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Berlin. Filmstadt.

Man erkennt diese Stadt sofort. Nicht unbedingt am Geruch, obwohl noch das eine oder andere Automobil die charakteristischen Zweitaktwölkchen hinter sich herzieht, und die U-Bahn riecht so wie in anderen Metropolen auch, außerdem kann man Gerüche nicht abbilden. Und hier geht es um Abbildungen, auch, denn es ist viel Berlin zu sehen in Filmen und im Fernsehen. Es wäre sicher übertrieben, ein bißchen vermessen und nicht zu verifizieren, zu behaupten, daß Berlin die am meisten gefilmte Stadt Deutschlands ist. Aber man erkennt Berlin immer, während andere Städte eben Städte sind, selbstverständlich ebenso unverwechselbar, mit ebenso einzigartigen Bewohnern, liebenswerten Lieblingsplätzen und aufregenden Attraktionen, gewiss, aber Berlin...

Es ist das Pflaster, vielleicht, die Bürgersteige, die immer noch aus ziemlich mächtigen Granitplatten bestehen, aus denen sie in anderen Städten Bürohausfassaden machen, oder Couchtische. Die gibt es hier natürlich auch, aber die Berliner Gehwegplatten sind ziemlich einzigartig. Man spürt ihre Massivität, ihre Schwere, und das ist bestimmt auch der Grund, warum sie immer noch da sind. Man könnte sie bestimmt durch die standardisierten 30x30-Zentimeter-Kunststeine ersetzen, die die Bürgersteine aller anderen großen und kleinen Städte bedecken, aber man weiß vielleicht nicht, wohin damit und entledigt sich des Entsorgungsproblems, indem man sie einfach liegen läßt.

Über Berliner Gehwegplatten sind berühmte und wichtige Leute gelaufen, manchmal sogar über dieselben, auf denen der Spaziergänger auf Berlins Bürgersteigen gerade steht. Es ist eine großartige Vorstellung, daß hier, an dieser Straßenecke, auf diesen Granitplatten, vor 65 Jahre vielleicht Erich Kästner gestanden und Dreharbeiten beobachtet hat, drüben, auf der anderen Straßenseite. Eine Horde Berliner Gören verfolgt einen finsteren Mann, Fritz Rasp, und Erich Kästner hat am Drehbuch mitgeschrieben, auch wenn später immer nur Billy Wilder als Drehbuchautor von „Emil und die Detektive“ genannt wird.

Damals ging bekanntlich gerade die große Blütezeit des deutschen Films zuende, und damit auch die große Zeit Berlins als Haupt- oder wenigstens wichtige Nebendarstellerin in Filmen. Die Nazis mochten keine Genies, keine Juden, keine Künstler, keine Denker und auch keine Spötter. Die Nazis mochten auch Städte nicht besonders, höchstens die Hauptstadt ihrer Bewegung oder Nürnberg, wo sich viele Menschen trefflich zu lebenden Monumentalarrangements ordnen ließen. Die Nazis liebten Ordnung, und deshalb konnten sie mit Berlin nichts anfangen, außer als Bauplatz für ihr monströses „Germania“, aus dem dann zum Glück nichts geworden ist.

Merkwürdigerweise stammt eins der treffendsten Film-Zitate über Berlin aus einem Film, der zumindest von den Nazis gebilligt wurde, Großstadtmelodie von Wolfgang Liebeneiner aus dem Jahre 1943: „Hier gibt es so viele verschiedene Stadtteile und Menschen. Es ist eigentlich gar keine Stadt, mehr wie ein Land mit Provinzen und Völkerschaften und ganz verschiedenen Arten von Menschen.“

Berlins Film-Karriere begann kurz nach jenem 1. November 1895, an dem Max und Emil Skladanowsky im Varieté „Wintergarten“ (nicht zu verwechseln mit dem „Wintergarten“ des Jahres 1995) ihre ersten öffentlichen Filmvorführungen veranstaltet hatten. Ein boxendes Känguru, ein jonglierender Mann. Aber die Skladanowskys waren wild auf wirkliche Bewegung, auf brausendes Leben, und so wurden 1896 auf ihren Plakaten folgende Programmpunkte angekündigt: „Leben und Treiben auf dem Alexanderplatz in Berlin“; „Unter den Linden in Berlin“. Damit begann für Berlin eine große Karriere als Neben- und später auch als Hauptdarstellerin, die sich, wie es sich für Stars gehört, dann und wann auch doubeln lassen mußte. 1912 diente die Friedrichstraße Asta Nielsen als Hintergrund für eine Fahrt auf dem offenen Oberdeck eines Linienbusses, und am 23. September 1927 wurde Walter Ruttmanns „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“ uraufgeführt. Ein Film ohne Schauspieler, aber mit der Hauptdarstellerin Berlin, die schon eine gewisse Routine hatte: 24 Stunden im Leben der Stadt, Kontraste, Hektik und Ruhe, Fabriken und leere Parks, Verkehr. Zwei Beispiele nur.

