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Portrait André Franquin

„KÖNIG DER DEPRESSION“

André Franquin, der Erfinder des Marsupilami, wird 70

Er hat Generationen von Kindern Tränen lachen lassen. Er hat mit seiner Arbeit dafür gesorgt, daß diese Kinder, als sie erwachsen waren, nicht aufgehört haben, Comics zu mögen. Er ist neben Hergé der wichtigste Comic-Schaffende Europas: André Franquin. Seine Bildergeschichten sind vielschichtig, aber nicht kompliziert. Seine Zeichnungen sind makellos, was man leicht übersieht, so wie man in einem guten Film die Machart vergißt. Was bei Franquin als erstes auffällt, sind die Gags. Franquins Comics sind komisch. Albumlang, bei „Spirou und Fantasio”, One-Pager wie „Gaston”, sogar die finsteren „Schwarzen Gedanken”, bei denen dem Leser gelegentlich das Lachen im Halse steckenbleibt.

Franquins Pointen sind Brüller, auch beim -zigsten Wiedersehen. Wie die meisten bedeutenden Künstler, deren Sujet komisch ist, haben seine Arbeiten die Art von Tiefgang und Bitterkeit, die Komik von Klamauk unterscheidet. Franquin hat etwas zu sagen. Er fühlt sich unbehaglich angesichts dieser Welt. Er jammert nicht, sondern ist böse und sarkastisch. Manchmal dezent, wie in den populären Serien, manchmal hart, wie in den „Schwarzen Gedanken”.

In Deutschland mag der Gedanke befremdlich sein, daß Comics mehr sein können als Unterhaltungsstoff für lesefaule Kinder, als jugendgefährdender Schund gar. Etwas weiter westlich, da, wo die Menschen französisch sprechen, gelten Comics auch ganz offiziell als Kulturgut. Eine Vorstellung, die André Franquin eher mit Unbehagen erfüllt: „Ich möchte nicht, daß uns das in den Kopf steigt. Der arme Typ, der im Glauben an ein Kulturgut anfängt zu zeichnen, soll das lieber gleich bleiben lassen.” In dieser Haltung sind der Erfolg und die Qualität von Franquins Arbeiten begründet. Sie sind niemals prätentiös, sie stellen immer die Geschichten und die Figuren in den Vordergrund. André Franquin will kein genialischer Comic-Künstler sein: „Ich habe den Eindruck, als würden sich die Comics zu ernst nehmen. Sie geben sich so ästhetisch und tiefsinnig, daß einem die Lust am Lachen vergeht.”

Wie die meisten bedeutenden europäischen Comic-Schaffenden ist André Franquin Belgier. Er wurde am 3. Januar 1924 in Etterbeek geboren, einem Vorort von Brüssel, wie Hergé siebzehn Jahre vorher. Wie viele bedeutende europäische Comic-Schaffende war Franquin auf der Ecole Saint-Luc in Brüssel, allerdings nur ein Jahr, bis die Schule 1944 wegen des Krieges geschlossen wurde. Dann bekam er einen Job in dem Zeichentrickfilmstudio CBA: „Ich war Animator, aber das war eine furchtbare Angelegenheit. Niemand erklärte mir etwas, und ich war nichtmal in der Lage, das Problem mit den 12 oder 24 Bildern pro Sekunde zu verstehen. Die einzige Animation, die ich jemals gemacht habe, lief in rasendem Tempo ab!”

Nach dem Ende des Krieges erledigte sich das Problem von selber. CBA machte wegen der wieder verfügbaren amerikanischen Zeichentrickfilme pleite. Die Animations-Episode war für die Karriere Franquins trotzdem höchst bedeutsam. Bei CBA arbeiteten nämlich auch die Zeichner Eddy Paape („Luc Orient”), Morris („Lucky Luke”) und Peyo („Die Schlümpfe”). Dieses Kleeblatt künftiger Comic-Prominenz kam beim Verlag Dupuis unter. Der gab eine Programmzeitschrift, „Le Moustique”, heraus, für die Franquin zuerst zeichnete. Dann kam er zum Almanach „Spirou”, 1946 übernahm er die Titelserie von Jijé, und 1950 erschien die erste albumlange Geschichte: „Spirou und Fantasio – Der Zauberer von Rummelsdorf”. André Franquin konnte beginnen, sein Universum zu schaffen. Das besteht aus zwei Haupt-Serien: „Spirou und Fantasio” und „Gaston”, und es ist tatsächlich eine eigene kleine Welt.

