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Comics aus Japan

LUSTIGE BILDER VON VÖGELN UND TIEREN

Japan ist die größte Comic-Nation der Welt. Jährlich werden dort Milliarden von Bänden gedruckt, und Millionen-Auflagen eines einzigen Albums sind dort eher die Regel. Viel Papier, denn so ein japanischer Comic hat gut und gerne seine 400 Seiten. Kein Problem, schließlich liest der gewöhnliche Japaner locker seine sechzehn Seiten pro Minute, und das am liebsten in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit.

Wenn man von den Comics auf die Japaner selbst schließen kann (kann man zwar nicht, aber trotzdem:), haben Nippons Söhne und Töchter einen ziemlichen Schaden. Nicht nur, daß sie ihre Comics von hinten nach vorne und von rechts nach links lesen – sogar die Ware, die auf den deutschen Comic-Markt schwappt, ist größtenteils eigenartig bis bescheuert, und wer das Vergnügen hatte, mal ein normales, durchschnittliches japanisches Manga in die Hand zu bekommen, weiß, daß hier bei uns nur die anspruchsvolleren Titel in den Verkauf kommen. Die dominierenden Themen sind Sex, Gewalt und Sex (ungefähr in dieser Reihenfolge), und weil der Japaner als solcher (oder die dortigen Sittenwächter) ein vergleichsweise hochentwickeltes Schamgefühl besitzt, sieht man aber nix. Sex, meine ich. Da liegen zum Beispiel weit geöffnete Damen herum und schmachten den U-Bahnfahrer lasziv an, aber dazwischen ist es einfach weiß. Die Kunst des Weglassens oder zum Selbstausmalen? Wer weiß? Mit der Gewalt ist es ein bißchen anders. Selbst in dem ehrwürdigem Epos Okami wird gesplattert was das Zeug hält, fliegen abgesäbelte Gliedmaßen durch die Gegend, wird seitenlang gemetzelt. Immerhin ohne Farben und auf zeichnerisch ziemlich hohem Niveau. Aber Okami ist auch ein Über-Manga: 8400 Seiten in 28 Bänden, aus denen in der deutschen Ausgabe locker 60 werden könnten, weil jeder Band hier nur ca. 150 statt der 300 Seiten der japanischen Ausgabe enthält.

Japanische Comics handeln entweder von irgendwelchen Samurais, die in irgendwelchen vergangenen Epochen durch die Gegend ziehen, oder von zukünftigen Cyborgs, Androiden, Kampfmaschinen etc. Okami zählt zur ersten Kategorie: Nach einer üblen Verleumdungskampagne soll sich der Samurai Itto Ogami mit seinem Schwert in den Gedärmen rumstochern (wir nennen das Harakiri), was er aber nicht will und stattdessen den „Weg des Mörders“ einschlägt, gemeinsam mit seinem wirklich sehr kleinen Sohn, der gerade aus dem Krabbelalter raus ist. Itto ist also kein echter Ronin (das ist ein Samurai, dem der Herr weggestorben ist), sondern ein Okami, ein „einsamer Wolf“. Und als solcher zieht er durch die Gegend, mit dem Ziel, sich an den Finstermännern zu rächen, die ihn in diese Lage gebracht haben. Unterwegs erlebt er allerlei Abenteuer, bringt dem Sohnemann einige Lebensweisheiten bei, zeigt Gefühl und Härte und pflegt die vornehmsten Tugenden des Kriegers: Selbstaufgabe und Mitleid. Wie gesagt, ein bißchen eigenartig, so fremd, aber auch wegen der bei aller Ökonomie der Mittel sehr schönen Zeichnungen durchaus nett.

Ein anderer herrenloser Samurai ist Usagi Yojimbo, was „Leibwächter Hase“ bedeutet, und das ist er auch: Ein Hase, der in einem von anderen Tierfiguren bevölkerten Japan des 17. Jahrhuderts als Ronin durch die Gegend zieht. Usagi Yojimbo verbindet moderne Niedlichkeit à la Disney mit den Wurzeln der japanischen Comics, den Chôjûgiga (etwa: „Lustige Bilder von Vögeln und Tieren“) aus dem 12. Jahrhundert. Tatsächlich ist Usagi Yojimbo überhaupt nicht niedlich, sondern ziemlich brutal, ergänzt mit einer gewissen Landsknechts-Heiterkeit – für unser Empfinden eine üble Mischung.

