. Das ist keine Frage von Qualität, sondern einfach eine andere Liga. Obwohl Detlev Buck nicht nur den deutschen Filmmarkt im Auge hat. Er hofft, „Wir können auch anders“ ins Ausland verkaufen zu können. Der Film hat sogar einen englischen Titel: „No More, Mr. Nice Guy“.
O-Ton Detlev Buck: Haben wir lange überlegt, der erste war „We Will Show You“ (Gelächter) Haut ja nicht hin. Und dann waren wir schwer mit Englisch zugange. Und dann hatte Spike „She’s Gotta Have It“: „We Gonna Show You“. (Gelächter)
Das war während der Berlinale-Pressekonferenz. Und da war Detlev Buck der unumstrittene Star: durch seine Mischung aus norddeutscher Bauernschläue und geschliffenem Witz.
Das ist es auch, was seine Filme auszeichnet. Die ländliche Mischung. Detlev Buck will einfach Filme machen, Geschichten erzählen. Er träumt nicht davon, in Hollywood Karriere zu machen. Er hat zwar ein Vorbild, aber selbst das ist provozierend bodenständig:
O-Ton Detlev Buck: Mein Großvater, den ich nicht kenn’. Da hab ich immer gehört, daß der jeden Sonntag wahnsinnig seine Schuhe geputzt hat, gute Stiefel, und dann einen Anzug angezogen hat und dann stolz durchs Dorf gegangen ist, sehr sauber, sehr energisch, war groß, der Typ, hat in der Weltwirtschaftskrise ein Haus aufgebaut, und ich hab’ ein Bild von ihm hängen, ein altes, was meine Oma, die jetzt verstorben ist, in ihrem Wohnzimmer hängen hatte, und guck ich mir immer den Typen an und denke, Mann, Junge, mach’ ich. Das mal zu Vorbild. Es gibt so viele Leute, und das ist konkret, gell?
Abmoderation (Vorschlag): Detlev Buck – offensichtlich eine Ausnahmefigur der Filmszene. Sein Film „Wir könne auch anders“ läuft ab dem 1. April in den deutschen Kinos.
(Für DT64) |
Kinderfilmfest: "Das kahle Gespenst" |
Anmoderation: Berlinale 1993 – Da gehört natürlich auch das Kinderfilmfest dazu. Das findet in diesem Jahr zum 16. Mal statt, und ist eine Miniausgabe der „erwachsenen“ Filmfestspiele. Es gibt Preise für die besten Filme. Eine richtige Jury, die aus elf Kindern besteht. Die Vorstellungen sind genauso voll wie bei den Großen, und auch beim Kinderfilmfest zeigen die kleinen Zuschauer nach dem Film, wie er ihnen gefallen hat.
O-Ton Applaus Der Applaus gilt dem dänischen Kinderfilm „Das kahle Gespenst“. Das ist nicht etwa ein Gruselfilm mit einem bösen Geist. Sondern ein Film, der ganz ernsthaft den Tod zum Thema hat. Aber nicht nur. Julia:
O-Ton Julia: Lustig, spannend, war halt gut so.
Die Hauptperson ist ein elfjähriger Junge: Jasper. Der hat immer den alten Fischer Aron besucht, aber der ist gestorben. Und seitdem schleicht um Mitternacht immer so eine merkwürdige Gestalt um Jaspers Haus herum: Ein guter Geist.
Und dann ist da noch Maurice, der Sohn des Pfarrers. Der läßt keine Gelegenheit aus, Jasper zu ärgern: Ein richtiger Fiesling.
Das fanden die kleinen Zuschauer auch, und sie sind auch richtig mitgegangen. Aber als richtige Berlinale-Besucher sehen sie nicht nur die Filmfiguren.
O-Ton Julia II: Gut gespielt haben die, fand ich. (...) Naja, es ist anstrengend, den ganzen Text auswendigzulernen. Und auch, wissen, was man machen muß, (unter Wasser und so), das ist ja gar nicht so einfach.
Das war eine andere Julia. Und es klingt, als würde sie etwas davon verstehen.
O-Ton Julia II: Als ich kleiner war, als fünf, hab’ ich auch schon „Praxis Bülowbogen hab’ ich mitgemacht. Und ich hab’ auch Performance, also Theater, mitgemacht.
