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Frühwerke

“HISTORISCHE“ HERGÈ-ALBEN

Der erste Band mit Tim und Struppi hieß „Tim im Lande der Sowjets“. Er wurde in Fortsetzungen in der Kinderbeilage von „Le XXième SiÜcle“ abgedruckt und ist 1930 als Album erschienen. Da findet sich keine Spur von den fein ausgearbeiteten Hintergründen und Details, mit denen der Name Hergé heute verbunden wird. Stark vereinfacht und mit groben Strichen gezeichnet, ist Tim nur an der Tolle und an Struppi zu erkennen.

„Tim und Struppi“ ist mit weltweit ca. 150 Millionen verkauften Alben eine der erfolgreichsten Comic-Serien überhaupt. Hergé schuf mit Tim das Muster des hilfsbereiten, freundlichen und pfiffigen jungen Mannes, der über seine bürgerlich-attraktiven Eigenschaften hinaus auch tolerant, vorurteilfrei und humorvoll ist. Zwar verzichtet Hergé im Gegensatz etwa zu André Franquin darauf, seinen Helden mit realistisch anmutenden Bananenrepubliken zu konfrontieren (Hergés Staatsoberhäupter sind nett und seine Verbrecher sind auch offiziell kriminell), und sind die frühen Abenteuer „...im Kongo“ und „...in Amerika“ auch noch naiv-rassistisch, mit meistens netten, aber dummen Wilden, entwickelt sich neben seiner überragenden humoristischen Begabung auch ein gewisses moralisches Sendungsbewußtsein. „Tintin au Pays des Soviets“ läßt von all dem noch nichts ahnen. Die ganze Geschichte ist von einem tumben Antikommunismus und Fremdenhaß beherrscht, der problemlos mit Julius Streichers „Stürmer“ zu vergleichen ist.

Das war Hergé später offensichtlich sehr unangenehm: er hat diese Geschichte als einziges „Tim und Struppi“-Abenteuer nicht neu bearbeitet und im großen Stil wiederveröffentlicht. Erst 1969 wurde es in einer Sammleredition mit einer Auflage von 300 herausgebracht, 1973 erschien sie in einem Sammelband mit den frühen Arbeiten Hergés, der in der BRD 1977 als „Aus Hergés Archiv“ bei Carlsen verlegt wurde. Ebenfalls bei Carlsen gibt es das Abenteuer jetzt auch einzeln, versehen mit einem recht informativen Nachwort.

Von Hergés „Die schwarze Insel“ gibt es drei mehr oder weniger verschiedene Versionen: die erste stammt von 1938 und hat noch 124 Seiten, die zweite, bereits koloriert, erschien 1943 mit einem Umfang von 62 Seiten. Die dritte Fassung, von 1965, ist mit der zweiten beinahe identisch. Zwar wurde das Album Bild für Bild neugezeichnet, die technischen Komponenten aktualisiert und Kleidung und Frisuren dem Zeitgeschmack angepaßt, der Unterschied fällt aber nur auf, wenn man die Seiten nebeneinander legt.

Hat die (Wieder)Veröffentlichung von „Tim im Lande der Sowjets“ noch einen dokumentarischen Wert, ist die zweite Fassung der „Schwarzen Insel“, die jetzt ebenfalls bei Carlsen erschienen ist, trotz des Vorworts, einiger Skizzen und alten „Le petit VingtiÜme“-Titelseiten lediglich ein Pseudo-Sammlerstück, mit dem Hergé-Fans ihre Vollständigkeitsgelüste befriedigen können. Außer den Erkenntnissen, daß Tim früher Krawatte getragen hat, daß Hergés Zeichenkunst im Alter noch besser geworden ist und daß Handlettering einfach schöner aussieht, enthält das Album nichts, was den finanziellen Mehraufwand von 7,-DM zur „normalen“ „Schwarzen Insel“ rechtfertigen würde.

(Oktober 1988)


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