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43. Internationale Filmfestspiele Berlin 1993

Im Februar wurden zum 43. Mal die Internationalen Filmfestspiele Berlin abgehalten. Für Ultimo war wieder Jens Steinbrenner dabei.

FILME? NEBENBEI.

Glänzende Augen bei branchenfremden Freunden und Bekannten: „Berlinale? Toll? Das muß sooo aufregend sein, all die tollen Filme und die Parties und die Stars ... Hach, da wär’ ich auch mal gerne dabei!“ Und das Unverständnis nach der gemurmelten Entgegnung, daß überall nur mit Wasser gekocht würde, daß so an die 600 Filme zwar ganz schön viel seien, daß man aber selbst theoretisch nicht mehr als acht Filme bzw. Filmprogramme pro Tag sehen könnte. Theoretisch, wohlgemerkt. Fahrzeiten und Nahrungsaufnahme, Kartenkäufe und Toilettengänge nicht eingerechnet. Ruhepausen, seien sie auch noch so klein, schon gar nicht. So ein Berlinale-Tag begänne um halb zehn am Morgen und wäre gegen halb zwei in der Nacht zu Ende. Mein persönlicher Rekord liegt bei 7 Vorstellungen, und das ist schon einige Jahre her.

2000 Filmkritiker

Heute residiert die Presse im Tiergarten, mit Blick auf die Spree und nur durch eine Buslinie und einen Bulli-Shuttle mit dem Zentrum verbunden: da, wo das „normale“ Publikum die Vorstellung besucht, sich Verleiher und Filmaufkäufer aus aller Herren Länder ein Stelldichein geben, da wo der Bär brummt, wo es eine Festival-Infrastruktur mit Restaurants, Selbstbedienungsitalienern, Dönerbuden, Kneipen und Cafés gibt – und Kinos natürlich.

In Tiergarten steht die ehemalige Kongresshalle: Das Haus der Kulturen der Welt. Da gibt’s eine Cafeteria mit Apothekenpreisen, ein Postamt, einige Radio- und TV-Studios und ein Schreibzimmer. Und zwei provisorische Kinosäle. Man ist unter sich (nebenbei: gut zweitausend Filmkritiker unter einem Dach – das ist nicht gerade eine angenehme Gesellschaft), man braucht das Haus nicht zu verlassen, um die wichtigsten Filme zu sehen und den dazugehörigen Pressekonferenzen beizuwohnen. Filme zu sehen, die nicht im HdKdW gezeigt werden, erfordert allerdings einige Organisationsarbeit. Und es kostet Zeit.

Heute schafft jemand mit einer Presseakkreditierung kaum mehr als sechs Vorstellungen täglich. Und auch das nur, wenn er nichts außer Filmgucken zu tun hat. Aber nicht nur Filme sind an der Berlinale wichtig. Man hat auch die Gelegenheit, Regisseure, Autoren, Schauspieler, Produzenten zu treffen und auszufragen: auf den Pressekonferenzen. Oder – beim Internationalen Forum des jungen Films – unmittelbar nach den Filmen im Saal. Wenn man bei den Presseabteilungen der Filmverleiher bekannt ist, bekommt man sogar Interviewtermine. Da werden pro Sitzung drei bis sechs Frager für 20 bis 30 Minuten auf den Filmemacher losgelassen, woraus manchmal interessante Gespräche entstehen.

Das Vorfeld

Noch im Herbst ‘92 hörte man lautes Klagen aus den Reihen der Berlinale-Programm-Macher. Die Filmproduktion sei wenig ergiebig, es herrsche Flaute, es gäbe kaum interessante Filme für das bedeutendste deutsche Filmfestival. Außerdem stünden viele Stars einem Deutschland-Besuch deutlich ablehnend gegenüber, wegen Rostock, Hoyerswerda und allem, was damit zusammenhängt. Es sah also so aus, als stünde ein langweiliges Mainstream-Festival bevor, ohne Höhepunkte, ohne Stars. Kurz bevor es dann wirklich losging, war die Sorge um das Programm verflogen. Man hatte für den Wettbewerb einige amerikanische Mammutproduktionen bekommen, dazu Filmexoten aus Asien und Afrika. Und Europa war mit viel mehr Filmen als früher vertreten.