Fachleute also auch beim Kinderfilmfest. Und, wie beim Erwachsenen-Filmfest, echte Vielgucker, die sich fast alle Filme ansehen. Wie Anke:
O-Ton Anke: Also, die Filme gefallen mir alle ganz gut und es sind auch die meisten Filme sind unterschiedlich dann, also einmal geht’s um Phantasie und einmal jetzt wie der Film um Trauer und um Tod und mir gefällt das.
Anke ist Mitarbeiterin für die „Regenbogenpresse“: eine Zeitung für Kinder. Und als junge Reporterin hatte sie – aus dem Stand – gleich eine richtige kleine Filmkritik parat.
O-Ton Anke: Also, ich fand’ es gut, daß so halt über den Tod berichtet wurde, und auch daß der Junge dann halt Angst hatte darüber, und aber er konnte dann ja ganz gut damit zurechtkommen, und das fand ich halt gut, daß es so dargestellt wurde, und auch, daß er sich dann zum Schluß mit dem anderen Jungen, also mit dem Moritz dann wieder vertragen hat, und ich fand es also gut dargestellt. So.
Abmoderation (Vorschlag): Der dänische Kinderfilm „Das Kahle Gespenst“ von Brita Wielopolkska ist für Kinder ab 8 empfohlen und noch dreimal zu sehen: Donnerstag um 15.00 Uhr im Filmkunst 66. Und Freitag um 16.00 Uhr und Sonntag um 14.00 Uhr in der Urania. Ein R.S.2-Beitrag von Jens Steinbrenner. |
Portrait Danny DeVito |
Anmoderation (Vorschlag): Danny DeVito ist der Giftzwerg aus Hollywood. In „Die unglaubliche Entführung der verrückten Mrs. Stone“ war er froh, daß er seine Frau los war. In „Schmeiß die Mama aus dem Zug“ wollte er seine Mutter umbringen. Er war der mißratene Bruder von Arnold Schwarzenegger – in „Zwillinge“ – und der fiese Pinguin-Mann: in „Batmans Rückkehr“. Danny DeVito ist aber nicht nur Schauspieler, sondern auch Regisseur: Vor drei Jahren hat er auf der Berlinale „Der Rosenkrieg“ gezeigt. Und in diesem Jahr ist er gleich mit zwei Filmen dabei: „Hoffa“, bei dem er auch Regie geführt hat, und „Jack der Bär“ von Marshall Herskovitz.
O-Ton Marshall Herskovitz: Danny is entirely unique. There is never been anyone and never will be anyone just like Danny. He’s remarable talented, he’s very warm, very complicated, he’s very angry, he’s very professionell, he’s a formidable human beeing. It’s no coincidence that he has become a major force in the american fimindustrie. Because he’s an director, he’s an actor, he has great talent. You know, he’s a major person.
Das war Marshall Herskovitz, der Regisseur von „Jack, der Bär“. Da spielt Danny DeVito einen Witwer mit zwei Söhnen. Das war leicht, weil er selbst Kinder hat.
O-Ton Danny DeVito: Three. (...) What kind? One of each. It’s an old joke. I’ve two daughters and a son, 9, 7 and boy 5 years old.
Danny DeVito ist ein Superstar, einer der wenigen. Und ein Spaßvogel. In der Öffentlichkeit, bei Interviews und auf Pressekonferenzen läßt er keinen Witz aus. Aber er ist keineswegs oberflächlich, schon gar nicht, wenn es um seine Arbeit geht. Um seine Arbeit als Regisseur, und um seine Arbeit als Schauspieler.
In „Jack, der Bär“ ist Danny DeVito nur Schauspieler.
O-Ton Danny DeVito: It’s very interesting, because it’s a simple story of a man and his two sons. They have a loss in their life, a sense of loss. He’s raising him without a mother because she’s... you see the movie and what happens to her. It’s about monsters, inside and out. The things, that he’s dealing with, the demons, whether it’s guilt or... and exteriour monsters too, different ideas and things that can be monsterous. That are monsterous to all of us. It’s kind of point of view of this little boy, who’s my son, who’s ten in the movie, I have two children in the movie, one is ten one is three an a half, four. And it’s fun, an interesting film. It’t a lot different than other things that I’ve done, too.
In „Jack, der Bär“ ist tatsächlich ein ganz anderer Danny DeVito zu sehen: Ein trauriger, zweifelnder Mann voller Schuldgefühle. Den spielt DeVito mit großem Ernst und großer Tiefe. „Jack, der Bär“ ist ein großartiger Film, der auf der Berlinale ein bißchen untergegangen ist. Das liegt an dem zweiten Danny-DeVito-Film. In dem ist DeVito eben nicht nur Schauspieler, sondern auch Regisseur und Co-Produzent: „Hoffa“.
