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Portrait Walter Moers

BÄREN UND PINGUINE

Das minimalistische Schaffen von Walter Moers

Seine Biographie ist dazu geeignet, die Jugend zu verderben, ihr endgültig die Lust auf entfremdete Arbeit und langwierige Ausbildungen zu nehmen und sie schließlich zu animieren, in ihrer Unentschlossenheit, was die eigene Zukunft betrifft, zu verharren: Es wird sich schon etwas finden, wo man sich verwirklichen kann.

„Geboren 1957 in Mönchengladbach. Kein Abitur, kein Studium. Zahlreiche Jobs, von denen ich weder hier noch sonstwo genaueres Zeugnis ablegen möchte. Einige Jahre innerer Einkehr. War auch oft im Kino. Seit 1984 erste Veröffentlichungen im Beltz & Gelberg-Verlag, Geschichten und Zeichnungen für Kinder. Danach mehrere Comic-Bücher im Eichborn-Verlag und Zeichentrickfilme fürs Fernsehen, auch Beiträge für Zeitschriften. Seit 1987 lebe ich als freier Zeichner und Autor in Bedburg bei Köln“, schrieb Moers über sich zur „Caricatura ‘87“.

Klingt das nicht nach der kleinkünstlerischen Variante des Traums, ausschließlich die eigene Kreativität zum Broterwerb zu nutzen, ohne sich Beziehungen und anderer unseriöser Mittel bedienen zu müssen? Natürlich ist es auch bei Moers nicht ganz so idyllisch, wie es scheint. Bevor er seine ersten Arbeiten für Kinder an den „Bunten Hund“ verkaufen konnte, saß er, den eigenen Stil suchend, in irgendwelchen Hotelzimmern, dieweil Freundin Elvira den gemeinsamen Lebensunterhalt bestritt, indem sie in Kaufhäusern Schmuck verkaufte. Diese Zeiten sind vorbei, inzwischen gehört Moers zu den wenigen Zeichnern in diesem Land, die von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben können.

Diejenigen, die das Moers’sche Ouevre nur aus der „Titanic“, „Kowalski“ und ULTIMO kennen, dürfte verwundern, daß er als Kinderzeichner angefangen hat und immer noch einen großen Teil seiner Aktivitäten den jüngsten Comic-Lesern widmet. Das auch ist an den frühen Arbeiten für Eichborn zu erkennen, die zwar eine gewisse Härte hatten, aber meistens im Kinder-Milieu spielten. Und die erste verkaufte Geschichtenreihe, die „sensationellen Entdeckungen des erstaunlichen Prof. Dr. Albert Schimauski“ war ausschließlich für Kinder gedacht. Da wird zum Beispiel von der Entdeckung Schimauskis (natürlich eine Maus) berichtet, was in Wirklichkeit in Toastern passiert: Im Inneren der kleinen Kisten wohnt ein kleiner Drache, der unter hohem körperlichen Einsatz das Weißbrot mittels Feueratem ansengt, um es dann mit einem kräftigen Fußtritt nach oben zu befördern. Überhaupt, die Wesen des Walter Moers: Unter Fans ist „Das Tier“ fast so beliebt wie Franquins Marsupilami, seine Hamster sind großartig, aber immer noch nicht so genial wie die Pinguine, die vor allem im Album „Herzlichen Glückwunsch!“ auftreten. Nun werden Pinguine bestenfalls als Oberkellner oder Nonnen (im katholischen Sprachraum) eingesetzt, bei Moers sind sie würdige, heitere und verspielte Wesen, die am Südpol Missionaren schwer zu schaffen machen, ihre Herrchen nicht konsequent sein lassen und sich – sanft aber bestimmt – emanzipieren und den Menschen zeigen, daß auch sie einen Platz in der Welt haben, in „Kein Tag wie jeder andere“ nämlich, wo sie den „Welt-Pinguintag“ ausgerechnet im Heim eines offenbar alleinlebenden Mannes begehen und diesen in ihre Festivitäten einbeziehen.

Kann man von Moers auch nicht behaupten, jemals von einer „Schere im Kopf“ beeinträchtigt gewesen zu sein, legt er spätestens seit „Von ganzem Herzen“ richtig los, wo er offenbar den Geschlechtsakt als solchen entdeckt hat. Endgültig finster ist „Das Kleine Arschloch“, wo der Titelheld keine Gelegenheit ausläßt, sich bei seinen Mitmenschen unbeliebt zu machen. „Das kleine Arschloch“ ist ausländer-, behinderten-, kranken-, batman-, kultur-, werner-, kirchen-, und familienfeindlich, dafür zynisch, pornographisch und rangiert weit jenseits der Grenzen des guten Geschmacks. Wie vor kurzem hier zu lesen war: „Wir haben wiehernd (vor Begeisterung) am Boden gelegen...“

Noch 1988 hielt es Moers für unrealistisch, mehr Comics in Farbe zu machen. Der Markt biete dafür nicht genug Platz und der Mehraufwand lohne finanziell nicht. Er wolle stattdessen mehr mit Kontrasten arbeiten. Tatsächlich sind seine reduzierten Schwarz-Weiß-Zeichnungen meisterhaft, wenige Linien genügten ihm, um ausdrucksvolle Gesichter und Hintergründe zu schaffen. Eine der charakteristischen Qualitäten seiner Zeichnungen lag im Weglassen, was so weit ging, daß seine Figuren kaum vollständige Umrisse hatten. „Das kleine Arschloch“ ist jetzt komplett in Farbe, womit Moers einen Teil seiner minimalistischen Virtuosität aufgibt. Das ist schade, nicht wegen irgendeines Comic-Puritanismus’, sondern weil Colorierung eigentlich der Moers’schen Technik des Weglassens widerspricht. Wenn eine Zeichnung farbig ist, haben die Elemente eine klare Begrenzung – auf die Moers früher verzichtet hat.

Trotz des rüden „Kleinen Arschlochs“ macht Moers weiterhin Arbeiten für Kinder. „Ich brauche das eine zur Erholung vom anderen. Dabei sind die Kindergeschichten mehr meditative Übungen, sie nehmen viel mehr Zeit in Anspruch, wogegen die Comics das zügige Alltagsgeschäft sind, weil meistens dringende Abgabetermine dahinterstehen.“ Kürzlich sind bei Otto Maier drei kleine Kinderbücher erschienen: „Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn“. Darin erzählt der alte Käpt’n Blaubär seinen Bärenenkeln Gutenacht-Geschichten, die allesamt „erstunken und erlogen! Aber gut erzählt...“ sind, wie die Enkel fachmännisch feststellen. Diese Bildergeschichten können kaum noch als Comics bezeichnet werden, auch fehlt hier der Moers’sche Strich, allein in der lakonisch-ironischen Erzählweise, in den phantastischen Einfällen und den Pointen, die auf ganz leisen Sohlen daherkommen, erkennt man Moers’ Stil, etwa wenn Opa die Geschichte von der weißen Riesenente Moby Duck erzählt, die vom gnadenlosesten Entenjäger der sieben Weltmeere, Käpt’n Ahab verfolgt und von Blaubär gerettet wird.

„Eigentlich sollte ich ja Pfarrer werden. Einer meiner Onkel ist im Vatikan, er nimmt dort den Kardinälen die Beichte ab. Und dieser Onkel hat einen sehr großen Einfluß auf unsere Familie gehabt.“ Kaum auszudenken!

(März 1990)


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