Das waren, wie man heute sagt, die Goldenen Zwanziger, die aber so golden gar nicht waren, wenn man die Menschen hört, die dabeigewesen sind. Aber sie waren glänzend, auch die Jahrzehnte davor, und ob das Funkeln von Diamanten oder von billigem Glitter stammte, ist aus der Ferne nur schwer auszumachen. Auf jeden Fall war es eine Zeit, in der die unerhört junge Kunstform Film prächtig gedieh. Babelsberg ist auch heute ein Begriff, wieder und immer noch, aber die größte Filmproduktionsstätte Europas damals hieß Johannisthaler Film-Anstalten, verfügte über Ateliers mit 3.500 qm Produktionsfläche und 20.000 qm Freigelände. Johannisthal liegt im Südosten der Stadt, und in den Film-Anstalten wurden in den zwanziger Jahren über 300 Filme hergestellt. Oder Karlshorst bei Berlin, wo Joe May in den zehner und zwanziger Jahren Monumentalfilme wie „Herrin der Welt“ oder „Das indische Grabmal“ drehte. Das „Cabinet des Dr. Caligari“ ist in Weissensee entstanden, und in den Efa-Ateliers am Zoo und in Tempelhof arbeitete unter anderem Ernst Lubitsch. In Berlin gab es Anfang der zwanziger Jahre ungefähr 15 Ateliers für Filmproduktionen, und in der ganzen Stadt waren Varietés, Theater, Kabaretts und Revuen, wo Scharen von jungen Schauspielerinnen und Schauspielern auftraten und auf die große Chance beim Kintopp hofften. Darunter war auch eine junge Violinistin, die wegen einer Sehnenscheidenentzündung ihren Beruf hatte aufgeben müssen. Marlene Dietrich jobbte als Model, tanzte 1922 in der Girltruppe des Kabarett-Direktors Guido Thielscher und spielte 1923 ihre erste Filmrolle: die Krämertochter in Wilhelm Dieterles „Menschen am Wege“. Alles weitere ist bekannt.

Berlin träumte vom Film, und der Film war schon bedeutend genug, daß er wiederum als Thema taugte. Nicht nur für Kritiker und Theoretiker, auch für Romanciers. Film gehörte plötzlich zur wirklichen Welt, und fast alles, was mit ihm zu tun hatte, war geheimnisvoll und aufregend und auch ein bißchen halbseiden.

Auf den Berliner Gehwegplatten stand nicht nur Erich Kästner, dort stellte er sich auch seinen Helden, den arbeitslosen Reklamefachmann Jakob Fabian vor, der sich zwischen Müllerstraße und Bellevuestraße den Kummer von der Seele spazierte, nachdem er einen Brief von seiner Freundin Cornelia bekommen hatte: „Sie wollen mich beim nächsten Film herausstellen. Morgen unterschreibe ich den Kontrakt. Makart hat mir zwei Zimmer gemietet. Es ist nicht zu umgehen. Er sprach darüber, als handle es sich um einen Zentner Briketts. Fünfzig Jahre ist er alt, und er sieht aus wie ein zu gut angezogener Ringkämpfer im Ruhestand. Mir ist, als hätte ich mich an die Anatomie verkauft.“ Später trifft Fabian Cornelia im Café: „,Was soll bloß aus mir werden?’ flüsterte sie, als spreche sie zu sich selber und er sei gar nicht mehr da. ,Was soll bloß aus mir werden?’ – ,Eine unglückliche Frau, der es gut geht’, sagte er viel zu laut. ,Überrascht dich das? Kamst du nicht deswegen nach Berlin? Hier wird getauscht. Wer haben will, muß hingeben, was er hat.’“

Berlin träumte vom Film, und manche Menschen hatten Alpträume. Die Berliner aber gingen ins Kino, erlebten rauschende Premieren in prachtvollen Filmpalästen, es gab Pleiten und Flops, und schon damals handelte die Filmberichterstattung von teuersten Filmen aller Zeiten und Spezialeffekten, von technischen Innovationen und unerhörten Neuerungen. Und auch die Filme beschäftigten sich mit der Stadt. Berlin war Drehort und Schauplatz, und wem das nicht reichte, der träumte sich seine eigene Stadt: „Man müßte die Stadt der Zukunft aufbauen“, sagte Fritz Lang. „Eine Stadt, wie sie etwa im Jahre 2000 aussehen könnte.“ Jetzt haben wir fast das Jahr 2000, und die Stadt sieht nicht wie Fritz Langs „Metropolis“ aus, zum Glück, aber in Babelsberg entstand 1927 eine erste Stadtvision, die auch heute – nach „Blade Runner“ und Batmans „Gotham City“ – nicht übertroffen worden ist.

Ja, Berlin hatte eine große Zeit als Filmstadt, und natürlich hat Berlin auch nach den Goldenen Zwanziger Jahren nicht aufgehört, eine Filmstadt zu sein. Für die Nationalsozialisten war der Film Chefsache, eine Angelegenheit größter politischer Bedeutung, und wenn sie auch die meisten talentierten Filmschaffenden nach Hollywood jagten, so trieben sie doch die Filmproduktion konsequent voran. In dieser Zeit entstanden Filme, die Formalisten lieben, und Filme für das große Publikum. Das hatte Filme auch bitter nötig; es gab keine Zeit, in der der Bedarf nach Ablenkung so groß war, und mit den Unterhaltungsfilmen dieser Jahre kam man trefflich auf andere Gedanken als Krieg, Vernichtung und Völkermord.

Danach war alles anders. Die Filmindustrie war wie der Rest des Deutschen Reichs zusammengebrochen, für eine kurze Zeit hatten die Leute andere Sorgen, und dann trennten sich die Wege Deutschlands.