Danny DeVito

In einem hatten die Pessimisten recht: Diese Berlinale hatte nicht besonders viele Stars zu bieten. Deshalb fiel Danny DeVitos Anwesenheit besonders auf. Der hatte allerdings auch einiges zu erledigen: er mußte sein Großprojekt Hoffa promoten, erst recht, nachdem der Film in den USA so schlecht gelaufen ist. Das hat er getan: DeVito auf allen Kanälen, in allen Blättern. Interview-Marathon und Handshaking. Danny DeVito ist ein Superstar, einer der wenigen. Professionell und diszipliniert: Jet-Lag-geschwächt und hundemüde zeigte DeVito jedem ein Lächeln, war freundlich, verbindlich, geduldig und lustig dazu. Und machte trotzdem nicht den Eindruck, als wolle er nur seinen Film verkaufen. Er äußerte sich zu den Berliner Verkehrsverhältnissen und fand alles genauso grau wie 1990, als er mit Der Rosenkrieg im Wettbewerb war. Aber irgendwann war auch für DeVito Schluß mit dem Rummel. Bei dem pompösen Empfang, den sein Filmverleih für ihn gegeben hat, war er nur kurz: Kamera- und Klatschspaltenfutter. Die meisten der vielen hundert Gäste dürften ihn gar nicht zu Gesicht bekommen haben: DeVito ist nämlich noch kleiner, als er im Film aussieht, und hinter den -zig Kamerateams, die ihm nachgesetzt hatten, war er beim besten Willen nicht auszumachen. Das konnte später im Fernsehen nachgeholt werden, aber wen interessiert schon Danny DeVito im Fernsehen, wenn die Chance besteht, sich selber auf der Mattscheibe zu entdecken?

Kinderfilme

Hoffa war für DeVito bestimmt der Hauptgrund, nach Berlin zu reisen, aber es lief noch ein zweiter Film mit ihm: Jack, der Bär von Marshall Herskovitz. Das ist der Mann, der Thirtysomething erfunden hat, eine beachtliche Fernsehserie, die in Deutschland als Die besten Jahre läuft. Jack, der Bär (Bundesstart 27.5.) ist Herskovitz’ Kinodebüt, ein wunderbarer Film über eine mutterlose Familie, erzählt aus der Perspektive des 10jährigen Jack: Poetisch, klug, rührend, politisch und insgesamt fast makellos. Danny DeVito als Vater ist natürlich gut wie immer, vielleicht sogar noch besser, weil er einen ganz anderen DeVito gibt: Ein trauriger, zweifelnder Mann voller Schuldgefühle, der deshalb so tragisch wirkt, weil er komisch sein muß – als TV-Moderator einer Horrorfilm-Show. Aber gegen seine jugendlichen Mitspieler hat Danny DeVito keine Chance. Vor allem Robert J. Steinmiller, Jr., als Jack spielt ihn glatt an die Wand.

Merkwürdigerweise handelten viele der besten Filme von Kindern. Hammers Over The Anvil, ein australischer Film mit Charlotte Rampling als Star hat einen mutterlosen 14jährigen zum Helden, der nach der Kinderlähmung an Krücken gehen muß und sich nichts so sehr wünscht, wie reiten zu können und Cowboy zu werden. Hammers Over the Anvil ist der zweite Spielfilm von Ann Turner, die wir schon für ihr Debut Celia heftig belobigt haben. Und noch ein mutterloser Junge: Tom Crick, der mit seinem zurückgebliebenen Bruder und seinem Vater während des zweiten Weltkriegs in England lebt. Waterland ist eine Rückblende. Der erwachsene Tom (Jeremy Irons) ist Geschichtslehrer geworden. Um seine Schüler von der Notwendigkeit dieses Faches zu überzeugen, erzählt er ihnen seine eigene Geschichte, mit allen intimen Details. Die ist tragisch, Tom erträgt sie nur, weil er sich als Teil „der Geschichte“ fühlt, das ist seine Botschaft an die Schüler. Auch der schönste Film, den ich auf dieser Berlinale gesehen habe, ist ein Kinderfilm im weiteren Sinne: The Cement Garden von Andrew Birkin (nach dem Roman von Ian McEwan). Dem haben wir Salz auf unserer Haut zu verdanken, was ihm inzwischen peinlich zu sein scheint. Aber er hatte einen Deal mit seinem Produzenten: Wenn er Salz auf unserer Haut machen würde, dürfte er auch sein Traumprojekt verwirklichen. Das ist The Cement Garden, Birkin arbeitet seit Jahren daran, aber niemand wollte den Film finanzieren. The Cement Garden handelt nämlich von Inzest und Masturbation. Und von Autonomie, von selbstbestimmtem Leben. The Cement Garden ist von großer formaler Strenge, stilisiert, zum Teil von enervierender Langsamkeit und keinen Moment spekulativ. Erotisch schon, sinnenfroh und sehr kraftvoll. Faszinierend. Einer von den Filmen, auf die man sich einlassen muß.

