NEUES FÜR DIE LIGNE-CLAIRE-SAMMLUNG
Die „Tim und Struppi“-Geschichten sahen nicht immer so aus, wie wir sie kennen. Die ersten Abenteuer des „pfiffigen Reporters“ und seines Foxterriers erschienen ab Ende der zwanziger Jahre als Fortsetzungen im „Petit Vingtième“, der Kinderbeilage der belgischen Zeitschrift „Vingtième Siècle“, und waren ganz anders als die späteren Alben. Hergé hat später alle Geschichten neu gezeichnet und editiert, alle, bis auf die allererste: „Tim im Lande der Sowjets“. Die Ur-Alben waren länger als die Neubearbeitungen, um die 120 Seiten, mit meistens 6 Bildern pro Seite, schwarzweiß, und recht unbeholfen gezeichnet. Daß aus ihnen einer der bedeutendsten Comic-Stile werden sollten, die „Ligne Claire“ nämlich, war ihnen kaum anzusehen. Durch die Papierknappheit im Zweiten Weltkrieg war Hergé gezwungen, die Seitenzahl zu reduzieren. Er zeichnete die Alben neu, kolorierte sie und veränderte auch die Geschichten.
Selbst bei den Alben, die wir heute kennen, fällt auf, daß Hergé anfangs ein ziemlich reaktionärer, chauvinistischer und rassistischer Bursche gewesen sein muß. Nicht vordergründig bösartig, aber seine Darstellung der afrikanischen und amerikanischen Ureinwohner läßt einem heute kalte Schauer den Rücken herunterlaufen. Später wurden die Geschichten immer liberaler, toleranter und großmütiger, bis am Ende ein anderer Tim dastand als der, der Amerika und Afrika bereist hatte.
Die Anfänge dieser Entwicklung lassen sich schon im Vergleich der Ur-Versionen und der bearbeiteten Alben feststellen. Und der Vergleich ist jetzt auch möglich, Carlsen bringt nämlich acht Ur-Fassungen in Albumform heraus, gedruckt auf grobem Papier, aber schön im Hardcover mit Textilrücken gebunden. Die Anschaffung dieser Ur-Versionen lohnt sich allerdings nur für Fans, die jede Nuance, jeden Unterschied mit den eigenen Augen sehen wollen. Und vielleicht für Leute, die wissenschaftliche Abhandlungen zur Entwicklung des Weltbildes in der Populärkultur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfassen wollen. Alle anderen sind mit den bekannten Alben besser bedient, sie sind einfach besser: knackiger gestaltet, besser gezeichnet, mit viel reicherem Bildwitz.
Ebenfalls Hergé-Forschung kann man mit „Stups und Steppke“ betreiben, zwei Brüsseler Lausbuben, die sich vor über 50 Jahren auf One/Two-Pagern tummelten. Wo Tim immer einen Hang zum musterhaften Langweiler hatte, sind Stups und Steppke milde Anarchos, die die Seiten mit Träumereien, Anschlägen auf die Staatsgewalt und sonstige Autoritäten füllen. Sehr nett.
Keine neuen oder neuausgegrabenen Geschichten von Hergé sind im „Tim-und-Struppi-Kalender 1993“ enthalten, sondern actionreiche Strips aus den Alben. Der Kalender ist eine Mischung aus Terminplaner und Bilderbuch, mit feiner Typographie, auf bestem Papier gut gedruckt, mit festem Papp-Einband – richtig edel. Viel zu schade, um ihn mit Terminen vollzuschreiben, die angesichts der unvergänglichen Bilderleisten nur an die Müßigkeit des eigenen Tuns erinnern. Ein hübsches Geschenk: Sollen sich doch die anderen mit dem Problem herumschlagen, den ein Kalender, den man nicht vollschreiben mag, mit sich bringt.
(September 1992)
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