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Hundert Jahre Comics

NOCH’N JUBILÄUM

Auch die Comics haben einen offiziellen Geburtstag, den 5. Mai 1895 nämlich. Ist also schon über ein halbes Jahr her, aber über dem ganzen Wirbel, den die hundert Jahre Film verursacht haben, ist uns das Comic-Jubiläum einfach entgangen. Nicht so schlimm, vermutlich, denn erstens hat uns der Carlsen-Verlag jetzt mit einem schönen Pracht-Doppelband erinnert, und zweitens ist der Comic-Geburtstag wie der des Films nicht wirklich hieb- und stichfest. Es ist ja nicht so, daß sich damals jemand hingesetzt hätte und gesagt hat: Ich mach’ jetzt mal einen Comic. Vorher gab es schon Bilderbögen, Sprechblasen und Serienhelden, und auf die meisten Prä-Comics paßt Scott McClouds beinahe-wissenschaftliche Comic-Definition: „zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen“.

Nein, die Erfindung des Comics vollzog sich schleichend in ein paar tausend Jahren. Höhlenmalereien, die alten Ägypter, Römer, die auf Säulen ihre Siege verherrlichten, lange französische Teppiche, die an Wände gehängt wurden, können als Ahnen gelten. Als dann Gutenberg den Buchdruck erfunden hat und man auch Bilder reproduzieren konnte ging’s richtig los, William Hogarth hatte mit seinen moralischen Geschichten, die er in Kupfer stach, großen, auch kommerziellen Erfolg, Grandville, Wilhelm Busch, naja, und so weiter.

Comics, wie wir sie heute kennen, sind bunt und nicht unbedingt teuer. Also konnten Sie erst richtig entstehen, als eine Methode erfunden wurde, bunte Bilder in großer Zahl zu reproduzieren. So gesehen, ist 1895 gar nicht so daneben, da begann nämlich die große Zeit der auflagenstarken Tageszeitungen, und daß manche dieser Blätter auch heute noch „Yellow Press“ genannt werden, hat mit der terminbestimmenden Comic-Figur zu tun.

Die tauchte das erste Mal am 5. Mai 1895 in der „New York World“ auf und wurde später unter dem Namen The Yellow Kid berühmt, so genannt nach der Farbe des Nachthemdes das er ausschließlich trug. Dieser Yellow Kid war ein Straßenkind und so arm wie die anderen Leute, von denen Zeichner und Autor Richard F. Outcault berichtete. Die Serie hieß Hogan’s Alley, hatte keinen soziologischen Anspruch, war aber so realistisch, wie es ein Comic eben sein kann.

1895 war das Nachthemd des späteren Yellow Kid noch blau, erst Anfang 1896 wurde eine Möglichkeit entwickelt, gelb zu drucken. Zufällig bekam der Kid also ein gelbes Hemdchen, wurde ein Riesenhit, und Verleger Pulitzer warb mit dem Kid und ließ sogar seine Lieferwagen gelb spritzen. (Eine lustige Geschichte, aber Sie sollten mal die hören, wie die Soap Operas zu ihrem Namen kamen!)

Mit dem Yellow Kid fingen jedenfalls die Comics an, und wir wissen heute, daß sich in den letzten hundert Jahren da beachtliche Dinge getan haben. Der Carlsen-Verlag würdigt das Jubiläum mit zwei Büchern in einem Schuber, die den unschuldigen Namen „100 Jahre Comic Strips“ tragen und auf insgesamt knapp 500 Seiten die wichtigsten Vertreter Revue passieren lassen. Die wichtigsten Vertreter der Comic-Strips, wohlgemerkt, und damit sind ausschließlich Comics gemeint, die in amerikanischen Zeitungen erschienen sind. Das empfanden wir zuerst als etwas enttäuschend, weil wir erstens mit amerikanischen Zeitungen so recht nichts am Hut haben und unser Herz zweitens sowieso den europäischen Alben gehört. Aber sei’s drum, es läßt sich herrlich schmökern darin, die Texte sind nicht übersetzt, und die Druckqualität ist ganz ausgezeichnet. Schräge und straighte Geschichten, Sachen, von denen man noch nie gehört hat, und Namen, die überall herumschwirren, wie etwa „Terry and The Pirates“ oder „Happy Hooligan“. Little Nemo und Krazy Kat sowieso. Jetzt fehlt uns nur noch so ein Mammut-Werk über europäische Comics.

100 Jahre Comic Strips. Zusammengestellt von Bill Blackbeard. Mit einer Einführung von Andreas C. Knigge. Carlsen, Hamburg 1995. Zwei Hardcoverbände im Schuber, 496 S., DM 198,–

(Dezember 1995)



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