„Die Filmgesellschaft DEFA hat wichtige Aufgaben zu lösen. Die größte von ihnen ist der Kampf für den demokratischen Aufbau Deutschlands, das Ringen um die Erziehung des deutschen Volkes, insbesondere der Jugend, im Sinne der echten Demokratie und Humanität, um damit Achtung zu erwecken für andere Völker und Länder. Der Film als massenkunst muß eine scharfe und mächtige Waffe gegen die Reaktion und für die in der Tiefe wachsende Demokratie, gegen den Krieg und den Militarismus und für Frieden und Freundschaft aller Völker in aller Welt werden.“ Das waren die Worte des sowjetischen Obersts Tulpanow anläßlich der Lizenzübergabe am 17. Mai 1946. Die ehemalige UFA-Stadt in Babelsberg war damit unter Kontrolle der fortschrittlichen Kräfte, das Filmschaffen in der DDR war gesichert, weitestgehend zentralistisch organisiert, und die Aufgabe des Films war von höchster Stelle erweitert worden: „Der Film muß heute Antwort geben auf alle Lebensfragen unseres Volkes. Er muß den Erfordernissen gerecht werden, die die Zeit ihm stellt. Er darf nicht mehr Opium dees Vergessens sein, sondern soll den breiten Schichten unseres Volkes Kraft, Mut, Lebenswillen und Lebensfreude spenden. Vor allem aber muß das Filmschaffen getragen sein von innerer Ehrlichkeit, die die Wahrheit sucht, die Wahrheit verkündet und das Gewissen wachrüttelt", sagte Paul Wandel im Namen der Zentralverwaltung für Volksbildung.

Und Berlin? War als Hauptstadt der DDR weiter im Zentrum des Interesses. Die Filmkarriere konnte weitergehen, auch wenn der Weg von Babelsberg in die Stadt weiter geworden war, überhaupt nach jenem 13. August 1961. Schon 1946 spielte die Stadt wieder Hauptrollen, zum Beispiel in „Die Mörder sind unter uns“ von Wolfgang Staudte, oder 1947 in „Und über uns der Himmel“ von Josef von Baky, 1948 in Robert A. Stemmles „Berliner Ballade“. Berlin hatte sich verändert, es gab – zumindest zeitweilig – keinen Glanz mehr, dafür Schutt, Asche, Ruinen, was Berlin aber für den Film noch attraktiver machte. Jetzt benutzten Heimkehrer die Berliner Gehwegplatten, Entwurzelte, die sich in der neuen Welt zurechtfinden mußten. Eine große Zeit für existenzielle Konflikte.

In den fünfziger Jahren zog der Film aufs Land, zumindest in der Bundesrepublik. Opas Kino manifestierte sich als Heimatfilm, Berlin wurde Schauplatz für härtere Ware: Spionage- und Kalter-Kriegs-Geschichten.

Mike Newell, Regisseur von „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ sagt über Berlin: „Für uns Engländer eine unglaublich romantische Stadt. Immerhin haben die Engländer eine wichtige Literatur-Gattung erfunden, die sich in der Nachkriegszeit auf die Eigenarten Berlins gründete: den Spionageroman. Graham Greene, Smiley, all diese Sachen. Berlin ist für uns so romantisch, weil es hier mehr Wahrheit über die Nachkriegswelt gab als irgendwo sonst auf der Welt. Es war der Berührungspunkt zwischen den beiden Weltmächten, und falls etwas passieren sollte, war die Chance, daß es genau hier anfangen würde, sehr groß. Ich weiß noch, es ist erst ein paar Jahre her, all die Szenarios, wie der Westen atomisiert würde. Das waren wichtige Fragen damals! Und aus all diesen Gründen war hier die Wahrheit der wahren Natur des Kalten Krieges. Nicht, was die Amerikaner sagten, was wahr sei, nicht, was Moskau sagte, sondern wie es wirklich war. Hier in Berlin.“

Aus Berlin wurde in den Jahrzehnten zwei Städte, die „Hauptstadt der DDR“ und „Westberlin“. Der Ostteil: die zentrale Schaltstelle der Macht, und der Westteil ein künstlich am Leben erhaltener Außenposten der Freien Welt, Horchposten, Agententreffpunkt, Schnittstelle zwischen den Blöcken, eine gigantische Schaufensterauslage der Errungenschaften des Kapitalismus auch. Und ein Reservat, ein Zufluchtspunkt für die Eigenartigen und Eigenwilligen der Bunderepublik. Die größte Stadt der BRD, aber außerhalb des bundesrepublikanischen Hoheitsgebietes. Keine Wehrpflicht, aber Berlin-Zulage. „Berlin, mein altes Sofa. Struppig – Mauerpower – gut für ‘ne Flucht, eingelocht und ausgekocht“, singt Ulla Meinecke.

West-Berlin war auch Aussteiger- und Intellektuellenstadt, hier fühlte sich eine selbsternannte gesellschaftlichen Avantgarde wohl. Wolfgang Neuss machte hier sein Kabarett (seine Filme machte er anderswo), Ulrich Schamoni drehte hier einen der ersten Höhepunkte des Neuen Deutschen Films: „Es“, ausgezeichnet 1966 mit dem Filmband in Gold des Bundesministers des Innern. Überhaupt war 1966 ein gutes Jahr für die Filmstadt Berlin. Der regierende Bürgermeister Willy Brandt eröffnete am 17. September die Deutsche Film- und Fernsehakademie. Zu den Studenten des ersten Jahrganges gehörten Wolf Gremm, Holger Meins, Wolfgang Petersen und Helke Sander. Rainer Werner Fassbinder hätte gerne dazugehört, bestand aber die Aufnahmeprüfung nicht. Bei der Berlinale saß Pier Paolo Pasolini in der Jury und auf der anderen Seite der Mauer hatte ein paar Tage vorher, am 15. Juni, Spur der Steine von Frank Beyer Premiere, der heute als einer der wichtigsten DDR-Filme gilt, damals aber nach wenigen Vorstellungen in den Filmlagern verschwand.

