AFRIKA, GETRÄUMT
Die Schweiz ist ein kleines und ein enges Land. Und so aufgeräumt! Niemand auf den Straßen, der dort nichts bestimmtes zu erledigen hätte. Kaum Katzen zu sehen. Wir waren im letzten September dort, nicht nur, um Urs Widmers neuen Roman zu lesen, aber es war eine gute Gelegenheit. Wir hatten Zeit, und zwischen hohen Bergen läßt sich trefflich von fernen Ländern träumen.
Urs Widmer ist ein stationärer Forschungsreisender, dessen Versuchsanordnungen auffällig oft aus zwei Männern – Freunden meist – und einer Frau bestehen. In seiner vorletzten Erzählung Liebesbrief für Mary ist die Frau unter Zurücklassung der Freunde nach Australien gegangen, um mit einem staubfarbenen John eine Tankstelle zu betreiben. Der Held reiste ihr nach, um einen Liebesbrief des inzwischen verstorbenen Freundes zu übergeben. Persönlich.
Diesmal ist der Held allein in der Schweiz zurückgeblieben. Die Frau und der Freund reisten als Paar in den Kongo, wo sie die Leitung einer Brauerei übernahmen. Das Stammhaus ist in der Schweiz und gehört einem Bekannten des Helden. Aber die Ursprünge der Geschichte reichen weit zurück in eine Zeit, die auch für die Schweiz nicht unbedingt rühmlich war. Und der Brauereibesitzer spielte damals eine selbst für Schweizer unrühmliche Rolle.
Der Ausgangspunkt der Geschichte liegt allerdings in der Gegenwart: „Alles begann am 29. Juli 1994. Einem Freitag. Mein Vater hatte eben, um ein Haar, einen Postboten erschossen, und ich kniete auf dem Fußboden eines Zimmers im Altenheim von Flundern...” Kuno, der Held, ist Altenpfleger, mit sechsundfünfzig selbst nicht mehr ganz jung, und hat mit alten Damen und Herren zu tun, die alle eine Geschichte haben, ein Schicksal. Kuno selbst hat keins, denkt er, und sein Vater auch nicht. Denkt Kuno. Daß er sich täuscht, wird er in den Tagen nach jenem 29. Juli merken. Nach dem Postboten-Mißgeschick muß der Vater nämlich bei Kuno im Altersheim wohnen, und schon in der ersten Nacht hört Kuno, daß sein Vater alles andere als eine langweilige Biographie hat. Im Gegenteil: ein Held, ein ehemaliger Geheimagent gegen Hitler. Und was erst Herr Berger – ein alter Kollege des Vaters und ebenfalls Kunos Schutzbefohlener im Altenheim – zu erzählen hat! Und dann kommt auch Kunos eigene Geschichte in Gang, mit einem Auftrag in Sachen Bier und einer weiten Reise, mit einer kriegerischen Auseinandersetzung, dem Treffen der Urwaldgeister und der Erfüllung der Liebe zu Schwester Anne, die mit diesem Dialog begonnen hat: „Schwester Anne. Ich liebe Sie. Wollen Sie mich heiraten?” – „Da können Sie warten, bis Sie schwarz sind.” Und so kommt es dann auch.
Ein stationärer Forschungsreisender: Urs Widmer läßt sich von seinen Geschichten oft und gerne in fremde Länder treiben, und er macht nie auch nur den Versuch, Authentizität vorzutäuschen. Sein Indien in Der blaue Siphon, sein Australien in Liebesbrief für Mary, selbst sein Israel in Der Kongreß der Paläolepidopterologen: märchenhafte Orte, die von ihren realen Vorbildern zwar inspiriert sind, aber immer so überhöht, als stammten sie aus romantischen Erzählungen des 19. Jahrhunderts. Und nicht aus einer Welt mit Linienflugplänen und Coca Cola überall. Was nicht heißen soll, daß Urs Widmer Unwahrheiten über seine fremden Länder erzählt. Es sind nur nicht die Wahrheiten, wie sie in den Nachrichten oder in Reiseführern stehen.
Wenn Im Kongo auch vom Altenpfleger Kuno handelt, ist es doch auch ein Buch über den Kongo, wie ihn Urs Widmer träumt: „In den Nächten des Vollmonds opferst du den Mächtigen Früchte; an den ganz heiligen Tagen, von denen nur die maskentragenden Zauberer wissen, den Vater. Ein Kind. Ach nein: du bist es, den die Magier zum Opferplatz schleppen.” Und die Berichte über die Eigenarten des Kongo vermischen sich unmerklich mit Kunos Geschichte, mit der Geschichte des Vaters und der Brauerei; die Erzählrichtung ist kreisend, und die unerhörtesten Unwahrscheinlichkeiten werden zu Motiven, die sich variierend wiederholen. Im Kongo ist sicher ein Buch über die Sehnsucht nach Schicksal, nach Abenteuer und Gefahr. Mit der Urs Widmer eigenen Mischung aus Leichtigkeit, Schwermut und Kaltschnäuzigkeit. Und mit dem schönsten, unwahrscheinlichsten Happy end, das wir in letzter Zeit miterleben durften: „Anne, meine Anne wird auf dem Bett liegen, unter Moskitonetzen verschwunden, aus denen nur die Füße herausragen. Schwarze Füße, bewegungslos.”
(Oktober 1996)
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