“LIGNE CLAIRE“-ALBEN VON 1951 UND 1989
Hergé gilt als einer der bedeutendsten europäischen Comic-Zeichner und -Autoren. Er hat die ligne claire begründet, die nicht nur die Klarheit und Übersichtlichkeit der Zeichnungen meint, sondern auch die Gradlinigkeit der Erzählweise. Sein „Tintin“ ist wohl die berühmteste Comic-Figur nach Mickey Mouse und Donald Duck. Daß Hergé auch andere Comics geschrieben und gezeichnet hat, ist weniger bekannt. Bereits 1936, 7 Jahre nach Tintins Geburt, entstand die Kinderserie (mit Kindern als Helden) „Jo et Zette“ die jetzt bei Schreiber & Leser als Jo, Jette und Jocko wieder aufgelegt wird.
Jo und Jette sind die Kinder eines Testpiloten, Jocko ist ihr Spielgefährte, ein Affe. In dem jüngst erschienen Abenteuer decken sie eine Erbschleicherei auf, entlarven Saboteure, die der Firma ihres Vaters übel wollen, und fliegen außerdem ein supermodernes Flugzeug nach Amerika und brechen damit einen Weltrekord.
Das Augenzwinkern, das die besseren „Tintin“-Geschichten beherrscht hat, wenn es allzu phantastisch wurde, ist in „Jo, Jette und Jocko“ nicht so offensichtlich, was der Geschichte, die sich über zwei Bände erstreckt, nicht sonderlich gut tut. Die Kinder benehmen sich ganz furchtbar vernünftig, ihr größtes Problem ist, daß sie von den Erwachsenen nicht ernstgenommen werden.
Spaß machen die beiden „Jo, Jette und Jocko“-Bände, die im Jahre 1951 erstmals erschienen sind, vor allem wegen der liebevollen Ausstattung und der Erkenntnis, daß die Welt des großen Comic-Übervaters doch ziemlich klein war, und seine Mittel begrenzt. In dieser Einsicht liegt gar keine Häme, dazu sind die Alben viel zu harmlos, niedlich und antiquiert und innerhalb der engen, selbstgesteckten Grenzen perfekt realisiert. Sie sind eine wirklich unschuldige Freude, was man etwa von manchen frühen „Tintin“-Alben nicht sagen kann.
Wie die heutigen Vertreter des ligne claire-Mainstreams ein Flieger-Rekordbrech-Abenteuer gestalten, läßt sich ganz vorzüglich an Eric Heuvels „January Jones“ (Szenario: Martin Lodewijk) betrachten. Zeichnung und Handlungsfaden sind etwas verwuselter als damals, die Physiognomien und Gag-Konstruktionen sehen denen Hergés zum Verwechseln ähnlich. Ganz Hergé-like (und damit ganz unzeitgemäß für zeitgenössische Comics) ist an Miss Jones’ Abenteuer die Begeisterung für moderne Technik. Wie Jo, Jette und Jocko will die amerikanische Star-Pilotin January Jones den Geschwindigkeitsrekord auf der Strecke Paris-New York brechen. Unglücklicherweise wird ihr Flugzeug vom US-Geheimdienst schon vor Antritt des Flugs gesprengt, damit sie an der Ralley Monte Carlo, die seinerzeit noch über Polen und Deutschland ging, teilnimmt und einen McGuffin durch das Gebiet der Nazis schmuggelt. Viel brutaler, als es Hergé jemals erwogen hätte, geht die Jagd mit einem supermodernen Citr‰n 11 CV durch das Europa der dreißiger Jahre. Natürlich erfüllt Miss Jones den Auftrag, wenn auch zähneknirschend.
Auch das January Jones-Abenteuer ist nicht besonders augenzwinkernd, was die Fähigkeiten der Heldin betrifft. Die komischen Momente entstehen durch hergéesk aufgebaute Slapstick-Situationen. Man kann sagen, daß in January Jones’ „Todesfahrt nach Monte Carlo“ die ursprüngliche ligne claire befolgt wird, was nichts anderes heißt, daß es sich hier um einen anachronistischen Comic handelt.
(Dezember 1989)
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