Die Filmwelt hatte sich sich zu spalten begonnen, auch die Berliner. Auf der einen Seite standen die etablierten Produzenten wie Artur Brauner oder Horst Wendtland, die seit je her Filme für ein großes Publikum machten, Film auch als Geschäft und als Industrie verstanden haben und dabei – geschäftsmännisch – mit dem Einsatz möglichst geringer Mittel einen möglichst großen Erfolg erzielen wollten. Das nannten die Jungen „Opas Kino“ und erklärten es für tot, bereits 1962 im fernen Oberhausen, worauf Artur Brauner in Berlin wenige Tage später die CCC-Filmkunst gründete, eine Produktionsgesellschaft für die Filme der „riskanten Welle“. Aber Artur Brauner gehörte für die zornigen jungen Leute (u.a. Alexander Kluge, Edgar Reitz und Peter Schamoni) zum feindlichen Lager. Trotzdem gibt es die CCC-Filmkunst auch heute noch, im Gegensatz zum Neuen Deutschen Film.

In den Jahrzehnten zwischen Mauerbau und Deutscher Vereinigung spielte Berlin weiter seine Rolle im Filmgeschäft, und als das Fernsehen kam, begann ein zusätzlicher Aufschwung. Keiner, der sie jemals gehört hat, vergißt zum Beispiel die enthusiastisch vorgetragenen Worte Dieter „Thomas“ Hecks, der in seiner Moderation zur ZDF-Hitparade nicht müde wurde, die „Berliner Union-Film-Ateliers“ zu erwähnen. Dieter Thomas Heck ist heute in Berlin auch im Radio zu hören, im Privatsender „100,6“, und das Fernsehen ist längst viel wichtiger als die Filmindustrie. Aber das Fernsehen braucht Filme, und die Filme brauchen Fernsehen. Es sieht so aus, als sei die Konkurrenz einer Symbiose gewichen.

Für die Berliner Gehsteigplatten ist es egal, ob sie für Film- oder TV-Aufnahmen abgesperrt werden, und die Berliner haben sich in den letzten hundert Jahren längst daran gewöhnt, daß sie gelegentlich kleinere Verkehrsbehinderungen in Kauf nehmen müssen, weil gerade wieder irgendwo gefilmt wird. Heute passiert das täglich an ungefähr 20 Orten gleichzeitig, Studio-Drehs nicht mitgerechnet. Wenn Detlev Buck die Gefängnissszenen für seinen neuen Film „Männerpension“ im Kasten hat, warten schon die Leute von „Wolffs Revier“. Eine Disco in Kreuzberg ist für „Still Movin’“ zum Techno-Palast umgerüstet worden, irgendwo sind die Aufbauten für „Rache“ installiert und anderenortes werkelt Ralf Huettner an seinem neuen Thriller „Der kalte Finger“.

Das alles sind Kinofilme, mitfinanziert natürlich durch das Fernsehen. Aber die meisten der Berliner Dreharbeiten sind reine TV-Produktionen. Allein SAT1 arbeitet zur Zeit an vier Projekten: Neue Folgen von „Wolffs Revier“, „A.S.“, dazu die neuen Serien „Wolkenstein“ und „Die Drei“.

Berlin ist längst auf dem Weg von der Film- zur Medienstadt. In bestimmten Kneipen, Restaurants oder Cafés fühlt man sich wie in einer Studio-Kantine, und Besucher aus Westdeutschland wissen manchmal nicht, wohin sie zuerst schauen sollen: Auf die Sehenswürdigkeiten, die geschichtsträchtigen Orte oder auf die allseits präsente Prominenz.

In der Filmstadt Berlin des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts herrscht Aufbruchstimmung. Berlin ist wieder voll da, Berlin ist wieder eine einzige Stadt, Berlin ist immer noch und mehr denn je Avantgarde. Auch in einem Bereich, der – wenig glamourös – das deutsche Filmschaffen in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger mühsam am Leben gehalten hat: der Filmförderung. Vor einem Jahr wurde hier die erste Zwei-Länder-Filmförderung installiert, die erste Filmförderung, die mit unseligen Gremien Schluß macht, für die Erfolg kein Schimpfwort ist. Die Filmboard Berlin-Brandenburg GmbH fördert Filme, die ein Publikum haben sollen, macht Schluß mit Gießkannenprinzip – viel zu wenig Geld für zu viele Projekte – und weiß doch ganz genau, daß Kommerzialität und künstlerische Qualität einander bedingen.

Es ist ein Abenteuer, auf das sich die Länder Berlin und Brandenburg, die Filmboard und der Filmboard-Intendant Prof. Klaus Keil eingelassen haben, ein Abenteuer und eine Pioniertat, ein Aufbruch zu neuen Ufern. Die Schwierigkeiten des deutschen Films der Gegenwart sind bekannt, bei der Filmboard wird versucht, wirkliche Konsequenzen zu ziehen. Im ersten Jahr hat die Filmboard knapp 200 Projekte mit rund 50 Millionen Mark gefördert, Produktionen genauso wie Projektentwicklungen, die Filmboard gibt viel Geld für die Grundlagen aus – Drehbücher und entsprechende Weiterbildungsangebote – und vergißt auch nicht das andere Ende des Filmschaffens: das Publikum, das wissen muß, daß es die guten deutschen Filme gibt.

Es sieht gut aus für Berlin auf dem Weg ins dritte Jahrtausend. Euphorische Menschen nennen es „The hottest spot on earth“, und die Unentschlossen sagen Boomtown Berlin. Man wird sehen, wie es wird, daß es aber wird, ist längst keine Frage mehr.

Und wenn Sie in Zukunft im Film oder im Fernsehen eine Stadt sehen: achten Sie auf die Häuser und die Bäume, aber lassen Sie die Bürgersteige nicht aus den Augen.