„Hoffa“ ist die verfilmte Biografie des amerikanischen Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa.
O-Ton Danny DeVito: I didn’t know very much about Jimmy Hoffa. I only knew the things that were fed to me by the press and by the TV and... very slanderous things. I thought of him as a Capone-Character (...) I couldn’t believe when I first red the screenplay, that this was the guy, that I had heard about. This was not – In my mind – wasn’t a guy who dedicated his life for 24 hours a day to try to put more food on the tables of the peoples of his union. And that’s what I was getting from this screenplay. This kind of heroic dedicated individual, but as I did more and more research, I found this to be true.
„Hoffa“ ist in den USA katastrophal schlecht gelaufen. Das liegt zum einen am amerikanischen Publikum, das sich mit bestimmten Themen nur wiederwillig befaßt. Und in „Hoffa“ werden einige amerikanischen Mythen nicht gerade freundlich behandelt.
O-Ton Danny DeVito: Bobby Kennedy to Jimmie Hoffa, in Jimmy Hoffa’s eyes, Bobby Kennedy was just an opportunistic young punk, who got there, because his father was worth 300.000.000 Dollars. Who had nothing to do with anything good, contributed never anything to the american people,.. he believed the same thing about Jack Kennedy, he believed, that it was all TV-Show... The only reason they were there is because of the money.
Danny DeVito zeigt Jimmy Hoffa zwar nicht als edlen Ritter, sondern als kontroverse Figur mit unübersehbaren Schattenseiten. Trotzdem ist DeVitos Hoffa unter dem Strich integer. Und diese Darstellung haben ihm nicht nur die Kinogänger übelgenommen, sondern auch manche Historiker, für die Jimmy Hoffa erst in zweiter Linie der charismatische Gewerkschaftsführer ist: vor allem aber ein skrupelloser Machtmensch, der über Leichen ging und mit der Mafia paktierte.
O-Ton Danny DeVito: In the United States Jimmy Hoffa is not a hero. He’s a contrary. One of the challenging things about this movie for me was that the majority of the people in the United States believe that he was a thug, that he was a bad guy, that he was not a hero at all.
Danny DeVitos „Hoffa“ ist großes, monumentales Ausstattungskino. Perfekt gemacht, zwar nicht immer spannend, aber durchweg faszinierend. Das liegt auch an Jack Nicholson in der Hauptrolle. Der spielt nicht nur großartig, sondern hat auch Ähnlichkeit mit dem echten Jimmy Hoffa.
O-Ton Danny DeVito: What we did is just one thing: we put a little nose on him. Everything else is pretty much same. We changed his tooth, and his lips are thinner. And the haircut. The rest is just brilliant acting.
Danny DeVito ist kein Schauspieler wie Robert De Niro, einer, der für jede Rolle anders aussieht. Das ist bei Danny DeVito auch unmöglich. Er ist nämlich sehr auffällig. Klein. Einen Meter und 52 Zentimeter. Der perfekte Giftzwerg, wie er hinlänglich gezeigt hat. Dieser Rolle scheint Danny DeVito fürs erste überdrüssig zu sein, wie man an „Jack, der Bär“ und vor allem „Hoffa“ sehen kann. „Hoffa“ sieht aus, als hätte DeVito sich und der Welt beweisen wollen, daß er mehr kann als nur komisch zu sein.
O-Ton Danny DeVito: Well, I think, that’s the resigual benefit. It would be horrable, just doing one kind of movie. (...) if you don’t try new things, take chances or... you won’t grow, and that’s, what we wanna do, to explore other areas and different material and exercise other muscles because otherwise you keep making the same movie over and over again. I think, it happens. Not to me.
Abmoderation (Vorschlag): „Hoffa“, mit vollem deutschen Titel übrigens „Hoffa – Herr der Laster“ startet am 4. März in den deutschen Kinos, und „Jack, der Bär“ kommt am 27. Mai. |
Beeban Kidron und ihr Film "Used People" |
Anmoderation (Vorschlag): Beeban (Aussprache englisch: Bieban) Kidron? Nie gehört? Wir auch nicht. Beeban Kidron ist eine junge britische Regisseurin, die gestern im Berlinale-Wettbewerb ihren ersten amerikanischen Film vorgestellt hat: „Used People“, auf deutsch: „Die Herbstzeitlosen“. Mit Shirley MacLaine, Marcello Mastroianni, Kathy Bates, Jessica Tandy – das sind bekannte Namen! Jens Steinbrenner hat den Film gesehen und mit Beeban Kidron gesprochen.
