AUSDRUCK EINER SEHNSUCHT
Jens Steinbrenner erinnert sich an Corto Maltese und seinen Schöpfer Hugo Pratt
Tatsächlich mochte ich Comics schon, bevor ich richtig lesen konnte. Aber das Gefühl, daß Comics mehr sein könnten als nur nette, eindrucksvolle und schnell zu konsumierende Bildergeschichten, dieses Gefühl hat sich bei mir erst recht spät eingestellt, im Sommer 1979 in Paris. Da fand ich eine bunte Plastiktüte, die mit dem grob gezeichneten Portrait eines Mannes bedruckt war und den Schriftzug „Corto Maltese“ trug. Ich hatte keine Ahnung, wer oder was Corto Maltese sein könnte, aber die Tatsache, daß es Plastiktüten gab, die mit Comicfiguren bedruckt waren, gaben der ganzen Angelegenheit etwas etabliertes, seriöses. Und als ich ein paar Tage später, immer noch in Paris, eine Buchhandlung entdeckte, in der es eine Comic-Abteilung gab, wurde mir klar, daß Frankreich Deutschland in kultureller Hinsicht einiges voraus hatte.
Heute gibt es auch in Deutschland Buchhandlungen mit Comic-Abteilungen, ja sogar Comic-Läden. Heute kenne ich auch Corto Maltese, und falls man mit Mitte dreißig noch Helden haben kann, ist Corto Maltese meiner.
Aber hier soll es nicht um Corto Maltese gehen, sondern um seinen Schöpfer: Hugo Pratt. Es ist eigenartig, so sehr ich sonst die Schöpfer mit ihren Werken verbinde, so fremd ist mir Hugo Pratt. Eigenartig auch deshalb, weil sich die Leben Cortos und Hugo Pratts in gewisser Weise ähneln, jedenfalls soweit ein Vergleich überhaupt angemessen ist zwischen einem wirklichen Menschen und einer magischen, märchenhaften, gänzlich romantischen und somit irrealen Figur.
Corto Maltese ist Kosmopolit, ein Reisender, ein Kapitän ohne Schiff, der bei seinen Abenteuern so manchem berühmten Menschen begegnete, unter anderem Butch Cassidy, Enver Pascha, Jack London, Josef Stalin und Hermann Hesse. Bei Corto Maltese vermischte Hugo Pratt profunde Geschichtskenntnisse mit seiner Imagination und einem Hang zu Geheimwissenschaften. Vielleicht hat sich Hugo Pratt mit Corto Maltese einen persönlichen Helden geschaffen, Ausdruck einer schwärmerischen Sehnsucht: „Corto Maltese wird nicht sterben. Corto Maltese wird uns verlassen, denn in einer Welt der Elektronik, der Kalkulation, der Industrie und des Konsums ist für jemanden wie ihn kein Platz mehr.“
Auch Hugo Pratt war ein Reisender, ein Kosmopolit, auch er hat vielfältige, international verzweigte Wurzeln und auch er ist einigen berühmten Menschen begegnet. Geboren wurde er als Ugo Eugenio Pratt – fast genau sieben Jahre nach Federico Fellini – am 15. Juni 1927 in Rimini, sein Vater Rolando war ein faschistischer Offizier, der Sohn eines aus Cornwall stammenden Lyoneser Flickschusters und nebenbei der Bruder von William Henry Pratt, der später unter dem Namen Boris Karloff zu einer gewissen Berühmtheit gekommen ist. Hugo Pratts Mutter Evelina stammte aus einem alteingesessenen venezianischen Geschlecht spanisch-jüdischen Ursprungs. Hugo Pratt wuchs in Venedig auf und zog nach zehn Jahren mit seiner Familie nach Äthiopien, der damaligen italienischen Kolonie Abessinien. Die weiteren Stationen: Italien, Argentinien, Großbritannien, USA, Brasilien, Frankreich. Hugo Pratt wurde 1944 als südafrikanischer Spion verdächtigt, hat bei der Wasserschutzpolizei in Venedig und als Dolmetscher gearbeitet, war als Sänger und Tänzer bei der US-Truppenbetreuung und hat als Gitarrist Ende der fünfziger Jahre in Argentinien auch mit Dizzy Gillespie zusammengespielt.
Vor allem war Hugo Pratt natürlich einer der wichtigsten europäischen Comic-Zeichner und -Autoren. Zunächst beeinflußt von amerikanischen Zeichnern wie Milton Caniff zeichnete er Abenteuer-, Western- und Kriegscomics, u.a. Asso di Piche, Sergeant Kirk und Ernie Pike. In den sechziger Jahren illustrierte er die Comic-Versionen von Literaturklassikern, und 1967 entstand in Italien ein Comic-Magazin, in dem ausschließlich Geschichten von Hugo Pratt erschienen: Sgt. Kirk. Die Südseeballade wurde veröffentlicht, die erste Geschichte mit Corto Maltese und der erste europäische Comic-Roman.
