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Dick Francis: Winkelzüge

POTENTIELL BRILLANT

Zahlen und eine Legende. Womit nicht gesagt ist, dass sie nicht wahr ist, die Geschichte von Dick Francis. Geboren 1920, war er laut Verlagsinfo “viele Jahre Englands erfolgreichster Jockey, bis ein mysteriöser Sturz 1956 seine Karriere beendete”. Sturz oder nicht, mit 36 hört man auch in den meisten anderen Sportarten gewöhnlich auf, aktiv mitzumachen. Man wird Trainer, Funktionär, geht zum Fernsehen oder macht mit dem Ersparten eine Würstchenbude auf. Dick Francis ist Krimi-Autor geworden, schreibt jedes Jahr einen Roman. 36 sind es inzwischen, und man merkt jedem von ihnen an, dass ihr Autor kein Intellektueller und kein Anti-Intellektueller ist (was nicht das Schlimmste ist, wenn es um Romane geht), sondern eben ein pragmatischer Ex-Jockey, der keine Experimente macht. Das Turf-Universum war seine Welt, als er noch für Geld ritt, und es ist die Welt, in der seine Bücher spielen. Jockeys, Trainer, Sportreporter, Tierärzte und natürlich hippophile Detektive sind seine Helden, echte Kerle mit Ehre und Anstand und Achtung, die mit jeder attraktiven Frau, die nicht schnell genug Widerworte gibt, nach spätestens 20 Seiten auch geschlechtlich verkehren. Wie sich einer, der 1956 mit dem Reiten aufgehört hat, eben echte Kerle vorstellt.

Aber Dick Francis’ Bücher haben ein gewisses Etwas, das einen die stilistischen Grobheiten und die manchmal allzu schlichte Weltsicht gerne vergessen lassen, und das ist wohl die Authentizität. Der Kerl weiß, wovon er schreibt, er baut ehrliche, stringente Geschichten, er kann Spannung aufbauen und wieder lösen, und dass seine Helden alle ein bisschen klingen, als seien sie beim Casting für einen Jerry-Cotton-Klon rausgeflogen, macht gar nichts.

Winkelzüge ist kein Roman, sondern eine Sammlung von 13 Kurzgeschichten, geschrieben für Blätter wie Woman’s Own, Times, gerne auch Sports Illustrated, einige auch nur so zum Spaß. Entstanden zwischen 1970 und 1998, erzählen sie zum Beispiel von einem missratenen Sohn, der seine einzige Chance beim Erwachsenwerden darin sieht, das beste Pferd im Stall des Herrn Papa (gegen Honorar) zu vergiften. Ein abgehalfterter Sportreporter auf der Abschussliste seines Redakteurs verpasst die letzte Chance. Ein Landstreicher findet ein Pferd. Die selbstverständlich hübsche Tochter eines erfolgreichen Trainers steigt mit dem Konkurrenz-Jockey ins Bett. Ein französischer Profi-Killer wird in der britischen Pferderenn-Szene tätig.

Vielversprechend, aber letzlich nicht wirklich gut, leider. Die Geschichten sind allesamt nur potentiell brillant. Man spürt, dass Francis ein geübter Romane-Schreiber ist – 36 Stück, das ist schon was. Mit der kurzen Form hat er ein Problem: Er schafft Expositionen, feinziseliert, mehrschichtig, alles was man braucht, um eine Geschichte zu beginnen, aber danach ist der größte Teil der dreitausend oder achttausend bestellten Wörter verbraucht, für Entwicklung und Auflösung ist kaum noch Platz. So schludrig, wie Francis dann seine sorgfältig etablierten Helden verheizt und die Geschichten auflöst, geht er sonst nichtmal mit seinen weiblichen Nebenfiguren um. Dies ist andererseits nicht uninteressant: Die Geschichten haben viel Potential – auch wenn es verschwendet wird. Das ist immer noch besser als das inhaltslose (aber formal sicher vollendete) Geschwafel mancher Zeitgenossen und Nicht-Jockeys.

Dick Francis: “Winkelzüge – Dreizehn Geschichten”. Aus dem Englischen von Michaela Link. Diogenes, Zürich 2000. 400 S., DM 39,90

(Juli 2000)



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