StartseiteWerkeFilmFestivals,Themen

47. Internationale Filmfestspiele Berlin 1997

DIE DAUER-PARTY

Eine Dekade Ultimo-Berlinale-Berichterstattung. Keine Bilanz, sondern der Jubiläumsbericht von den 47. Internationalen Filmfestspielen Berlin. Wie immer von Jens Steinbrenner.

Damals. Eine Reise in die große Stadt, durch ein feindliches Land, um dort nichts als Filme zu sehen, Filme, Filme, Filme. Die Alleinseglerin und Sign o' the Times. Der Eröffnungsfilm hieß Linie 1. Bären gingen in die UdSSR, in die DDR und die CSSR – untergegangene Länder –, nach China und in die USA. Moonstruck und Broadcast News. Das ist alles ganz weit weg. Wie auch die Methode, sich das Festival anzueignen: zwanglos so viel wie möglich sehen wollen, und der einzige nichtfilmische Tagesordnungspunkt war die schnelle Pizza beim Imbißitaliener „Amigo“, wo man immer Osnabrücker traf. Den „Amigo“ gibt es noch, glaube ich, aber die Osnabrücker habe ich ewig nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich, weil die ihre ganze Zeit in den Kinos verbringen.

Nicht alles wird im Lauf der Jahre schlechter, manche Dinge bleiben es auch. Wie zum Beispiel die Berlinale-Plakate, die seit 1977 von einem Grafiker namens Noth entworfen werden. 1988 schmückte ein stilisierter Filmstreifen vor einem Sonnenuntergangsrotgelb und einigen Gestalten davor Dokumentation und Poster, diesmal sind es stilisierte Filmgöttinnen in halluzinatorischem Walle-Walle-Stil vor einem kaminflackerigen Gelb-Orange. Besonders schäbig sehen die Motive jedesmal in ihrer 3-D-Umsetzung im Schaufenster des Cinecenters aus: verstaubt, bevor der Schampus für den Eröffnungsempfang entkorkt ist. Überhaupt, der Eröffnungsempfang: Wie immer wollten alle hin, wie immer haben danach alle geklagt, weil es wieder so spießig und langweilig gewesen sei – und wie immer war ich nicht eingeladen.

Obwohl mein Schnitt bei Partys und Empfängen seit damals deutlich besser geworden ist. Diesmal hat mich sogar der amerikanische Botschafter eingeladen – eine große Ehre. Aber eine blöde Party. Wie es eben ist, wenn man kaum jemanden kennt. Die Häppchen waren so nichtssagend wie der kalifornische Weißwein, aber am schlimmsten war, daß niemand die Einladung sehen wollte. Was nützt denn da die Ehre, wenn theoretisch jeder und jede reinkommt? Deshalb fiel der Abschied nach kaum einer Stunde leicht, weil ein anderes, diesmal wirklich exklusives Event wartete: die Büroeinweihung der von Köln nach Berlin umgezogenen Schauspieleragentur „Players“, bei der so ziemlich alles, was in Deutschland Rang und Namen hat, unter Vertrag ist: Til Schweiger und Hannes Jänicke, Richy Müller und Jürgen Vogel, Katja Riemann und Corinna Harfouch, Mutter und Tochter Thalbach und noch ein ganzer Katalog bekannter Film- und Fernsehgesichter mehr. Hier wollte man die Einladung sehen, ich hatte sogar eine, aber leider stand nicht mein Name drauf, was den Einlaß dann doch ein bißchen schwierig gestaltete. Aber wenn man sie sich erkämpfen muß, schmecken Wein und Häppchen extra gut, und dann in dieser Gesellschaft... denn hier kannte ich fast jeden. Leider nicht umgekehrt, weshalb ich mich nach einem netten Gespräch mit einer jungen Filmproduzentin auf den Weg zur nächsten Party machte: Der Hexenjagd-Empfang. Dort wußte ich Schreiberkollegen, und es gab sogar ein Gesprächsthema. Und wenn es nicht der zweite, sondern der zwölfte Berlinale-Tag gewesen wäre, hätten wir gemeinsam sowohl Hexenjagd als auch etliche andere Berlinale-Filme gleich in einem Aufwasch verhandeln können.

