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Berlin feiert 100 Jahre Kino

DER FILM UND DIE WELT

100 Jahre Kino. Wie alle Jubiläen vielleicht kein Grund zum Feiern, aber vielleicht ein Anlaß, ein Glas auf diesen Bastard aus Kunst, Kommerz und Technik zu erheben, durch den das zwanzigste auch das Jahrhundert der Unterhaltungsindustrie geworden ist. Ein Toast von Jens Steinbrenner.

Eberhard Diepgen also. Als Regierender Bürgermeister der Stadt Berlin war er der Schirmherr der offiziellen Berliner Feier zum 100. Geburtstag des Kinos. Immerhin erhebt Berlin den Anspruch, der Geburtsort des Kinos zu sein. Nicht des Films, nicht der bewegten Bilder, nein: des Kinos. Und Kino ist, wenn mehrere Menschen zur selben Zeit für ein Entgelt Filmprojektionen anschauen. So gesehen, hätte Eberhard Diepgen nicht wirklich recht gehabt, wenn er am 1. November 1995 gesagt hätte: „Der Film als Kind der Zeit hat viele Väter – allerdings war es hier in Berlin, wo die Bilder wirklich laufen lernten.“

Denn die Bilder hatten schon vorher laufen gelernt. Vielleicht nicht ganz so stetig und flüssig, wie sie das heute tun, aber die Menschen haben sich schon lange vor dem 1. November 1895 die Wirkung des positiven Nachbildes in Verbindung mit dem stroboskopischen Effekt zunutze gemacht. „Positives Nachbild“ nennt man das Phänomen, daß wir, wenn wir etwas gesehen haben, nicht sofort, nachdem der Lichtreiz zuende ist, aufhören, es zu sehen. Wenn wir ein Bild sehen, das regelmäßig und in kurzen Abständen unterbrochen wird, nehmen wir diese Unterbrechungen nicht wahr. Zum Beispiel, wenn wir durch ein laufendes Speichenrad sehen. Und als „stroboskopischer Effekt“ wird unsere Unfähigkeit bezeichnet, schnell hintereinander gezeigte Bilder unterscheiden zu können. Wenn auf diesen Bildern etwas wie eine Bewegung dargestellt wird, die in Phasen unterteilt ist, sehen wir nicht die einzelnen Bilder, sondern die Bewegung. Jedenfalls, wenn uns mindestens 16 Bilder pro Sekunde gezeigt werden. Diese Phänomene wurden bereits im frühen 19. Jahrhundert für Spielzeuge wie Wunderscheibe und Lebensrad genutzt. Und für die Wundertrommel natürlich, das Zoetrop: Eine Trommel mit senkrechten Schlitzen, auf der Innenseite sind zwischen den Schlitzen Phasenbilder einer Bewegung angebracht. Dreht man die Trommel und sieht von außen durch die Schlitze, scheinen sich die Zeichnungen zu bewegen. Mit Hilfe einer großen Wundertrommel fand übrigens 1857 eine der ersten Kollektiv-Vorführungen statt: 30 Zuschauer konnten sich zur gleichen Zeit den Effekt ansehen. Aber das war eben keine Projektion. Die gab es mit einem Vorläufer des Zoetrops, dem Lebensrad: Zwei Scheiben sind auf einer Achse montiert, die vordere hat senkrechte Schlitze, und auf der anderen sind hinter den Schlitzen Phasenbilder einer Bewegung angebracht. Franz von Uchatius zeichnete die Bilder auf Glas, steckte die Konstruktion in einen Kasten mit einem Objektiv und einer Lichtquelle und voila! Die Filmvorführung war geboren. Und das schon 1845, allerdings ohne Film, und das Publikum bestand aus Soldaten, denen ballistische Bewegungsvorgänge verdeutlicht werden sollte.