Marcello Mastroianni spielt Joe, einen Italo-Amerikaner. Der ist seit 23 Jahren in eine jüdische Hausfrau verliebt: Shirley MacLaine. Als deren Ehemann stirbt, faßt sich Joe ein Herz. Er macht ihr einen Antrag. Und trotz aller religiösen und gesellschaftlichen Problem werden die beiden ein Paar.
„Used People“: Eine Liebesgeschichte unter nicht mehr ganz jungen Leuten. Und das ist ungewöhnlich. Beeban Kidron:
O-Ton Kidron: I’m sure, it’s quite usual that people of this age fall in love. It’s not so usual in the cinema, that people of this age fall in love. (...) It was one of the reasons, i was attracted to doing this film. I have a personal view, that I find it difficult, that in the western world we have glorified youth to such a degree. (...) I also don’t think, it makes people very happy (...) and I think that is important for people, who are old, to see themselves in the movies.
Beeban Kidron ist eine außergewöhnliche Regisseurin. Sie ist erst 30 und hat in England ein paar kleinere Filme gedreht. Und die schienen in Hollywood einen so großen Eindruck gemacht zu haben, daß die Studiobosse Beeban Kidron gebeten haben, „Used People“ zu inszenieren.
Auch der Beginn ihrer Karriere ist bemerkenswert.
O-Ton Kidron: When I was a child, I had a problem with my voice and I had an operation on my troat, which ment, I couldn’t talk for one year. And a friend of the family, a photographer, gave me a camera. And so I was 11 years old and I was taking pictures. So all my life I have been taking photographs. And when I was at certain age, an american photographer called Eve Arnold, who is a very phantastic photographer, asked me to come and work for her and I was very young and I said I’m sorry, I’m at school and when she found out, I was 14, she decided she wanted me to wark for her. And two years later, when I was 16, on my 16. Birthday, she rang me up and she said, will you come work for me now.
Später hat Beeban Kidron auf einer Filmschule Kamerafrau gelernt. Und als sie es leid war, für andere Leute schlechte Filme zu fotorgafieren, ist sie Regisseurin geworden.
Und nun hat sie ihren ersten Hollywood-Film gedreht. Mit 30. Und als Frau in diesem harten, von Männern dominierten Geschäft. Aber Beeban Kidron fühlt sich nicht als Ausnahme-Frau. Sie macht einfach Filme.
O-Ton Kidron: The truth is, my personality has very much to do with beeing a woman, and issues, that concern women and so on, of which I’m very proud and very happy, but the truth of the matter is, that most people certainly in the Industrie look at my work and think, oh, that’s a beeban Kidron-film. They don’t think, she’s a woman, and that’s a huge step forward. (...) I don’t think, there is such a thing as Women’s Cinema, but I do thing, there is such a thing as a woman’s sensibility.
Abmoderation (Vorschlag): Beeban Kidron, die Regisseurin von „Used People“. Deutscher Titel: „Die Herbstzeitlosen“. Der Film läuft heute noch zweimal: um 14.00 Uhr im Zoopalast und um 23.30 in der Urania. Bundesstart ist der 15. April. |
Filmbesprechung "Ehemänner und Ehefrauen" |
Anmoderation (Vorschlag): In den letzten Jahren war er auf jeder Berlinale mit einem neuen Film vertreten: Woody Allen. So auch in diesem Jahr. „Ehemänner und Ehefrauen“ lief allerdings nicht – wie früher die Woody-Allen-Filme – im Wettbewerb, sondern im Panorama. Ob das mit den unerquicklichen Ereignissen um die Person Woody Allen zu tun hat, wissen wir nicht. Fest steht jedenfalls, daß „Ehemänner und Ehefrauen“ mal wieder ein Meisterwerk von Woody Allen ist. Jens Steinbrenner hat den Film gesehen.
Woody Allen ist zu einem seiner alten Themen zurückgekehrt: die Schwierigkeiten, die Männer und Frauen haben, wenn sie zusammenleben. Und die Schwierigkeiten, die sie haben, wenn sie nicht zusammenleben.
Mia Farrow und Woody Allen spielen das Ehepaar Gabe und Judy. Die beiden sind eigentlich ganz glücklich. Aber eines Tages macht ihnen ein befreundetes Ehepaar eine beunruhigende Mitteilung:
O-Ton: Jack und ich werden uns trennen. (...) – Wir haben das sehr sehr lange besprochen und wir halten das beide für das beste. Versteht Ihr? – Das ist nur ein Scherz von Euch, ihr... – Tut mir einen Gefallen und macht kein großes Drama daraus, ja? Wir beide sind uns nämlich einig.