(1995)





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Berlin. Filmstadt.

Man erkennt diese Stadt sofort. Nicht unbedingt am Geruch, obwohl noch das eine oder andere Automobil die charakteristischen Zweitaktwölkchen hinter sich herzieht, und die U-Bahn riecht so wie in anderen Metropolen auch, außerdem kann man Gerüche nicht abbilden. Und hier geht es um Abbildungen, auch, denn es ist viel Berlin zu sehen in Filmen und im Fernsehen. Es wäre sicher übertrieben, ein bißchen vermessen und nicht zu verifizieren, zu behaupten, daß Berlin die am meisten gefilmte Stadt Deutschlands ist. Aber man erkennt Berlin immer, während andere Städte eben Städte sind, selbstverständlich ebenso unverwechselbar, mit ebenso einzigartigen Bewohnern, liebenswerten Lieblingsplätzen und aufregenden Attraktionen, gewiss, aber Berlin...

Es ist das Pflaster, vielleicht, die Bürgersteige, die immer noch aus ziemlich mächtigen Granitplatten bestehen, aus denen sie in anderen Städten Bürohausfassaden machen, oder Couchtische. Die gibt es hier natürlich auch, aber die Berliner Gehwegplatten sind ziemlich einzigartig. Man spürt ihre Massivität, ihre Schwere, und das ist bestimmt auch der Grund, warum sie immer noch da sind. Man könnte sie bestimmt durch die standardisierten 30x30-Zentimeter-Kunststeine ersetzen, die die Bürgersteine aller anderen großen und kleinen Städte bedecken, aber man weiß vielleicht nicht, wohin damit und entledigt sich des Entsorgungsproblems, indem man sie einfach liegen läßt.

Über Berliner Gehwegplatten sind berühmte und wichtige Leute gelaufen, manchmal sogar über dieselben, auf denen der Spaziergänger auf Berlins Bürgersteigen gerade steht. Es ist eine großartige Vorstellung, daß hier, an dieser Straßenecke, auf diesen Granitplatten, vor 65 Jahre vielleicht Erich Kästner gestanden und Dreharbeiten beobachtet hat, drüben, auf der anderen Straßenseite. Eine Horde Berliner Gören verfolgt einen finsteren Mann, Fritz Rasp, und Erich Kästner hat am Drehbuch mitgeschrieben, auch wenn später immer nur Billy Wilder als Drehbuchautor von Emil und die Detektive genannt wird.

Damals ging bekanntlich gerade die große Blütezeit des deutschen Films zuende, und damit auch die große Zeit Berlins als Haupt- oder wenigstens wichtige Nebendarstellerin in Filmen. Die Nazis mochten keine Genies, keine Juden, keine Künstler, keine Denker und auch keine Spötter. Die Nazis mochten auch Städte nicht besonders, höchstens die Hauptstadt ihrer Bewegung oder Nürnberg, wo sich viele Menschen trefflich zu lebenden Monumentalarrangements ordnen ließen. Die Nazis liebten Ordnung, und deshalb konnten sie mit Berlin nichts anfangen, außer als Bauplatz für ihr monströses „Germania“, aus dem dann zum Glück nichts geworden ist.

Merkwürdigerweise stammt eins der treffendsten Film-Zitate über Berlin aus einem Film, der zumindest von den Nazis gebilligt wurde, Großstadtmelodie von Wolfgang Liebeneiner aus dem Jahre 1943: „Hier gibt es so viele verschiedene Stadtteile und Menschen. Es ist eigentlich gar keine Stadt, mehr wie ein Land mit Provinzen und Völkerschaften und ganz verschiedenen Arten von Menschen.“

Berlins Film-Karriere begann kurz nach jenem 1. November 1895, an dem Max und Emil Skladanowsky im Varieté „Wintergarten“ (nicht zu verwechseln mit dem „Wintergarten“ des Jahres 1995) ihre ersten öffentlichen Filmvorführungen veranstaltet hatten. Ein boxendes Känguru, ein jonglierender Mann. Aber die Skladanowskys waren wild auf wirkliche Bewegung, auf brausendes Leben, und so wurden 1896 auf ihren Plakaten folgende Programmpunkte angekündigt: „Leben und Treiben auf dem Alexanderplatz in Berlin“; „Unter den Linden in Berlin“. Damit begann für Berlin eine große Karriere als Neben- und später auch als Hauptdarstellerin, die sich, wie es sich für Stars gehört, dann und wann auch doubeln lassen mußte. 1912 diente die Friedrichstraße Asta Nielsen als Hintergrund für eine Fahrt auf dem offenen Oberdeck eines Linienbusses, und am 23. September 1927 wurde Walter Ruttmanns Berlin. Die Sinfonie der Großstadt uraufgeführt. Ein Film ohne Schauspieler, aber mit der Hauptdarstellerin Berlin, die schon eine gewisse Routine hatte: 24 Stunden im Leben der Stadt, Kontraste, Hektik und Ruhe, Fabriken und leere Parks, Verkehr. Zwei Beispiele nur.

