KLAPPERSTORCH UND HIMMELSZELT
Seit Autoren und andere Phantasten den Boden der Tatsachen verlassen haben, geistern immer mal wieder verschiedene Parallelwelten durch die Geschichten: Totenreiche, Geistergegenden, oder auch nur andere Ebenen der Wirklichkeit. Aber zu so einer Vision wie Die andere Welt hat sich wohl noch niemand durchgerungen. Weil sie bekannt ist. Vor ein paar Jahrhunderten war diese Welt für die Menschen Realität, und wer daran zweifelte wurde hingerichtet oder Schlimmeres.
Die andere Welt ist eine Scheibe, der Himmel darüber ein Zelt, an dem die Sterne zur Dekoration aufgehängt sind. Wenn man nicht aufpaßt und zu nah an den Rand kommt, stößt man sich den Kopf oder fällt runter. Bizarr. Das denkt auch der Astronaut Jan, der mit seiner FK11 eine Notlandung machen muß und im Krankenhaus erwacht. Die Leute sind nett, nur wenn die Rede auf seine Herkunft kommt, reagieren sie sehr merkwürdig. Flugmaschinen? Weiß doch jedes Kind, daß Menschen niemals werden fliegen können. In dem verschrobenen Gelehrten Klemens Abler findet Jan einen Verbündeten, denn auch Abler träumt vom Fliegen. Er bewahrt Jan vor dem Irrenhaus und nimmt in auf, in sein Heim, ein Schlösschen mit etwas über 130 Katzen, einem Laboratorium und einem Fernrohr, das zeigt, daß Jan wirklich in einer ganz anderen Welt gelandet ist ...
Szenarist Rodolphe (Cliff Burton) erzählt die Geschichte mit dem Blick des Astronauten, staunend ob all der Wunder, ungläubig, daß es sowas geben soll. In dieser Welt ist Magie Realität, da kann einem schon mal Gevatter Tod begegnen, der sich am kahlen Schädel kratzt, seine Notizen durchwühlt und befindet, daß man noch nicht an der Reihe ist. Das ist gleichzeitig naiv und durchtrieben, denn innerhalb der aberwitzigen Logik stimmt alles. Man muß sich nur darauf einlassen, daß die Welt eine Scheibe ist. Zeichnerin Florence Magnin hat dafür die passenden Bilder gefunden: in zarten Pastellfarben, akribisch schattiert und ohne knallige schwarze Konturen wirkt ihre Arbeit wie Märchenbuch-Illustrationen. Allein die phantastischen technischen Geräte, eine Mischung aus Jugendstil und Mittelalter, oder ihre detaillierten Gesichter – eine wahre Freude. Regenbögen und Seeschlangen, Dampfautos und über 130 Katzen, Auen im Frühnebel und natürlich das Himmelszelt: Herrlich. Und das Schönste: Es geht weiter. Die andere Welt ist nämlich in Gefahr. Der Himmel senkt sich und von Jahr zu Jahr bringen die Klapperstörche weniger Kinder. Wir berichten weiter.
Rodolphe/Magnin: Die andere Welt. Arboris, NL-Zelhem (Deutschland: Cadmos Verlag) 1992. 48 S., Hardcover.
(1992)
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