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Jean Giraud alias Moebius

DER DUALE ZEICHNER

Als der Carlsen-Verlag vor knapp einem Jahr stolz ankündigte, endlich das Moebius-Gesamtwerk herauszubringen, hatte er nicht ganz recht. Es ist nämlich etwas kompliziert mit Moebius’ Gesamtwerk, das – oberflächlich betrachtet – aus den vier Reihen „John Difool“, „Major Grubert“, „Die Sternenwanderer“ und „Universum der Wunder“ besteht. Aber Moebius ist auch Jean Giraud und damit der Schöpfer des womöglich komplexesten Western-Epos, das es jemals im Comic gegeben hat: „Blueberry“.

Natürlich ist Moebius ein Pseudonym Jean Girauds und reserviert für eine ganz bestimmte Art von Comics, die Giraud zu produzieren sich entschlossen hatte, nachdem er seinen „Blueberry“-Zyklus weitgehend abgeschlossen hatte. Man könnte im Werk Girauds vielleicht sogar treffender von „Blueberry“ und „Moebius“ als Themen seiner Arbeit sprechen, weil die entstandenen Werke scheinbar grundverschiedene Bereiche des Comic abdecken.

„Blueberry“ hat in den frühen sechziger Jahren als Leutnant der Yankees angefangen, er erscheint zunächst recht konventionell und sieht aus wie ein grell colorierter Holzschnitt. Mit fünf Alben gerät das erste Abenteuer zum Zyklus und die Figur des Blueberry zu einem immerhin interessanten neuen Western-Helden, der sich vor allem durch Verstöße gegen Genre-Gesetze auszeichnet, und dadurch, daß er immer irgendwie gelinkt wird. Insgesamt erlebt Blueberry 20 Geschichten, in denen er in die tiefsten Tiefen des Comic-Western-Lebens gestoßen wird.

Jean Giraud wurde am 8.5.1938 in der französischen Provinz geboren, besuchte in den fünfziger Jahren eine Kunstgewerbeschule, veröffentlichte 1955 die ersten Zeichnungen und arbeitete eng mit Jijé zusammen. Der Einfluß Jijés ist im ersten „Blueberry“-Album, „Fort Navajo“ noch deutlich zu spüren. Neben der faszinierenden Reihe, zu der sich „Blueberry“ in den nächsten Jahren entwickelt, ist es die Entwicklung Girauds, die diese Alben auch für Moebius-Fans interessant macht. Er wird zunächst zu einem handwerklich perfekten Zeichner, führt Elemente in den Western-Comic ein, die es bis dahin so nicht gab, räumt der Landschaft eine dominierende Rolle ein, übt eine fast besessen zu nennende Detailfülle und -treue und geht auch inhaltlich den Weg vom leicht konsumierbaren Krawall zum ernsthaften, tiefen, tragischen und pessimistischen Kunst-Comic.

Dem Werk, das Giraud als Moebius schaffte, hängt das Etikett „Kunst“ endgültig an. Dabei sind es eigentlich nur kleine, konfuse Geschichten, die im weitesten Sinne im Science-Fiction-Genre angesiedelt sind... Science Fiction ist vielleicht nicht das richtige Wort, fest steht nur, daß sie nicht von dieser Welt sind, auch wenn die gelegentlich eine Nebenrolle spielt.

Die erste Moebius-Geschichte war kurz, erschien 1971 und handelte von zwei Raumfahrern, die auf einem riesigen, aber ansonsten erdähnlichen Planeten landeten. In einer Wüste stoßen sie auf ein komliziertes Bauwerk. Nachdem sie es betreten haben, stürzt es zusammen und begräbt die beiden unter sich. Das letzte Bild zeigt einen Strand mit einem zertrampelten Sandhaufen und eine Mutter, die ihr Kind ausschimpft: „Wenn du so damit umgehst, wird dir Papi nie wieder eine Sandburg bauen.“

