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"Kino / Movie / Cinéma": 100 Jahre Kino in Berlin"

MARLENE UND DER REST

100 Jahre Kino: das sind legendäre Stummfilme, von den „Nibelungen“ über „Birth Of A Nation“ bis hin zu den tiefsinnig-komischen Arbeiten eines Charly Chaplin. Das ist Hollywood-Glamour und UFA-Glanz, das sind romantische Komödien und Filmpropaganda, die Schwarze Serie und überhaupt Krimis. Das sind Western, Science-Fiction- und natürlich Horrorfilme. Und wie diese Aufzählung ganz unvollständig ist, kann erst recht eine Ausstellung zu diesem Thema nur lückenhaft sein, bestimmten Linien folgend und andere vernachlässigend.

Und den wichtigsten Aspekt des Filmgeburtstags – die Filme nämlich – kann man in einer Ausstellung ohnehin nicht angemessen vermitteln. Das weiß auch Hans Helmut Prinzler, als Direktor der Deutschen Kinemathek quasi der Ausstellungs-Chef: „Eine Filmausstellung profitiert sozusagen vom Sekundären. Sie stellt etwas aus, was in der Produktion oder Rezeption des Filmes sozusagen übrig geblieben ist. Sie stellt ja nicht den Film selbst aus, denn der läuft im Kino oder im Fernsehen. Eine Filmausstellung beruft sich auf Material wie Entwürfe, Fotos, Plakate, Requisiten, Dokumente, technische Geräte, also alles das, was eigentlich im Kino dann anders zu sehen ist und in dieser Form nicht mehr vorkommt.“

Und damit – nennen wir es Film-Reliquien – ist „Kino / Movie / Cinéma“ gut ausgestattet. Auch wenn einige der wichtigsten Genres kaum vorkommen, Western etwa, oder der Krimi als solcher. Statt Stanley Kubricks 2001 wird Spielbergs Unheimliche Begegnungen der dritten Art gefeiert, und von Charly Chaplin wird nur eine Uniform aus Der große Diktator gezeigt. Zu sehen sind aber unter anderem die Steptanzschuhe, die Fred Astaire in Top Hat trug, eine Flugmaschine aus Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten, Dino-Modelle aus Jurassic Park, die Vogel-Statue aus Der Malteserfalke, das Idol aus Jäger des verlorenen Schatzes, Engelsflügel aus Der Himmel über Berlin, ein Gremlin – tausendundein Objekt, niemals dafür gemacht, in Natura gesehen zu werden, sondern immer nur im überirdischen Licht der Projektoren. Das ist ein Erlebnis, desillusionierend und mythisch zugleich. Zum Beispiel eins der bekanntesten Requisiten der 100 Jahre, um das herum eine der Liebesgeschichten des Jahrhunderts spielte: Das Klavier aus Casablanca, an dem vor über fünfzig Jahren Dooley Wilson saß und Ingrid Bergmann etwas vorsang, bis ein wütender und verletzter Humphrey Bogart dem Ständchen ein Ende macht – das Klavier aus Casablanca also ist nur ungefähr einen Meter breit. Und ebenso hoch. Orangefarben angemalt. Da brechen Welten zusammen! Bis zum nächsten Mal, wenn man das Instrument wieder im Film sieht, wie es sich gehört in Schwarzweiß und niemals im Mittelpunkt.

Von solchen Momenten gibt es in der Ausstellung einige, das ist ihre große Qualität. Und ihre Vielfalt: alte Projektoren und Kameras, Ausstattungsskizzen, Fotografien satt. Tatsächlich, hier weht ein Hauch der Filmgeschichte.

Und auch bei der Präsentation der Filmausschnitte hat man versucht, dem Thema gemäß vorzugehen. Alte Projektoren rattern in Glaskästen, man sieht das Filmmaterial in komplizierten Schleifenführungen – und bekommt eine Ahnung davon, was Film auch ist. Erstaunlich am Rande, daß sich das Geräusch der Projektoren während all der Jahrzehnte kaum verändert hat.

Sehr schön, das alles, aber leider nur das Drumherum. Buchstäblich. Denn das bisher Genannte gruppiert sich um einen zentralen Raum, das Zentrum der Ausstellung, ihre größte Attraktionen. Und gleichzeitig ihr Schwachpunkt.

Vor anderthalb Jahren hat Berlin den gewaltigen Nachlaß von Marlene Dietrich gekauft, und jetzt, im Zentrum der Film-Jubiläumsausstellung, werden Teile dieses Nachlasses erstmals öffentlich gezeigt: Koffer, Reisepässe, Geburtsurkunden, Dokumente satt. Dazu Kostüme und Fotos und private Gegenstände. Das grenzt schon fast an Personenkult, was zu verschmerzen wäre, aber neben dem Marlene-Dietrich-Teil wirkt der Rest der Ausstellung – immerhin die Hauptsache – wie Beiwerk.

Zugegeben, Marlene Dietrich ist eine singuläre Erscheinung, nicht nur für Berlin, und anhand ihrer Biographie lassen sich einige Aspekte einiger Jahrzehnte Filmgeschichte verfolgen, aber Marlene Dietrich steht nicht für ein Jahrhundert Kino, und sie ist nicht als beherrschender Mittelpunkt geeignet, um den herum man die Geschichte des Films drapieren kann. Dadurch wird die Ausstellung nicht weniger sehenswert, aber man hat als Besucher das Gefühl, auf der falschen Geburtsparty gelandet zu sein.

„Kino / Movie / Cinéma“: Die Berliner Ausstellung zum 100. Geburtstag des Films ist noch bis zum 2. Juli täglich außer montags von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Martin-Gropius-Bau, Stresemannstraße 110, 10963 Berlin. Informationen unter Telefon (030) 254 867 47

(April 1995)


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