„Spirou und Fantasio” sind Comichelden wie Hergés Tim. Spirou ist Hotelpage, aber nie in Hotels anzutreffen, außer als Gast: „Er war einfach nur da, um Abenteuer zu erleben.” Und Fantasio arbeitet später als Journalist, was wichtig wird, als „Gaston” 1957 entsteht. Da spielt nämlich auch Fantasio mit: als cholerischer Vorgesetzter. Und auch Gaston schlurft immer wieder durch die Abeneteuer von Spirou und Fantasio. Bis 1968 schuf Franquin 22 „Spirou und Fantasio”-Alben, dann gab er die Serie ab, die Rechte am „Marsupilami” und „Gaston” behielt er.

„Gaston” ist weder Weltenbummler noch Abenteurer. Gaston ist in einer Comic-Redaktion tätig, als Hilfskraft ohne Geschäftsbereich. Er macht aufregende Erfindungen, legt das Redaktionsgebäude verschiedene Male in Schutt und Asche (von kleineren Zerstörungen wie šberflutungen und Explosionen ganz zu schweigen) und vermasselt immer wieder – unabsichtlich – die wichtigsten Vertragsabschlüsse. „Gaston” ist Franquins persönlichste, eleganteste, subversivste und geistvollste Figur und einer der schönsten Comic-Charaktere überhaupt.

Obwohl Franquins Comics, wie gesagt, ungeheuer komisch sind, schwingt immer auch etwas Wehmut mit. Die sorgt für eine zusätzliche Qualität, hat aber auch mit der Person Franquins zu tun. In den achtziger Jahren durchlitt er eine Depression, die so heftig war, daß er jahrelang nicht arbeiten konnte: „So eine Depression ist die Hölle, und sie hinterläßt in jedem Fall ihre Spuren. Die Depression bringt eine brutale Enthüllung dessen, was im Leben daneben ging. Sie tritt in einer Form auf, wo alles mit erstaunlichen geistigen und physischen Auswirkungen auf dir lastet.”

Die Depression hat Franquin während seiner gesamten Karriere zu schaffen gemacht, schon 1962 mußte er seine Arbeit deshalb unterbrechen, aber er hat sie, solange es ging, zum Vorteil seines Werkes ausgenutzt. Nicht nur in den nachdenklichen Aspekten seiner Haupt-Alben, die man womöglich nur wahrnimmt, wenn man dafür empfänglich ist, sondern auch bei den „Kleinen Monstern”, die seit Anfang der siebziger Jahre entstanden sind, und ganz massiv bei den virtuosen „Schwarzen Gedanken”: „Sie entstanden sicher aus dieser depressiven Haltung heraus, die zu der Zeit aber doch nicht zu tragisch war, denn die Gags waren ja immerhin noch zum Lachen gedacht. Die ,Schwarzen Gedanken' bringen kurze Geschichten, ein bißchen grausam und sadistisch, die aber dennoch neckisch bleiben.” In diesen Geschichten beschäftigt sich Franquin unter anderem mit Ängsten, Bonsai-Freaks, dem Tennisspiel und der Logik der Todesstrafe.

Die „Schwarzen Gedanken” sind auch formal schwarz: „Das ist wie ein in Ruß getauchter ,Gaston'”. Die Zeichnungen sind sehr detailreich und drastisch bis zur Ekelgrenze: „Ich mag, wenn es Splatsch und Kniirrsch macht. Einer verliert die Nase, einem anderen quillt das Gehirn aus der Augenhöhle... Doch, das ist ziemlich lustig.” Und das ist wahr. Die „Schwarzen Gedanken” sind keine Splatter-Comics, auch wenn es so klingt, es sind verzweifelte, pessimistische Miniaturen: „Man wird mich noch zum König der Depression ausrufen...”

„Ich denke, daß ich jetzt wieder einigermaßen normal zeichnen kann, so wie ich heute auch wieder normal mit dem Auto fahren kann”, sagte André Franquin 1986 in einem Interview mit dem französischen Comic-Publizisten Numa Sadoul (aus dem auch die anderen hier verwendeten Zitate stammen). Tatsächlich ist Franquins Gag-Fabrik seitdem wieder in Schwung gekommen. Entstanden ist die bemerkenswerte Reihe der „Bischöfe”, die „Gaston”-Serie wurde fortgesetzt, und das Marsupilami hat eine eigene Album-Reihe bekommen: „Die Abenteuer des Marsupilami”.

Es sieht so aus, als würde Franquin, der ja mit den Jahren immer besser geworden ist, in seinem achten Lebensjahrzehnt mit einem wundervollen Alterswerk beginnen, bevor er sich dann verdientermaßen zur Ruhe setzen könnte. Letzteres ist allerdings unwahrscheinlich: „Mein Beruf ist sehr wichtig für mich, er ist mein Lebensinhalt.”

(Januar 1994)


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