Nein, Eberhard Diepgen hätte schon recht, wenn er sagte, daß der Film viele Väter hat. Es gehörte so unendlich viel dazu, Kamera und Projektionsapparat zu erfinden: Man mußte das Problem des diskontinuierlichen Filmtransportes lösen. Man brauchte geeignetes Material für den Filmstreifen. Man brauchte eine genügend lichtempfindliche Beschichtung für den Filmstreifen, der weniger als eine sechzehntel Sekunde genügte, um ein Bild festzuhalten. Und man brauchte natürlich eine Mechanik, die präzise genug war, um die Belichtungszeiten zu gewährleisten, Objektive, Blenden und so weiter. All diese technischen Voraussetzungen wurden in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geschaffen, und am 20. Februar war es endlich soweit: Der amerikanische Universalerfinder Thomas Alva Edison führte das erste fabrikationsreife Modell seines Kinetoskopes vor, mit dessen Hilfe photographische Filme, die mit dem Kinetographen aufgenommen worden waren, vorgeführt werden konnten. Ein großer Erfolg für Herrn Edison, auch kommerziell, aber immer noch kein Kino, denn das Kinetoskop war eine Art Guckkasten, in den nur eine Person zur gleichen Zeit hereinschauen konnte. Darauf aufbauend, hat Jean Aimé Le Roy, ein amerikanischer Schausteller, einen Projektor gebaut, mit dem er am 25. Februar 1894 Filme zeigte, die mit dem Kinetographen aufgenommen worden waren. Das Kino war geboren? Immer noch nicht. Die Vorführung war kostenlos. Genau wie die der Gebrüder Lumiére am 22. März 1895 in Paris: für unsere französischen Nachbarn die Geburtsstunde des Kinos.

Also hätte Eberhard Diepgen doch recht gehabt, in gewisser Weise jedenfalls, denn die erste dokumentierte öffentliche und nicht kostenfreie Vorführung bewegter photographischer Bilder – Kino also – fand am 1. November 1895 im Berliner Varieté Wintergarten statt. Neben Mr. Tompson mit seinen drei Elefanten, dem komischen Gesangs-Terzett Rheingold-Trio und der Kaleidoskop-Tänzerin Valentine Petit zeigten Max und Eugen Skladanowsky, Schausteller, Artisten und Universal-Tüftler aus Pankow, ein kleines, selbstaufgenommenes Filmprogramm mit Serpentintänzerin, akrobatischen Übungen, einem italienischen Volkstanz und einem boxenden Känguruh, das einem auch heute, 100 Jahre später, ein bißchen leid tut.

Aber es stimmt, und Eberhard Diepgen hätte ein bißchen recht gehabt, wenn er gesagt hätte ... Hat er aber nicht. Nur geschrieben, im Programm-Faltblatt zur „Jubiläumsgala 100 Jahre Kino“ vom 1. November 1995. Zwar stand die Veranstaltung unter seiner Schirmherrschaft, und auf der Einladung zum anschließenden Empfang stand „Der Regierende Bürgermeister bittet Sie zu einem Empfang ...„, aber Diepchen schickte einen Vertreter. Nun ist es nicht so, daß wir den Regierenden besonders vermißt hätten – wir kennen ihn ja gar nicht –, aber irgendwie merkwürdig ist es doch, jedenfalls wenn man all die klingenden Jubiläumsworte im Ohr hat, die anläßlich des Jubiläums gesagt oder geschrieben worden sind. Nochmal Herr Diepgen im Gala-Programm: „Der Ruhm der Filmstadt Berlin ist nicht nur Legende, sondern heute auch noch Ansporn und Verpflichtung für die Zukunft.“ So schlimm kann es nicht sein, das Förderbudget der Filmboard, der Berlin-Brandenburgischen Filmförderung wäre höchstens für die Portokasse der Opernhäuser ausreichend, und der Bürgermeister nimmt sich kein halbes Stündchen Zeit für eine Jubiläumsrede. Aber lassen wir die Lokalpolitik.