Das waren, wie man heute sagt, die Goldenen Zwanziger, die aber so golden gar nicht waren, wenn man die Menschen hört, die dabeigewesen sind. Aber sie waren glänzend, auch die Jahrzehnte davor, und ob das Funkeln von Diamanten oder von billigem Glitter stammte, ist aus der Ferne nur schwer auszumachen. Auf jeden Fall war es eine Zeit, in der die unerhört junge Kunstform Film prächtig gedieh. Babelsberg ist auch heute ein Begriff, wieder und immer noch, aber die größte Filmproduktionsstätte Europas damals hieß Johannisthaler Film-Anstalten, verfügte über Ateliers mit 3.500 qm Produktionsfläche und 20.000 qm Freigelände. Johannisthal liegt im Südosten der Stadt, und in den Film-Anstalten wurden in den zwanziger Jahren über 300 Filme hergestellt. Oder Karlshorst bei Berlin, wo Joe May in den zehner und zwanziger Jahren Monumentalfilme wie Herrin der Welt oder Das indische Grabmal drehte. Das Cabinet des Dr. Caligari ist in Weissensee entstanden, und in den Efa-Ateliers am Zoo und in Tempelhof arbeitete unter anderem Ernst Lubitsch. In Berlin gab es Anfang der zwanziger Jahre ungefähr 15 Ateliers für Filmproduktionen, und in der ganzen Stadt waren Varietés, Theater, Kabaretts und Revuen, wo Scharen von jungen Schauspielerinnen und Schauspielern auftraten und auf die große Chance beim Kintopp hofften. Darunter war auch eine junge Violinistin, die wegen einer Sehnenscheidenentzündung ihren Beruf hatte aufgeben müssen. Marlene Dietrich jobbte als Model, tanzte 1922 in der Girltruppe des Kabarett-Direktors Guido Thielscher und spielte 1923 ihre erste Filmrolle: die Krämertochter in Wilhelm Dieterles Menschen am Wege. Alles weitere ist bekannt.

Berlin träumte vom Film, und der Film war schon bedeutend genug, daß er wiederum als Thema taugte. Nicht nur für Kritiker und Theoretiker, auch für Romanciers. Film gehörte plötzlich zur wirklichen Welt, und fast alles, was mit ihm zu tun hatte, war geheimnisvoll und aufregend und auch ein bißchen halbseiden.

Auf den Berliner Gehwegplatten stand nicht nur Erich Kästner, dort stellte er sich auch seinen Helden, den arbeitslosen Reklamefachmann Jakob Fabian vor, der sich zwischen Müllerstraße und Bellevuestraße den Kummer von der Seele spazierte, nachdem er einen Brief von seiner Freundin Cornelia bekommen hatte: „Sie wollen mich beim nächsten Film herausstellen. Morgen unterschreibe ich den Kontrakt. Makart hat mir zwei Zimmer gemietet. Es ist nicht zu umgehen. Er sprach darüber, als handle es sich um einen Zentner Briketts. Fünfzig Jahre ist er alt, und er sieht aus wie ein zu gut angezogener Ringkämpfer im Ruhestand. Mir ist, als hätte ich mich an die Anatomie verkauft.“ Später trifft Fabian Cornelia im Café: „,Was soll bloß aus mir werden?’ flüsterte sie, als spreche sie zu sich selber und er sei gar nicht mehr da. ,Was soll bloß aus mir werden?’ – ,Eine unglückliche Frau, der es gut geht’, sagte er viel zu laut. ,Überrascht dich das? Kamst du nicht deswegen nach Berlin? Hier wird getauscht. Wer haben will, muß hingeben, was er hat.’„

Berlin träumte vom Film, und manche Menschen hatten Alpträume. Die Berliner aber gingen ins Kino, erlebten rauschende Premieren in prachtvollen Filmpalästen, es gab Pleiten und Flops und schon damals handelte die Filmberichterstattung von teuersten Filmen aller Zeiten und Spezialeffekten, von technischen Innovationen und unerhörten Neuerungen. Und auch die Filme beschäftigten sich mit der Stadt. Berlin war Drehort und Schauplatz, und wem das nicht reichte, der träumte sich seine eigene Stadt: „Man müßte die Stadt der Zukunft aufbauen“, sagte Fritz Lang. „Eine Stadt, wie sie etwa im Jahre 2000 aussehen könnte.“ Jetzt haben wir fast das Jahr 2000, und die Stadt sieht nicht wie Fritz Langs Metropolis aus, zum Glück, aber in Babelsberg entstand 1927 eine erste Stadtvision, die auch heute – nach Blade Runner und Batmans Gotham City – nicht übertroffen worden ist.

Ja, Berlin hatte eine große Zeit als Filmstadt, und natürlich hat Berlin auch nach den Goldenen Zwanziger Jahren nicht aufgehört, eine Filmstadt zu sein. Für die Nationalsozialisten war der Film Chefsache, eine Angelegenheit größter politischer Bedeutung, und wenn sie auch die meisten talentierten Filmschaffenden nach Hollywood jagten, so trieben sie doch die Filmproduktion konsequent voran. In dieser Zeit entstanden Filme, die Formalisten lieben, und Filme für das große Publikum. Das hatte Filme auch bitter nötig; es gab keine Zeit, in der der Bedarf nach Ablenkung so groß war, und mit den Unterhaltungsfilmen dieser Jahre kam man trefflich auf andere Gedanken als Krieg, Vernichtung und Völkermord.

Danach war alles anders. Die Filmindustrie war wie der Rest des Deutschen Reichs zusammengebrochen, für eine kurze Zeit hatten die Leute andere Sorgen, und dann trennten sich die Wege Deutschlands.