Aber Gabe und Judy machen doch ein Drama draus. Sie wollen es einfach nicht verstehen.
O-Ton: Ihr kennt doch sowas: Menschen leben sich auseinander. Es sind eine ganze Menge kleiner persönlicher Dinge. Und nun hört auf damit! – Bitte! Ich will diesen Schwachsinn nicht hören. – Judy... – Weshalb regt sie sich denn so auf? – Sie macht sich Sorgen um uns. – Ich mach’ mir auch Sorgen um Euch. Judy!
Die Ehe von Gabe und Judy ist nur scheinbar glücklich. Und die Trennung ihrer Freunde läßt so manchen Frust ausbrechen, der bisher unterdrückt war.
O-Ton: Meinst Du, daß wir uns jemals trennen werden? – Also, was ist das denn für eine Frage? Also, ich hab’ es jedenfalls nicht vor. Du etwa? – Nein. – Na bitte. – Aber ich weiß nicht, was ich darüber denken werde, wenn, wenn Du auch weiterhin kein Kind von mir haben willst. – Sag’ mal, müssen wir das jetzt schon wieder durchkauen?
„Ehemänner und Ehefrauen“ ist ein Woody-Allen-Film in der Tradition vom „Stadtneurotiker“ oder „Manhattan“: Woody Allen ist wieder der melancholische Großstadt-Intellektuelle, der am Leben und der Welt leidet. Und sich mit sarkastischem Witz und geschliffenen Sprüchen zu wehren versucht. Das ist lustig und geistreich, unterhaltsam und nett anzusehen. Aber „Ehemänner und Ehefrauen“ ist gleichzeitig todernst. Weil Woody Allen eine Geschichte erzählt, die jedem passieren kann. Und weil „Ehemänner und Ehefrauen“ so echt aussieht. Das hat nichts mit den angeblichen Parallelen zu Woody Allens wirklichem Leben zu tun. Sondern damit, daß Woody Allen immer noch einer der größten Geschichtenerzähler und Filmemacher überhaupt ist.
Abmoderation (Vorschlag): „Ehemänner und Ehefrauen“ kann man sich in der Originalfassung auf der Berlinale noch mal heute ansehen: um 16.00 Uhr im Atelier am Zoo. Ab Donnerstag läuft der Film dann regulär im Kino. |
Bärenverleihung im Zoopalast |
Anmoderation (Vorschlag): Nun ist’s geschafft: Die 43. Internationalen Filmfestspiele Berlin haben nach etlichen hundert Filmen und 12 ausgefüllten Tagen im Film-Fieber ihr wohlverdientes Ende gefunden. Jens Steinbrenner war auf der Bärenverleihung, gestern im Berliner „Zoo-Palast“. Da wurde als Abschlußfilm „La petite Apokalypse“ von Costa Gavras gezeigt. Das hat aber niemanden interessiert, alle wollten nur das eine:
O-Ton: 43. Internationale Filmfestspiele Berlin: Preisverleihung. The Pricegiving. La remise de prix. La intrega da los premios. La premiazione.
Jaja, die große weite Welt, die war während der letzten zwei Wochen zu Gast in dieser Stadt. Noch mehr als sonst. Die Berlinale ist eben international. Obwohl zum Beispiel Jurypräsident Frank Beyer damit seine Probleme hatte.
O-Ton Frank Beyer: Na, wo ist denn der Goldene, der englische Goldene Bär? Ach, das geht von unten nach oben, ja: Golden Berlin Beer to the Film „Bolero“ by Ivan Maximov, Russia.
Das war auf der Pressekonferenz, am Abend hat ein Dolmetscher die Übersetzungsarbeit erledigt. Niemand brauchte sich über die Berliner Biere zu amüsieren. „Bolero“ hat übrigens einen Kurzfilmbären bekommen. Bei den Langfilmen war nicht der europäische Osten vertreten, sondern der ganz ferne. China hat abgesahnt, doppelt: Taiwan und die Volksrepublik.
O-Ton: Die Jury verleiht einstimmig den Goldenen Berliner Bär der 43. Internationalen Filmfestspiele ex aequo an die Filme „Xian Hunnü – Die Frauen vom See der duftenden Seelen“ von Xie Fei, China, und „Hsi Yen – Das Hochzeitsbankett“ von Ang Lee.
