StartseiteDie GegenwartDie Vergangenheit: 2008

9. Dezember

Heimatkunde: Der Brunnen auf dem Hindemithplatz heißt St.-Georg-Brunnen, und er trägt bestimmt dazu bei, dass dem Platz ein „guter Aufenthaltswert“ bescheinigt wird, nämlich im Online-Lexikon „Charlottenburg-Wilmersdorf von A bis Z“. Jawohl, der Hindemithplatz liegt in Charlottenburg, da wo Mommsen- und Sybelstraße auf die Wilmersdorfer treffen, und noch bevor ich das erste Mal meinen Fuß in diese Gegend gesetzt hatte, kannte ich den Brunnen aus einem der Filme, die mir ganz besonders lieb sind.

Der St.Georg-Brunnen war umstanden von Ruinen – leere Fensterhöhlen, Nachkriegszenario –, als Ulrich Schamoni hier mit den „Pop-Cabarettisten“ Insterburg & Co. für seinen dritten abendfüllende Spielfilm Teile einer Montage mit wilden Gesten, Trommeln und afrikanisierendem Gesang inszenierte. Neben Insterburg & Co. (in Doppelrollen) bevölkern „Quartett im Bett“ (wenn auch nicht am Brunnen) die vier Jacob-Sisters, Rainer Basedow, Dieter Kursawe (auch Doppelrolle), Andrea Rau (natürlich nackt) und Werner Finck (als Axel C. Springer in dessen Verlagscasino).

Gedacht war „Quartett im Bett“ als Berliner Antwort auf „Zur Sache Schätzchen“, hat mir Peter Schamoni erzählt, der beide Filme produziert hat, aber noch mehr als München in „Schätzchen“ ist Berlin die Bedingung für den Film und wirklich mal Hauptdarsteller.

Auch Johanna, Rosi, Eva und Hannelore Jacob spielen sich selbst, Ingo Isterburg, Jürgen Barz, Peter Ehlebracht und Karl Dall nur zur Hälfte. Die andere Hälfte sind vier Ölscheichs, die von einem „Senatsbeamten“ durch die Stadt kutschiert werden (Sarotti, Schering, Musterwohnung im Märkischen Viertel, Beate Uhse), während die Jacob Sisters frisch aus Las Vegas zu einem Gastspiel in die Kongresshalle kommen und zwischendurch Promo-Auftritte, Plattenaufnahmen und Pressekonferenzen absolvieren. Die Insterburger indessen erfüllen das romantische Klischee vom Kleinkünstler in Westberlin (Gerichtsvollzieher, freie Liebe) mit Leben.

Die für sich schon verwegene Idee, die anarchischen Insterburg und Co. mit den adretten und überspießigen Jacob Sisters zu kombinieren, wird vom Musik-Konzept des Films noch übertroffen: Die glatt-gefälligen Schlager der Damen werden mit den unkoventionellen Darbietungen der Herren konfrontiert, bis am Ende das frivole Insterburger-Lied „O schöner Jüngling küsse mich“ im Jacob-Sisters-Arrangement vorgetragen und schließlich in den Zimmern und Fluren (wahrscheinlich:) des Hotels am SFB auch inszeniert wird.

Am 13. Dezember 1968 hatte „Quartett im Bett“ seine Premiere im Cinéma Paris, was gut zu Otto Darmstatts Gedicht passt, das Ingo Insterburg im Film vorträgt:

O Kurfürstendamm, Juwel in Berlin,
wo täglich liebliche Mädchen langziehn,
alleine, zu zweit, getrennt und zusamm'
O Kurfürstendamm, mein Damm, du mein Damm!

Das ist nur ein paar hundert Meter vom Hindemithplatz entfernt, der damals allerdings noch nicht so hieß (sondern sogar gar keinen Namen hatte). Ich habe mich, nachdem ich die ersten Male Füße in diese Gegend gesetzt hatte, immer über die ruinöse Umgebung des Brunnens im Film, gedreht im Sommer 1968, gewundert. Kaum vorstellbar: Ruinen im feinen Charlottenburg, Ku'damm-Seitenstraße, beste Wohngegend schon und erst recht damals (obwohl allerlei Schnäppchen zu machen waren). Ist auch nicht so. Schamoni drehte in Tiergarten, in den Überresten vom „Alt-Bayern“ an der Potsdamer Straße 10. Eine beeindruckende Ruine, aber vergangen, geschleift 1975, der Brunnen zerlegt und fünf Jahre später wieder zusammengesetzt auf einem noch namenlosen Charlottenburger Plätzchen. Die namensgebende Figur des heiligen Georg fehlt übrigens schon seit Kriegsende, und seinen Namen bekam der Platz erst 1995.