Hexenjagd ist nämlich ein schönes Beispiel für eine der diesjährigen Berlinale-Auffälligkeiten: Historisch, massenhysterisch und, was die Botschaft angeht, irgendwie nicht auf dem letzten Stand. Viele Berlinale-Filme haben mindestens zwei dieser Merkmale, Hexenjagd vereint alle drei aufs Unangenehmste. Es geht um einen Hexenverfolgungswahn in Salem, Massachussettes, 1692, den Arthur Miller in den 50er Jahren zu einem Stück verarbeitete, das sich parabelhaft mit dem Komitee für unamerikanische Umtriebe beschäftigte. Ein schreckliches Thema also, und nie ganz aus der Mode, aber so, wie es Nicholas Hytner nach einem Drehbuch von Miller selbst auf die Leinwand bringt, so quälend zäh und authentisch, wort-wörtlich und sich in jeder Einstellung der Tragweite des Themas bewußt seiend – nö, das war schon ziemlich ätzend. Von einer Massenhysterie handelt auch Der Unfisch, ein österreichischer Film von Robert Dornhelm mit Maria Schrader (die übrigens auch ein „Players“-Girl ist). Sie spielt die Erbin eines künstlichen Wals, der in einem kleinen Dorf strandet. Wenn diese Erbin im Inneren des Wals mit einem Mann schläft, erfüllt sich beim Orgasmus das, was sich der Mann in dem Moment wünscht. Als die Dorfleute das spitz kriegen, organisieren sie einen Erbinnen-Beschlaf-Plan, dem sie sich tatsächlich beugt. Sehr befremdlich das, und bis auf einen originellen Anfang und zwischendurch einige witzig-blitzende Momente von Kollektiv-Wahn auch ziemlich widerlich, jawoll! Nicht widerlich, nur langweilig, aber immerhin historisch, ist In Love and War von Richard Attenborough (der hatte 1988 Cry Freedom im Programm): es geht um die Erlebnisse des jungen Hemingway in Italien während des ersten Weltkriegs, womit wir praktischerweise bei einem Film sind, zu dem ich unbedingt sagen muß, daß er absolut großartig ist, riesig: Der englische Patient. Eine Geschichte von erhabener Traurigkeit, jede Minute großes Kino, dabei ganz unsentimental und frei von Kitsch. Egal, was unser Martin dazu schreibt. Und die Party zum Film war auch schön: die große, vielstöckige und luxuriöse Eingangshalle des Grand Hotels bevölkert von mehr oder weniger erlesenen Gästen, zum anständigen Buffet spielte das Filmorchester Babelsberg. Doch, die Filmleute verstehen zu feiern. Was man auch bei der Party zu Twin Town sehen konnte. Dafür wurde nämlich die Tiefgarage eines mittleren Hotels umgebaut, mit Disco und Buffet, mit Props und Gimmicks aus dem Film. Der handelt von zwei walisischen Brüdern, die einen kleinen Rachefeldzug gegen den Dorf-Mogul führen. Sehr flott, sehr lebendig, nicht unbedingt geschmackssicher, sondern originell. Und weil ich sowieso gerade abschweife, ein Wort zu Romeo & Julia, dem Shakespeare-Stoff, der von Baz Luhrmann (Strictly Ballroom) unter Beibehaltung der Original-Dialoge in die Gegenwart transponiert wurde. Ein ratz-fatz geschnittener Actionfilm, der vor allem die Schwächen des Stückes offenbart. Bzw. die Inkompatibilität dieses Stückes mit MTV-Ästhetik zeigt. Schade. Und in seinem Scheitern trotzdem sehenswert. Die Film-Party fand in einer Kirche statt, und statt des göttlichen Auges prangte das Fox-Logo in der Apsis.

Zurück zu den historischen Hysterie-Stoffen: Rosewood ist der Name eine Dorfes in Florida, dessen ausschließlich farbige Einwohner 1922 von den Weißen aus dem Nachbarort Sumner bei einem mehrtägigen Pogrom ermordet wurden. Nur zwei Männer – ein weißer und ein schwarzer – leisteten Widerstand und retteten immerhin ein paar Frauen und Kinder. Diese Geschichte hat John Singleton (Boyz N The Hood) als eine Mischung zwischen Südstaatendrama und Actionfilm inszeniert, Ving Rhames spielt einen zivilisierten schwarzen Rambo, und bis auf manche Kitsch-Momente ist Rosewood sehr überzeugend. Apropos Afro: Ein exquisiter Frauen-Krawall-Film ist Set It Off, die Geschichte von vier schwarzen Frauen aus einem weniger guten Viertel von Los Angeles, die irgendwann die Nase voll haben und sich entschließen, künftig Banken zu überfallen. Das kann natürlich nur bedingt gut gehen, aber der Weg dahin ist großartig.

Eigentlich hat sich in den letzten zehn Berlinalen wenig geändert. Nicht nur wegen der Parties ist es unmöglich, auch nur eine repräsentative Auswahl der Filme zu sehen, und in dem Berlinale-Bericht sind selbst die wenigen gesehenen Filme nicht alle unterzubringen. Mit der Rückschau kommt aber auch eine kleine Erkenntnis: das, was in den zwölf Tagen von Berlin die Gemüter erhitzt und die Zeitungsspalten füllt, was die Leute dazu bringt, zwölf und mehr Stunden in Kinos zuzubringen, ist schon eine Woche später ganz unwichtig. Und zehn Jahre später gar nicht mehr wahr. Obwohl... diese Erkenntnis ist wirkungslos. Nächstes Jahr sind wir wieder dabei, wenn alles gut geht, wir werden uns wieder im Zentrum des filmischen Geschehens fühlen, und jede Einladung wird dieses Gefühl noch verstärken. Tolle Sache, eigentlich. Und nächste Woche fang' ich schon mal an, mich auf nächstes Jahr zu freuen.

(Februar 1997)


Zurück zu Festivals,Themen