Buck

„Wir haben gesagt, entweder geht der Film in den Wettbewerb oder er geht gar nicht zur Berlinale. Bumm. Weil das dann auch plötzlich ‘ne Öffentlichkeit kriegt, was uns als Produktion interessiert hat, daß das auch international besprochen wird. Vielleicht auch irgendwie verkloppt wird, gell?“ Das sagt kein altgedienter Erfolgsfilmer, sondern Detlev Buck, der Ex-Landwirtschaftslehrling aus Schleswig-Holstein, der sich mit seinem Debut Erst die Arbeit, und dann? einen Ausbildungsplatz an der „Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin“ verdient hat, der sich gibt, als hätte er sein Heimatdorf bei Bad Segeberg nie verlassen – eine der schillerndsten Figuren der deutschen Filmszene. Seine Filme sind billig, unpretentiös und schräg, aber nicht „Underground“. Jenseits des Mainstreams dieser oder jeder Richtung. Und das kommt an. Sein erster abendfüllender Spielfilm Karniggels war ein Szene-Hit. Der zweite, Wir können auch anders, ist in diesem Jahr einer der offiziellen deutschen Beiträge zum Berlinale-Wettbewerb.

Wir können auch anders handelt von einer Reise durch Mecklenburg-Vorpommern. Die beiden Brüder Most und Rudi Kipp haben von ihrer Großmutter ein Häuschen geerbt. Und das suchen sie. Was nicht deshalb schwer ist, weil es so versteckt liegt, sondern weil Rudi und Most nicht lesen können. Weder Straßenkarten noch Wegweiser. Dann bekommen sie Gesellschaft von einem desertierten Rotarmisten, der sie zunächst mit seiner Kalaschnikow bedroht, sie dann aber vor ein paar geldgierigen Wegelagerern beschützt. Sie werden Freunde, auch wenn sie sich nicht verstehen. Dafür ist dann die Polizei hinter ihnen her, wegen der Wegelagerer. Und dann lernen sie noch eine frustrierte Serviererin kennen, die sie als Geisel nehmen. Klar, daß es nicht bei dem Geisel-Gangster-Verhältnis beleibt. Weil es ja eine Komödie ist. Und eine märchenhafte dazu.

Eröffnung & Schluß

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind natürlich eine hochoffizöse Veranstaltung. Sie werden ordentlich eröffnet: Vom Bundesinnenminister, dem obersten Filmhüter der Republik. Nun ist Minister Seiters kein Filmfreund, was in diesem Jahr auch nicht so schlimm war, weil er gar nicht kommen konnte: Er mußte in Bonn eine Flugzeugentführung managen. Er schickte seine Ehefrau – was die in Amerika können, können wir schon lange –, die in kabarettreifem Tonfall Rudis Rede verlas. Dazu gab es eine Reihe von langweiligen Reden, und schließlich wurde der Eröffnungsfilm gezeigt, der ganz ausgezeichnet zu allem paßte, was den Berlinale-machern in diesem Jahr wichtig zu sein scheint: Toleranz, Friedfertigkeit und Stärkung des europäischen Kinos:
Arizona Dream führt zwar schon einen Teil der USA im Titel und wurde auch da gedreht, aber der Regisseur ist Europäer: Emir Kusturica aus Sarajewo. Kusturica lebt zwar seit ein paar Jahren in den Vereinigten Staaten, seine Stars – Faye Dunaway, Jerry Lewis und Johnny Depp – sind Amerikaner, aber sein Film ist der französische Wettbewerbsbeitrag. Das ist wirklich multikulturell.

Arizona Dreams ist übrigens nicht besonders spannend, aber leicht surrealistisch, voller Poesie, Gedanken über das Kino und das Fliegen – und ein Fest für die Augen. Aber mit den Filmen bei den Eck-Vorführungen – Eröffnung und Schluß – ist das so eine Sache. Die scheinen nämlich niemanden zu interessieren. Sie müssen gegen den Glanz der Veranstaltungen ankommen. Für Arizona Dream war das kein Problem, schließlich war die Berlinale noch neu, Kusturica und Johnny Depp waren in der Stadt, was für die entsprechende Pressepräsenz sorgte. Der Schlußfilm ist dafür ziemlich untergegangen. La petite Apokalypse von Costa-Gavras, eine rauhe, bittere Komödie über einen polnischen Schriftsteller in Paris. Großartig. Aber wer will sich den noch angucken, wenn es darum geht, sich für den Abschlußempfang feinzumachen? Wenn man nach elf Tagen einfach nicht mehr so begeisterungsfähig ist? Außerdem waren die Bären bereits vergeben, man wußte also, daß ihn die Jury für nicht bärenwürdig befand. So fehlte auch das Spekulationsmoment.

Aber so ist es eben: Was sind schon Filme, wo doch das drumherum viel aufregender ist? Und das ist auch in Ordnung, denn auch in diesem Jahr stehen die Starttermine für viele Beiträge aus Wettbewerb und Panorama schon fest. Man wird sie ganz normal im Kino sehen können, nichts wird vom Filmgenuß ablenken. Und allein wegen der Filme gehen die wenigsten zur Berlinale.

(Februar 1993)


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