„Die Filmgesellschaft DEFA hat wichtige Aufgaben zu lösen. Die größte von ihnen ist der Kampf für den demokratischen Aufbau Deutschlands, das Ringen um die Erziehung des deutschen Volkes, insbesondere der Jugend, im Sinne der echten Demokratie und Humanität, um damit Achtung zu erwecken für andere Völker und Länder. Der Film als massenkunst muß eine scharfe und mächtige Waffe gegen die Reaktion und für die in der Tiefe wachsende Demokratie, gegen den Krieg und den Militarismus und für Frieden und Freundschaft aller Völker in aller Welt werden.“ Das waren die Worte des sowjetischen Obersts Tulpanow anläßlich der Lizenzübergabe am 17. Mai 1946. Die ehemalige UFA-Stadt in Babelsberg war damit unter Kontrolle der fortschrittlichen Kräfte, das Filmschaffen in der DDR war gesichert, weitestgehend zentralistisch organisiert, und die Aufgabe des Films war von höchster Stelle erweitert worden: „Der Film muß heute Antwort geben auf alle Lebensfragen unseres Volkes. Er muß den Erfordernissen gerecht werden, die die Zeit ihm stellt. Er darf nicht mehr Opium dees Vergessens sein, sondern soll den breiten Schichten unseres Volkes Kraft, Mut, Lebenswillen und Lebensfreude spenden. Vor allem aber muß das Filmschaffen getragen sein von innerer Ehrlichkeit, die die Wahrheit sucht, die Wahrheit verkündet und das Gewissen wachrüttelt", sagte Paul Wandel im Namen der Zentralverwaltung für Volksbildung.

Und Berlin? War als Hauptstadt der DDR weiter im Zentrum des Interesses. Die Filmkarriere konnte weitergehen, auch wenn der Weg von Babelsberg in die Stadt weiter geworden war, überhaupt nach jenem 13. August 1961. Schon 1946 spielte die Stadt wieder Hauptrollen, zum Beispiel in Die Mörder sind unter uns von Wolfgang Staudte, oder 1947 in Und über uns der Himmel von Josef von Baky, 1948 in Robert A. Stemmles „Berliner Ballade“. Berlin hatte sich verändert, es gab – zumindest zeitweilig – keinen Glanz mehr, dafür Schutt, Asche, Ruinen, was Berlin aber für den Film noch attraktiver machte. Jetzt benutzten Heimkehrer die Berliner Gehwegplatten, Entwurzelte, die sich in der neuen Welt zurechtfinden mußten. Eine große Zeit für existenzielle Konflikte.

In den fünfziger Jahren zog der Film aufs Land, zumindest in der Bundesrepublik. Opas Kino manifestierte sich als Heimatfilm, Berlin wurde Schauplatz für härtere Ware: Spionage- und Kalter-Kriegs-Geschichten.

Mike Newell, Regisseur von Vier Hochzeiten und ein Todesfall sagt über Berlin: „Für uns Engländer eine unglaublich romantische Stadt. Immerhin haben die Engländer eine wichtige Literatur-Gattung erfunden, die sich in der Nachkriegszeit auf die Eigenarten Berlins gründete: den Spionageroman. Graham Greene, Smiley, all diese Sachen. Berlin ist für uns so romantisch, weil es hier mehr Wahrheit über die Nachkriegswelt gab als irgendwo sonst auf der Welt. Es war der Berührungspunkt zwischen den beiden Weltmächten, und falls etwas passieren sollte, war die Chance, daß es genau hier anfangen würde, sehr groß. Ich weiß noch, es ist erst ein paar Jahre her, all die Szenarios, wie der Westen atomisiert würde. Das waren wichtige Fragen damals! Und aus all diesen Gründen war hier die Wahrheit der wahren Natur des Kalten Krieges. Nicht, was die Amerikaner sagten, was wahr sei, nicht, was Moskau sagte, sondern wie es wirklich war. Hier in Berlin.“

Aus Berlin wurde in den Jahrzehnten zwei Städte, die „Hauptstadt der DDR“ und „Westberlin“. Der Ostteil: die zentrale Schaltstelle der Macht, und der Westteil ein künstlich am Leben erhaltener Außenposten der Freien Welt, Horchposten, Agententreffpunkt, Schnittstelle zwischen den Blöcken, eine gigantische Schaufensterauslage der Errungenschaften des Kapitalismus auch. Und ein Reservat, ein Zufluchtspunkt für die Eigenartigen und Eigenwilligen der Bunderepublik. Die größte Stadt der BRD, aber außerhalb des bundesrepublikanischen Hoheitsgebietes. Keine Wehrpflicht, aber Berlin-Zulage. „Berlin, mein altes Sofa. Struppig – Mauerpower – gut für ‘ne Flucht, eingelocht und ausgekocht“, singt Ulla Meinecke.

West-Berlin war auch Aussteiger- und Intellektuellenstadt, hier fühlte sich eine selbsternannte gesellschaftlichen Avantgarde wohl. Wolfgang Neuss machte hier sein Kabarett (seine Filme machte er anderswo), Ulrich Schamoni drehte hier einen der ersten Höhepunkte des Neuen Deutschen Films: Es, ausgezeichnet 1966 mit dem Filmband in Gold des Bundesministers des Inneren. Überhaupt war 1966 ein gutes Jahr für die Filmstadt Berlin. Der regierende Bürgermeister Willy Brandt eröffnete am 17. September die Deutsche Film- und Fernsehakademie. Zu den Studenten des ersten Jahrganges gehörten Wolf Gremm, Holger Meins, Wolfgang Petersen und Helke Sander. Rainer Werner Fassbinder hätte gerne dazugehört, bestand aber die Aufnahmeprüfung nicht. Bei der Berlinale saß Pier Paolo Pasolini in der Jury und auf der anderen Seite der Mauer hatte ein paar Tage vorher, am 15. Juni, Spur der Steine von Frank Beyer Premiere, der heute als einer der wichtigsten DDR-Filme gilt, damals aber nach wenigen Vorstellungen in den Filmlagern verschwand.