Ohne den Filmen künstlerische Qualitäten absprechen zu wollen: Das war ganz klar eine politische Entscheidung. Überhaupt schien die Jury die begutachteten Filme mehr auf völkerverständigende Qualitäten abgeklopft zu haben, als auf filmische. Und die Preise so vergeben, daß sich niemand übergangen fühlen mußte. Zwei amerikanische Stars, Michelle Pfeiffer und Denzel Washington, bekamen Schauspielerbären. Burkina Faso und Georgien bekamen silberne Bären, womit den armen und unterentwickelten Ländern bescheinigt wurde, daß man ihr Filmschaffen zur Kenntnis nimmt. Der Sohn des ehemaligen israelischen Verteidigungsministers Moshe Dayan, Assi, bekam für seinen Film „Das Leben, wie von Agfa bezeugt“ eine lobende Erwähnung. Er war nicht der einzige Trostpreisträger.
O-Ton: Eine lobende Erwähnung erhält der Film „Wir können auch anders“ von Detlev Buck, Deutschland, für seinen humorvollen und frechen Umgang mit der heutigen deutschen Wirklichkeit. (Applaus)
Und da kam endlich etwas Leben in die Bude. Der Ex-Landwirt Detlev Buck ist nämlich genauso unkonventionell und lustig wie seine Filme. Er überreichte Berlinale-Chef Moritz de Hadeln ein wichtiges Requisit aus seinem Film. Eine Kalaschnikow.
O-Ton Moritz de Hadeln: Ich nehm’die gerne entgegen, wenn diese häßliche Dinger nicht mehr genügt sind, um zu Menschen zu schießen, sondern nur gute Film zu machen. Vielen Dank.
Aber die Jury hat auch die eine oder andere künstlerische Entscheidung getroffen.
O-Ton: Silberner Bär für die beste Regie für den Film „The Cement Garden“ von Andrew Birkin, Großbritannien. (... Fanfare; Applaus) Den Preis nehmen Andrew Birkin, die Schauspielerin Charlotte Gainsbourgh und der Schauspieler Andrew Robertson entgegen.
„The Cement Garden“ ist ein wundervoller, ruhiger und trauriger Film, eine Inzest-Geschichte ohne jede moralische Wertung, mit phantastischen Bildern und großartigen Schauspielern. Regisseur Andrew Birkin, übrigens der Bruder von Jane Birkin und somit der Onkel seiner Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourgh... Andrew Birkin jedenfalls hat mit seiner kleinen Ansprache auch etwas Leben in die ansonsten todlangweiligen Dankesreden gebracht.
O-Ton Andrew Birkin: I do thank the jury and I apologise for the clothes we’re in, we really had no idea, that this might happen and it seem, that like, to come to a filmfestival with a tuxedo in your bags seemed a little like taking a girl out to dinner with a condom in your pocket. So, I’m sorry.
Aber nicht nur an aktuelle Filme wurden Bären verliehen, auch zwei Dinosaurier des Kinos wurden geehrt. Gregory Peck. Und der wohl beliebteste Berlinale-Gast: Billy Wilder. Der bekam einen Ehren-Bären für sein Lebenswerk.
O-Ton Wilder: When I heard, that I’m going to get the big Berlin-Award, The Golden Bear, I could not sleep for two nights. Cause my sorrows were: Do I really deserve it? And I thought about it and I thought about it and on the third day and on the third day I got up and said: I deserve it.
Und damit war die Veranstaltung fast zuende. Die Bühne war voller Leute: die Damen hielten sich an Blumensträußen fest, die Herren an Bären und Urkunden. Das Publikum: Bepelzte und befrackte Leute, brav wie Oberschüler beim Popkonzert, hoffend, auch etwas vom Glanz des Starrummels mitzukriegen. Sie hatten Dankesreden für fast alle 13 Bären gehört, und eine schauderhafte Blaskapelle für die Fanfaren. Kameraleute gesehen, die sich um die besten Plätze beinahe prügelten. Bis der Chef, Moritz de Hadeln, die Veranstaltung beendete und in seinem einzigartigen Deutsch das definitive Schlußwort sprach:
O-Ton de Hadeln: Ich sage nur: Auf Wiedersehen. 10. Februar 1984 (Geraune) OK, 10. Februar ist auf jeden Fall richtig, 94, würde die Eröffnung der nächste Filmfestspiele, die 44. Goodbye, thank you very much, auf Wiedersehen. |
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