Jetzt ist Hugo Pratt tot, und eigenartigerweise handelt sein letztes Album vom Tod: Le dernier vol du pilote romancier, auf deutsch: Saint-Exupéry – Sein letzter Flug. Wieder mit einem romatischen, überhöhten Helden, geheimnisumwittert, aber diesmal real. Antoine de Saint-Exupéry war ein Flieger in der ersten Hälfte des Jahrhunderts und ein Schriftsteller. Seine bekanntesten Romane sind „Nachtflug“, „Wind, Sand und Sterne“ und „Flug nach Arras“. Berühmt ist er allerdings mit einem Kinderbuch geworden: „Der kleine Prinz“. Antoine de Saint-Exupéry ist bei einem Aufklärungsflug am 31. Juli 1944, wahrscheinlich über dem Mittelmeer, verschollen.
Hugo Pratt erzählt die Geschichte diese letzten Fluges ganz einfach, vermischt den möglichen Flugverlauf mit Erinnerungen, Szenen aus Saint-Exupérys Leben. Wie gesagt, sehr schlicht, aber ungeheuer eindrucksvoll, in der gewohnt groben, doch sehr präzisen und ausdrucksvollen Manier gezeichnet. Man muß kein Saint-Exupéry-Fan sein, um das Album zu lieben, und man kann den kleinen Prinzen für leicht debil halten: wenn er plötzlich auftaucht, auf einer Wolke sitzt und den Piloten bittet, ihm nochmal ein Schaf zu zeichnen, läuft auch sachlichen Naturen ein kleiner Schauer den Rücken herab. Mir jedenfalls.
An Sein letzter Flug kann man nochmal sehr deutlich Hugo Pratts Erzähltechnik erkennen, oder besser: seine Methode, Geschichten zu finden. Es geht um Möglichkeiten, und er hat 1989 bei einem Interview mit Eddy Devolder am Beispiel der Geschichte von der Mailänder Sängerin Maria Grazzini erzählt, worauf es ihm ankommt: „1805 unterbricht Napoleon seine Reise nach Venedig in Mailand und lernt Maria Grazzini kennen. Er findet sie anziehend, amüsant und nimmt sie mit sich. Schnell läßt er sie allerdings fallen, nahe bei Vicenza oder der Rivera Brenta. Die Geschichte könnte dort aufhören und nichts weiter sein als eine Anekdote oder ein unwichtiger Zwischenfall in Napoleons Liebesleben. Aber diese Maria Grazzini ist in Nizza geboren, eben der Stadt, in der Napoleon Bonaparte in das Freimaurertum eingeweiht wird. Ein paar Jahre später, zum Zeitpunkt Waterloos, wird sie die Geliebte Wellingtons, der selbst Freimaurer ist. Hier wird es nun interessant ... Als Napoleon von Elba zurückkehrt, um seine hunderttägige Regierung zu beginnen, landet er in Nizza! Ein paar Wochen später sieht er sich Wellington gegenüber, der eine seiner verflossenen Geliebten zur Maitresse hat. Sie liefern sich die Schlacht von Waterloo, und Napoleon leidet an diesem Tag ganz gräßlich unter der Ruhr. Ich kenne nicht genau die Etymologie von Ruhr, aber ich weiß, daß es etwas mit Wasser zu tun hat. Wie ist eine solche Geschichte möglich? Wie kann es angehen, daß noch niemand dieser Tatsache Aufmerksamkeit geschenkt hat? Was hat sich zwischen Maria Grazzini und Wellington an den der Schlacht vorangegangenen Tagen, an denen Napoleon von der Ruhr bei Waterloo niedergestreckt wird, ereignet? Das ist mehr als eine Frauenaffaire. Noch interessanter wird das ganze dadurch, daß auch Blücher, der für den Ausgang der Schlacht verantwortlich war, ein Auge auf Maria Grazzini geworfen hatte. Ich fasse alle Elemente zusammen: Maria Grazzini, Nizza, die Loge von Nizza, Wellington, Blücher ... Ich kann nur erstaunt und fasziniert sein, daß das Schicksal Europas von einer sentimentalen Geschichte bestimmt wurde. All diese fabelhaften Elemente aufzuspüren, die der Imagination entsprungen sein könnten, das ist es, was mich interessiert. ( ...) Ich glaube, hinter der Realität verstecken sich höchst interessante Dinge, wenn man sich nur darauf einläßt, und wenn man nur ein wenig die Gabe zu erzählen besitzt, könnte die Geschichte von Maria Grazzini ein toller Comic werden.“ Hugo Pratt wird sie nicht mehr erzählen können, diese Geschichte, und von jemand anderem möchten wir sie nicht erzählt bekommen.
Hugo Pratt: Saint-Exupéry – Sein letzter Flug. Mit einem Vorwort von Umberto Eco und dem Essay „Saint-Exupéry oder Exil der Kindheit“ von Frédéric d’Agay. Feest/Ehapa, Stuttgart 1995, 80 S., 49,80 DM Die Corto-Maltese-Geschichten sind in Deutschland im Carlsen Verlag, Hamburg erschienen. Die Nummer 26 der „Reddition – Zeitschrift für graphische Literatur“ vom Mai 1995 widmet sich komplett Hugo Pratt. Lesenswert. Erschienen in der Edition Alfons, Luruper Weg 23, 20257 Hamburg, 10 DM
(August 1995)
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