HERGÉ, VANDERSTEEN UND ANDERE
Hergé wirkt nach. Kein Einfluß im modernen Comic ist so leicht zu erkennen wie die Ligne Claire des Belgiers, der sich indes nicht darauf beschränkte, seine Zeichnungen klar und übersichtlich zu halten, sondern auch die Geschichten weitgehend linear erzählte. Obwohl Hergé gelegentlich die Tricks der Krimi-Autoren anwendete und seiner Phantasie freien Lauf ließ, wenn es um märchenhafte technische Errungenschaften ging, folgt alles, was er seine Helden erleben ließ, einer gewissen und unkomplizierten Logik. Wie stark sich auch jüngere Comic-Zeichner an Hergé orientieren, läßt sich beispielsweise an „Mörderische Entscheidung“ belegen. Nicht nur, daß die berühmte Mondrakete mehr als einmal als Dekoration auftaucht; die negative Hauptfigur Oktave sieht aus wie ein gealterter, fett und böse gewordener Tintin incl. charakteristischer Haartolle. So etwas amüsiert in gut gemachten Alben, in derart schlampig gezeichneten und müde konstruierten Reißern verärgert es aber – als wäre ein Schundroman John Steinbeck oder eine Sammlung drittklassiger Essays Kurt Tucholsky gewidmet.
Daß es mit der Annahme der Leistungen Hergés auch anders geht, beweisen nicht nur die dekorativen Weiterentwicklungen von Joost Swarte oder die eher schmuddelige Variation „Luc Lamarc“ von Jean-C. Denis. Es geht auch ganz unambitioniert, sozusagen hart am Vorbild: „January Jones“ von Eric Heuvek und Martin Lodewijk atmet in jedem Paneel den Geist Hergés, und auch in jeder dramaturgischen Wendung. Die Heldin ist eine amerikanische Kunstfliegerin, die jedoch fast so selten in der Luft zu sehen ist, wie Tintin seinem Beruf (dem eines Reporters) nachgeht. Die Hauptbeschäftigung der Heldin besteht darin, Abenteuer zu erleben. Im ersten Band fuhr sie in einer der ersten Rallye Monte Carlos mit, jetzt, in „Der Schädel des Sultans“ sitzt sie in Paris fest und schlägt sich mit allerlei Wissenschaftlern und Finstermännern herum, die alle hinter besagtem Totenkopf her sind, weil auf der Innenseite der Hirnschale ein Plan eingeritzt ist, der den Weg zu einem sagenhaften Schatz weisen soll. Aber auch ehemalige Untertanen des Fürsten wollen die Knochen, für sie ist es ein wichtiger Teil ihrer nationalen Identität und unentbehrlich auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Ein MacGuffin, aber einer, der viele symbolische Bedeutungen beinhaltet. Die Geschichte spielt in den dreißiger Jahren, und daß eine kindliche, schwarze und höchst couragierte Tänzerin eine wichtige Rolle spielt, zeigt, daß sich Autor und Zeichner nicht mit jener oberflächlichen Harmlosigkeit zufrieden geben mögen, die ansonsten im Comic-Mainstream vorherrscht. Mit dem Ende von „Der Schädel des Sultans“ ist erst die Hälfte der Geschichte erreicht, die Reise geht weiter nach Kairo, man darf vermuten, daß Miss Jones den Schatz finden wird und ihn einem wohltätigen Zweck zuführen wird. Oder sie kauft sich ein Schloß auf dem Lande...
Aber Hergé dient nicht erst in jüngerer Zeit als Vorbild. Er hatte auch zu Lebzeiten großen Einfluß, nicht zuletzt natürlich auf die Zeichner und Autoren, die er in seinem Studio beschäftigte oder die unter seiner Leitung für das Magazin „Tintin“ arbeiteten. Einer von denen war Willy Vandersteen, wie Hergé Belgier, jedoch aus Antwerpen, ein Flame also. Vandersteen gilt als der „populärste, produktivste und erfolgreichste flämische Comic-Zeichner“ („Comic Lexikon“), sieben Jahre jünger als Hergé, zeitweiliger Mitarbeiter beim Magazin „Tintin“ und später Besitzer eines eigenen gutgehenden Studios, in dem vor allem „Bessy“ produziert wurde, einer auch bei uns recht bekannten Soft-Western-Serie, die vom TV-Serienhund Lassy inspiriert war. Von „Bessy“ erschienen zwischen 1958 und 1985 992 Nummern, zuletzt bei Bastei, wo 1986 versucht wurde, die Reihe mit einem moderneren Konzept fortzuführen. „Bessy“ war natürlich nicht dazu geeignet, Vandersteen einen Platz im Olymp der Comic-Meister zu verschaffen. Doch eine frühere Reihe hat durchaus originelle Qualitäten: „Suske und Wiske“, ein abenteuerndes kindliches Geschwisterpaar, dessen Erlebnisse immerhin gut 200 Bände füllen. Acht davon will der Feest-Verlag im Re-Print bei uns herausbringen. Der erste, „Der Bronzeschlüssel“, spielt in einem kleinen Fürstentum am Mittelmeer, Mocano, dessen Fürst René III ein ehrbares Doppelleben führt und unter dem Felsen, auf dem sein Schloß und die Altstadt steht, ein schreckliches Geheimnis bewahrt, das von Bösewichten für einen Schatz gehalten wird. Suse und Wiske, die mit ihrem Freund Pankwitz, einem dicken Glatzkopf, im benachbarten Manton Urlaub machen, kommen der Sache auf die Spur und können René III letzlich helfen, auch wenn danach das halbe Fürstentum in Schutt und Asche liegt. Nicht so sehr die Parallelen zu Monaco und Rainier III (bevor der eine amerikanische Filmschauspielerin ehelichte) machen „Der Bronzeschlüssel“ zu einem Hauptspaß, sondern die zuweilen briefmarkenkleinen Zeichnungen, die von abwegigem und manchmal bösartigem Humor strotzen, und die unverfrorene Art, mit der Vandersteen Logik und Glaubwürdigkeit ignoriert, um seine Geschichte nur hübsch originell und aufregend am Laufen zu halten. Der Zeichenstil ist natürlich hart am frühen Tintin orienbiert, was der ganzen Angelegenheit aber einen zusätzlichen Reiz verschafft, vor allem, wenn man bedenkt, daß „Der Bronzeschlüssel“ eigentlich für das Magazin „Tintin“ entstand – eine Vignette im Großen Comicalbum.
Hergé hat bekanntlich nicht nur „Tintin“ geschaffen, sondern auch einige andere Serien. „Jo, Jette und Jocko“ sind hier früher einmal gewürdigt worden, nun liegt ein weiterer Kinder-Comic vor: „Stups und Steppke“. Zwischen 1930 und 1940 sind über 400 Episoden erschienen sind, Episoden, wohlgemerkt, nicht Bände. „Stups und Steppke“ sind zwei Brüsseler Lausbuben, deren Streiche und kleine Abenteuer One-Pager füllen. Heute kommen uns die eigentlichen Geschichten lau und belanglos vor, bemerkenswert allein für Hergé-Fans dürfte das Studium der Wurzeln sein, denn hier taucht unter anderem schon eine Figur auf, die später den „Tintin“-Kosmos bereichern soll: Der dumme Polizist, der Schultze (oder Schulze) aus dem Gesicht geschnitten scheint. Und natürlich die klare Linie, die damals auch ein wenig grob war, ohne die die Comic-Welt aber heute anders aussähe.
(November 1991)
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