Die Filmwelt hatte sich sich zu spalten begonnen, auch die Berliner. Auf der einen Seite standen die etablierten Produzenten wie Artur Brauner oder Horst Wendtland, die seit je her Filme für ein großes Publikum machten, Film auch als Geschäft und als Industrie verstanden haben und dabei – geschäftsmännisch – mit dem Einsatz möglichst geringer Mittel einen möglichst großen Erfolg erzielen wollten. Das nannten die Jungen „Opas Kino“ und erklärten es für tot, bereits 1962 im fernen Oberhausen, worauf Artur Brauner in Berlin wenige Tage später die CCC-Filmkunst gründete, eine Produktionsgesellschaft für die Filme der „riskanten Welle“. Aber Artur Brauner gehörte für die zornigen jungen Leute (u.a. Alexander Kluge, Edgar Reitz und Peter Schamoni) zum feindlichen Lager. Trotzdem gibt es die CCC-Filmkunst auch heute noch, im Gegensatz zum Neuen Deutschen Film.

In den Jahrzehnten zwischen Mauerbau und Deutscher Vereinigung spielte Berlin weiter seine Rolle im Filmgeschäft, und als das Fernsehen kam, begann ein zusätzlicher Aufschwung. Keiner, der sie jemals gehört hat, vergißt zum Beispiel die enthusiastisch vorgetragenen Worte Dieter „Thomas“ Hecks, der in seiner Moderation zur ZDF-Hitparade nicht müde wurde, die „Berliner Union-Film-Ateliers“ zu erwähnen. Dieter Thomas Heck ist heute in Berlin auch im Radio zu hören, im Privatsender „100,6“, und das Fernsehen ist längst viel wichtiger als die Filmindustrie. Aber das Fernsehen braucht Filme, und die Filme brauchen Fernsehen. Es sieht so aus, als sei die Konkurrenz einer Symbiose gewichen.

Für die Berliner Gehsteigplatten ist es egal, ob sie für Film- oder TV-Aufnahmen abgesperrt werden, und die Berliner haben sich in den letzten hundert Jahren längst daran gewöhnt, daß sie gelegentlich kleinere Verkehrsbehinderungen in Kauf nehmen müssen, weil gerade wieder irgendwo gefilmt wird. Heute passiert das täglich an ungefähr 20 Orten gleichzeitig, Studio-Drehs nicht mitgerechnet. Wenn Detlev Buck die Gefängnissszenen für seinen neuen Film Männerpension im Kasten hat, warten schon die Leute von Wolffs Revier. Eine Disco in Kreuzberg ist für Still Movin zum Techno-Palast umgerüstet worden, irgendwo sind die Aufbauten für Rache installiert und anderenortes werkelt Ralf Huettner an seinem neuen Thriller Der kalte Finger.

Das alles sind Kinofilme, mitfinanziert natürlich durch das Fernsehen. Aber die meisten der Berliner Dreharbeiten sind reine TV-Produktionen. Allein SAT1 arbeitet zur Zeit an vier Projekten: Neue Folgen von Wolffs Revier, A.S., dazu die neuen Serien Wolkenstein und Die Drei.

Berlin ist längst auf dem Weg von der Film- zur Medienstadt. In bestimmten Kneipen, Restaurants oder Cafés fühlt man sich wie in einer Studio-Kantine, und Besucher aus Westdeutschland wissen manchmal nicht, wohin sie zuerst schauen sollen: Auf die Sehenswürdigkeiten, die geschichtsträchtigen Orte oder auf die allseits präsente Prominenz.

In der Filmstadt Berlin des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts herrscht Aufbruchstimmung. Berlin ist wieder voll da, Berlin ist wieder eine einzige Stadt, Berlin ist immer noch und mehr denn je Avantgarde. Auch in einem Bereich, der – wenig glamourös – das deutsche Filmschaffen in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger mühsam am Leben gehalten hat: der Filmförderung. Vor einem Jahr wurde hier die erste Zwei-Länder-Filmförderung installiert, die erste Filmförderung, die mit unseligen Gremien Schluß macht, für die Erfolg kein Schimpfwort ist. Die Filmboard Berlin-Brandenburg GmbH fördert Filme, die ein Publikum haben sollen, macht Schluß mit Gießkannenprinzip – viel zu wenig Geld für zu viele Projekte – und weiß doch ganz genau, daß Kommerzialität und künstlerische Qualität einander bedingen.

Es ist ein Abenteuer, auf das sich die Länder Berlin und Brandenburg, die Filmboard und der Filmboard-Intendant Prof. Klaus Keil eingelassen haben, ein Abenteuer und eine Pioniertat, ein Aufbruch zu neuen Ufern. Die Schwierigkeiten des deutschen Films der Gegenwart sind bekannt, bei der Filmboard wird versucht, wirkliche Konsequenzen zu ziehen. Im ersten Jahr hat die Filmboard knapp 200 Projekte mit rund 50 Millionen Mark gefördert, Produktionen genauso wie Projektentwicklungen, die Filmboard gibt viel Geld für die Grundlagen aus – Drehbücher und entsprechende Weiterbildungsangebote – und vergißt auch nicht das andere Ende des Filmschaffens: das Publikum, das wissen muß, daß es die guten deutschen Filme gibt.

Es sieht gut aus für Berlin auf dem Weg ins dritte Jahrtausend. Euphorische Menschen nennen es The hottest spot on earth, und die Unentschlossen sagen Boomtown Berlin. Man wird sehen, wie es wird, daß es aber wird, ist längst keine Frage mehr.

Und wenn Sie in Zukunft im Film oder im Fernsehen eine Stadt sehen: achten Sie auf die Häuser und die Bäume, aber lassen Sie die Bürgersteige nicht aus den Augen.


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