Die Gegenwart kommt in den japanischen Comics, die wir kennen, kaum vor, außer in (Töröö!): Sailor Moon. Das ist nicht nur eine unsägliche Zeichentrick-Serie im ZDF, sondern auch ein Heftchen gleichen Inhalts: Das Teeny-Mädchen Bunny Sukino verwandelt sich mit Hilfe ihres Zauberkätzchens Luna von Zeit zu Zeit in die Superheldin Sailor Moon und rettet dann die Welt und kriegt dafür Schmuck geschenkt. Oder so. Unglaublich! Furchtbar schlecht gezeichnet, bonbonfarben coloriert, mit Augen, so groß wie Untertassen, und Geschichten... aber lassen wir das. Und wenden uns der Zukunft zu, die im japanischen Comic fast immer maschinell unterstützt ist und im übrigen ganz schön finster.

Da gibt es zum Beispiel Striker, einen siebzehnjährigen Krawallbuben, der in einer Spezialeinheit archäologische Fundstücke beschützt. Wenn der Schliemann begegnet wäre! Striker ist niedlich und smart und hat einen Kampfanzug, der ihn unverwundbar macht. In seinem ersten Abenteuer hat er es mit der Arche Noah zu tun. Dann ist da Xenon, ein netter Junge in einem Cyborg-Körper, auch 'ne Kampfmaschine. Und dann gibt's noch Battle Angel Alita, so ähnlich wie Xenon, aber mit einem anderen Hintergrund und gar nicht mal so schlecht. Alita ist auch ein Cyborg, den der Techniker Ido aus einem auf einem Schrottplatz (!) gefundenen Gehirn und allerlei Cyber-Ersatzteilen zusammenbastelt. Das Ergebnis sieht aus wie der feuchte Traum eines Marionettenmachers, ist aber ganz keusch und beschränkt sich darauf, finstere Monster niederzumachen, denn Alita ist Mitglied der Verbrecherjäger. Manga-Krawall der gehobenen Klasse, zusätzlich mit einer Nebengeschichte ausgestattet: Alita, das Schrottplatz-Gehirn, hat nämlich eine aufregende Vergangenheit, die wahrscheinlich in den nächsten Bänden gelüftet wird, der erste heißt Engel ohne Erinnerung, und so ist es auch.

Schließlich Akira. Mit dem hat für uns alles angefangen, und jetzt ist der angeblich letzte, der 19. Band der grandios-wuchtig-psychotischen post-apokalyptischen Großstadtsaga erschienen. Auch Neo-Tokio liegt in Schutt und Asche, Kaneda und seine süße Kai haben sich offensichtlich zusammengerauft und am Ende des Bandes Freunde für die Ewigkeit wird eine neue Nation gegründet: „The Great Akira Empire“. So ungefähr jedenfalls, denn zumindest ich habe einfach die Übersicht verloren. Man müßte die ganze Geschichte am Stück lesen, aber dazu hab'ich gar keine Lust, jedenfalls nicht vor Juni. Dann gibt nämlich – töröö-töröö! – Band 20. Die Legende lebt. Schau'mer mal.

Und loben zu allerletzt Sarah, eine andere Geschichte von Katsuhiro Otomo, deren erster Band Spuren im Sand kürzlich erschienen ist. Die Heldin ist eine Mutter, die durch die Wirren eines anderen postapokalyptischen Krieges von ihren Kindern getrennt wurde. Sarah sucht und trifft auf einer schön heruntergekommenen Erde viele interessante Gestalten. Das alles ohne Farbe, leider, und auch nicht ganz so detailverrückt ausgeführt, aber immerhin ohne den kleinsten Cyborg. Bis jetzt. Wir bleiben dran. Töröö.

(April 1996)


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