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Urs Widmer: Der Geliebte der Mutter

MILDER ERNST

Im Leseexemplar steht noch „Erscheint im September 2000“, aber Mitte August, Mittwoch, vorgestern, lagen Stapel sogar in Bahnhofsbuchhandlungen, dazu dekorative Werbemittel für die Auslage. Irritiert. Heute, Freitag, steht in der Zeitung, dass sich das Literarische Quartett mit "Der Geliebte der Mutter" befassen wolle. Bis zum Abend vergessen, aber das Zappen der Frau führte – beiläufig – zu Karasek, Reich-Ranicki, der Nachfolgerin und Elke Heidenreich, die endlich wie Else Strathmann aussieht. Wird sie nicht gerne hören, wie alle, deren Kunstfiguren lebendiger sind als sie selbst. In dieser Runde – vor allem die Kerle: wie halten selbst Biolek-gestählte Zuschauer das aus? – wollte ich Widmer nun doch nicht diskutiert hören. Vielleicht wären diese Leute meiner Meinung gewesen. Also weggezappt, bevor das Buch an die Reihe kam.

Jedenfalls scheinen jetzt, wo Urs Widmer selbst Reich-Ranicki ins Visier gerät, die Zeiten endgültig vorbei, in denen jeder nur halbwegs Literaturferne anlässlich seines Geburtstags, Weihnachtens oder Umzugs in die Feuilletonredaktion der ZEIT mit dem „Blauen Siphon“ und/oder „Liebesbrief an Mary“ (als Taschenbuch gerne auch im Doppelpack) verzaubert und verblüfft werden konnte. So viel Inhalt auf so wenig Seiten (Widmers jüngere Romane umfassen selten mehr als 120 Seiten), eine so unangestrengt kunstvolle Sprache, so viel Wärme und Heiterkeit bei gleichzeitiger Anerkennung der Endlichkeit des Daseins!

Obwohl sich Wärme und Heiterkeit in „Der Geliebte der Mutter“ in Grenzen halten. Noch nie war Urs Widmer so kalt, geradezu bitter. Das liegt am Gegenstand, am Geliebten der Mutter, obwohl das Buch natürlich von der Mutter selbst handelt. Diese Mutter lebte ein Leben im Schatten, im Schatten „ihrer Art“, sich anfallsweise unkontrolliert in sich selbst zu verlieren, im Schatten ihres unbarmherzigen Vaters, im Schatten des Geliebten, der von ihr nimmt und nimmt und sie dabei kaum wahrnimmt, sie am Ende vielleicht gar vergessen hat.
Am Anfang ist die Mutter reich und der Geliebte arm. Sie liebt ihn sofort, unterstützt ihn, der berühmteste Dirigent Neuer Musik zu werden – der reichste Mann wird er von selbst, aber da ist die Mutter schon arm –, er schläft noch mit ihr und gleichsam am nächsten Tag heiratet er eine andere und vergisst, ihr davon wenigstens zu erzählen. Dann heiratete auch sie: „Der Kult der Mutter um Edwin setzte nicht sofort ein, keineswegs. Sie wollte zufrieden sein, sie war es. Sie hatte ein Haus! Sie war eine Ehefrau! Sie wurde eine hervorragende Hausfrau, in ihrem Heim war kein Stäubchen am falschen Ort.“

Zwischendurch sagt die Mutter einmal „Ich kann nicht mehr“ und wird von ihrer Art übermannt. Elektroschocks helfen. Am Ende schreibt sie es auf einen Zettel („Ihre Schrift, jetzt, glich dem Flattern weher Vögel.“) und setzt ihrem 82-jährigen Leben ein Ende.

Es ist nicht Edwin, der Geliebte, der sie umgebracht hat, es war wahrscheinlich ihre Art und das Leben selbst, in dem an den entscheidenden Stellen vieles ganz unspektakulär schief gelaufen ist. Und Edwin, ein schlechter Mensch wie die meisten Leute, hat der Mutter natürlich nicht absichtlich das Glück geraubt, nicht mal bewusst, eher nebenbei. Wie, wenn man mit dem Auto einen Igel überfährt, absichtslos, und es kurz bedauert, aber in Wirklichkeit und langfristig gibt es Wichtigeres.

Aber Urs Widmer ist bitter wie viele Söhne angesichts des ungelebten (oder zumindest optimierungsbedürftigen) Lebens von Müttern. Inwieweit das ein autobiographisches oder imaginertes Gefühl ist, welches Verhältnis Widmer zu seiner Mutter hatte und was das für sein Werk bedeutet, kann man den Psycho- und sonstigen Analytikern überlassen; es ist auch ganz irrerelevant. Wichtig ist, dass sich die Geschichte so, wie Urs Widmer sie erzählt, mit seiner eigenen Art, Worte zu setzen und Sätze zu bauen, wahr und erlebt anfühlt. Und dass die Geschichte vollständig in der Welt angesiedelt ist, mit ihr in Beziehung gesetzt, relativiert: „So lebte sie. Hitler griff Rußland an, und die Mutter setzte Zwiebeln. Hitler belagerte Moskau. Die Mutter riß Rüben aus. ... Die Amerikaner eroberten Sizilien. Die Mutter stand händeringend vor den Tomaten, die faulten, ohne reif geworden zu sein.“

Zum Glück ist es nicht nur das Heitere und Schräge, das Urs Widmers Kunst auszeichnet, es ist vor allem das Liebevolle, Wahrhaftige. Seinen Bücher lesen sich immer so, als würde man ihm lauschen, während er Geschichten, die er selbst erlebt hat, sehr blumig erzählt. Deshalb kann man auch nicht aufhören, bevor die Geschichte zuende ist. Nicht, weil man wissen muss, wie es ausgeht – das ist sekundär. Aber man möchte keinen Zwischenton, keine Ausschmückung und keine Beobachtung versäumen. „Der Geliebte der Mutter“ macht da keine Ausnahme. Widmer fügt seinen bekannten Qualitäten nur noch welche hinzu: Schroffheit und milder Ernst. Vielleicht hat ihn als Kandidaten für das Literarische Quartett qualifiziert; so hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

(August 2000)


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