Dieser Art von Geschichten ist er treu geblieben: Moebius verbindet fremdartige Milieus mit Pointen, die zuweilen sehr leichter Natur sind. Er schert sich einen Teufel um Logik und Zusammenhänge. Eines seiner Hauptwerke, „Die Hermetische Garage des Jerry Cornelius“ handelt vom Major Gruber, der durch eine vieldimensionale Welt irrt, Jerry Cornelius sucht, dabei die Ebenen und sein Aussehen wechselt, ohne je einem wirklichen Handlungsfaden zu folgen. Das Album ist wie ein Zyklus von kleinen Geschichten aufgebaut, die aufeinander verweisen, ohne daß der Leser aus der angeblichen Story, die nur vorgetäuscht wird, schlau wird. Natürlich gibt es weder eine Hermetische Garage, noch hat Cornelius irgendeine Bedeutung für Gruber, es scheint, daß Moebius das alles nur zum Vorwand nimmt, seiner ausufernden Phantasie freien Lauf zu lassen und den Leser mit pseudotechnischen und -philosophischen Äußerungen und sonstigem Nonsense hinters Licht zu führen. Das macht aber nichts, denn neben den wundervollen Zeichnungen, auf die wir gleich kommen werden, ist es vor allem der skurille Humor und eine lakonische Verächtlichmachung jeder Art von Sinn und Zusammenhang, die den Leser für den Verlust der Geschichte entschädigen.

Hat sich Jean Giraud im „Blueberry“ als Meister der Landschaft und detailverrückter Zeichner bewiesen, als Virtuose menschlicher und tierischer Proportionen und als genialer Layouter, fügt er als Moebius all dem eine Rationalität hinzu, die wirklich atemberaubend ist. In manchen Bildern spart er Hintergründe, um in angeschnittenen Gesichtern mit wenigen Schraffuren edle Sparsamkeit zu demonstrieren, dann wieder füllt er ganze Seiten mit kompliziertesten Mustern und Arabesken, mit wimmeligen Hinter-, Mittel- und Vordergründen. Neben dieser Rationalität hat er sich im Gegensatz zum „Blueberry“ die Freiheit genommen, Welten selbst zu schaffen, die sich noch niemand ausgedacht, geschweige denn gesehen hat. Neben den realitätsinspirierten Wesen wie phantastischen Insektoiden gibt es da Kreaturen, die man sich nur schwer vorstellen könnte, hätte er ihnen keine Gestalt gegeben, wie etwa die Beton-Möve oder gewisse Reittiere.

Dabei sieht man den Moebius-Zeichnungen durchaus an, daß sie vom Schöpfer des „Blueberry“ stammen: Es ist die gleiche einzigartige Weise, mit der Rundungen modelliert, Schatten gesetzt und Proportionen bewußt verzerrt werden.

Den endgültigen Beweis seiner zeichnerischen Virtuosität erbringt Moebius in „Die Sternenwanderer“, einer übrigens recht konventionellen Geschichte um zwei junge Leute, die von einer hoch entwickelten Zivilisation in eine mystisch belebte Naturlandschaft geraten. 1985, fast zehn Jahre nach der „Hermetischen Garage“ verzichtet er fast völlig auf Schraffuren und Graustufen, um Dreidimensionalität darzustellen. Allein durch Perspektive erreicht er eine surreal anmutende Tiefe in den kräftig kolorierten Panels.

Neben der erwähnten Moebius-Gesamtausgabe sei hier auf den Aufsatz „Once upon a time in the west“ von Otto Janssen hingewiesen, der im „Comic-Jahrbuch 1990“ (Carlsen, Hamburg 1990, 29,80 DM) enthalten ist, und auf „Kunst-Comics“ von Armin Schreiber („Edition Kunst der Comics“, Dreibein, Hamburg 1989, 36,- DM), wo ausführlich auf Giraud & Moebius eingegangen wird.

(September 1990)


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