Die Gala war nämlich doch ganz nett. Zum Beispiel war ein ganz bezaubernder Film von Wim Wenders zu sehen, den der mit einer sehr alten Kamera von Jürgen Jürges hat drehen lassen, unterstützt von Münchner Filmstudenten, mit dem Titel „Die Brüder Skladanowsky“. Schön schnurrig, ein Stummfilm mit Live-Musik und Schauspieler-Kommentaren, respektlos, aber liebevoll. Hat uns überrascht und gefreut. Aber die Skladanowskys waren auch tragische und eigenartige Gesellen. Ihren Projektionsapparat „Bioskop“ haben sie selbst gebaut, genau wie ihre Aufnahmekamera, und sie waren nicht annähernd so kapitalkräftig wie die Lumiéres, die schließlich eine Fabrik im Rücken hatten. Aber die Technik der Skladanowskys war auch nicht annähernd so gut. So wurden sie Anfang 1896 nach Paris engagiert, aber dort hatten die Lumiéres am 28. Dezember die ihrerseits erste öffentliche Vorführung veranstaltet, mit dem Resultat, daß die Skladanowskys zwar ihre Gage bekamen, aber ihr Bioskop gar nicht erst auspacken durften. Dieser Zug war abgefahren, die Brüder zerstritten sich bald, und Max Skladanowsky verdiente in den folgenden Jahren sein Geld mit der Produktion von Daumenkinos. Er hatte allerdings ein spätes Comeback, als Deutschland ein früheres Filmjubiläum feierte; das vierzigste. Da entdeckten die Nazis ihn als den deutschen Erfinder des Films.

Ein Jahrhundert Film, und bald haben wir die Feierlichkeiten und Jubiläumsreden hinter uns. Film als Kunst- und Kulturereignis wird nach wie vor nur in einigen Fachmagazinen oder bei unerschrockenen Stadtillustrierten stattfinden, wir werden im TV nach wie vor vergeblich nach Filmsendungen suchen, die anzusehen Spaß macht. Der Film selbst hat das Jubiläum größtenteils ignoriert (wir mögen unseren Geburtstag auch nicht), obwohl es einige tolle Filmgeschichten gibt, die zu verfilmen sich durchaus anbieten würde. Wie die von William Friese-Greene, der als erster transparentes Zelluloidband für Filmaufnahmen verwendete und 1890 mitsamt seinen Apparaten auf einer Eisenbahnfahrt von Frankreich nach England verschwand. Spurlos. Diese und viele andere Film-Schnurren sind in einem schönen Buch nachzulesen, das ich zum Schluß der interessierten Leserin, dem interessierten Leser ans Herz legen will: „Das war unser Kintopp! Die ersten fünfzig Jahre: Von den Lebenden Bildern zum UFA-Tonfilm“. Mit viel Fleiß und einem gewissen Sinn fürs Abwegige hat der Autor Frank-Burkhard Habel Zigarettenbildchen und Postkarten von Filmstars zusammengetragen, Anekdoten, Offizielles und Gerüchte, und erzählt in einer zuweilen hübsch verschrobenen Sprache davon, wie es damals war. Das Buch gibt einen schönen Eindruck davon, wie Kintopp zu Kino geworden ist, und daß sich eigentlich seit der endgültigen Einführung des Tonfilms nichts Nennenswertes mehr getan hat. Nur die Welt ist anders geworden, so daß wir heute manchmal das Gefühl haben, als würde das Anschauen von Filmen in Kinos zu einer zunehmend anachronistischen Beschäftigung. Aber vielleicht hat Eberhard Diepgen wenigstens hiermit recht: „Für das Kino gilt der alte Satz: ,Totgesagte leben länger’ – das Kino ist heute hundert Jahre jung und erfreut sich allerbester Gesundheit.“ Schön wär’s.

F.-B. Habel: Das war unser Kintopp! Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1995, ISBN 3-89602-031-5. ca. 800 Abb., 200 S., Großformat. 68,– DM

(November 1995)



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