Schade eigentlich, denn ich mochte den Gedanken, dass das Zentrum von „Quartett im Bett“ nicht ausschließlich das „Arbeiter- und natürlich APO-Viertel“ ist, das „Paradies der Bohème 68, der Penner und Poeten, der Maler und Müßiggänger, der Trinker und Talente“, das „Tag- und Nachtasyl der Immerjungen“, die „herrlichsten Slums der Welt“, wie Carsten Peters am Wochenende nach der Premiere in der AZ geschrieben hat. Dies ist allerdings eine voreilige Enttäuschung, denn der Film mäandert durch die ganze Stadt und natürlich auch durch Charlottenburg, das ich alter Twiehausener auch schon ziemllich bohèmemäßig finde, wo das Reichskabarett residierte (und das Romanische Café, aber das ist noch eine ganz andere Zeit) und für den Film die Kreuzung Joachimstaler Straße/Kurfürstendamm bestimmt einige Male lahmgelegt, im Schlossgarten die prächtig absurde Jacob-Sisters-Show und (wahrscheinlich) am Kaiserdamm das orgiastische Hotel-Finale gedreht wurde (hätte nicht gedacht, dass ich auf meine alten Tage nochmal lokalpatriotische Anfälle bekomme; wenigstens nur als Zugezogener), außerdem durch Tiergarten und natürlich Tempelhof, denn nach Berlin in den Sechzigern konnte man nur fliegen als Popstar oder Ölscheich, und bis in Tegel Richtfest gefeiert wurde, sollten noch einige Jahre ins Land gehen.

Vierzig Jahre später ist so viel anders, wie man es sich damals kaum hat vorstellen können, die Bohème soll weitergezogen sein und manche sagen, sie residiere jetzt in Prenzlauer Berg, was ich aber nicht glaube, denn außer in Heiligensee und manchen Teilen von Marienfelde und Lichtenrade sind hier sogar die Reichelt-Kassiererinnen und Bauhaus-Spanplattenzuschneider mehr Bohème als Kommunikationsstudenten und Galeristinnen anderswo.

Trotzdem ist Prenzlauer Berg ein guter Ort für eine Jubiläumsvorführung, malte man sich eine 2008er Fassung aus, käme man an dieser Gegend nicht vorbei. An der Schönhauser Allee 6/7 veranstaltet Andreas Döhler sein „Smoking Cinema“ in der „Diamond Lounge“ des „White Trash Fast Food“ (sie sind sehr kreativ bei der Namensfindung in Prenzlauer Berg), und ich freue mich, dass er der Idee sehr zugetan war, dort zur Feier des 40-jährigen Premierenjubiläums „Quartett im Bett“ zu zeigen:

Jubiläumsvorführung 40 Jahre „Quartett im Bett“
Montag, 15. Dezember 2008, 20:00 Uhr
Smoking Cinema im White Trash Fast Food
Schönhauser Allee 6/7, Prenzlauer Berg

Vielen Dank an Peter Schamoni dafür, dass wir den Film zeigen dürfen, und an Ulrike Schamoni für die Fotos und die andere Unterstützung.


9. November

Ein wichtiger Tag für die Deutschen. Doch dazu später. Es gibt nämlich noch eine ganze Reihe anderer ... Ereignisse, die ziemlich gedenkwürdig sind. Am 9. November 1967 zum Beispiel haben nicht nur die Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk (wie damals üblich ordentlich gekleidet mit Krawatte etc.) ein Transparent mit dem Text „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ vor zwei Talar-Trägern hergetragen (übrigens in Hamburg und nicht an der FU), es erschien auch die erste Folge der ersten Geschichte mit Valerian, Agent des Raum-Zeit-Services, und Veronique (die in Wirklichkeit natürlich Laureline heißt) in Pilote. Mehr Agenten: 28 Jahre früher sind im Venloer Café Backus zwei Geheimagenten seiner Majestät des Königs Georg VI. von Großbritannien und Nordirland von deutschen Geheimagenten entführt worden, was einerseits die Europa-Aktivitäten des MI6 empfindlich beeinträchtigte und andererseits nicht verfilmt wurde, was insofern erstaunlich ist, weil schon der Name – „Venlo Incident“ – ein sehr vielversprechender Titel wäre. 407 Jahre später wird beim Khitomer-Massaker eine Klingonen-Kolonie von Romulanern zerstört, 4000 Klingonen sterben (auch Mogh, nicht aber Worf), was schon ganz schön traurig ist, aber eigentlich auch total egal. Wieder 616 Jahre früher gab es den „Coup d'État du 18 brumaire“, an dessen Ende Napoléon Bonaparte als Erster Konsul in Frankreich so ziemlich allein das Sagen hatte – mit gerade 30 Jahren, was für eine Karriere! 74 Jahre später – 1873 – gebar Hedwig Pelzer ihr Kind Fritz Thyssen, das zu denen gehörte, die später Georg Kreisler zu einem seiner schönsten Reime inspirierte:

Sie sind so mies. Sie sind widerlich,
die Rockefellers, Neckermanns und Thyssens.
Nur Kriege teilen sie brüderlich,
und du und ich und alle andern büßen's.

Geburtstag hat auch Ulrich Schamoni, er wäre heute 69 Jahre alt, und obwohl ich mich jedesmal sehr freue, wenn ich im Radio jemanden „100,6 Motor FM“ sagen höre, bin ich ihm doch dankbar für einen meiner allerliebsten Filme, nämlich „Quartett im Bett“. Danke. Womit wir dann doch bei den Deutschen wären, wo sich heute ein Ereignis jährt, das ganz entscheidend zur gemeinsamen Identität, zum Selbstverständnis – sogar: zum Deutschsein an sich – beigetragen hat und immer noch beiträgt. Beziehungsweise natürlich nicht das Ereignis an sich, hier nahm es nur seinen Anfang. Und es ist nichtmal eine deutsche Erfindung. Schon 1896 wurde Mackinac Island in Michigan autofrei. Aber in Deutschland war es eben jener 9. November 1953, an dem die Treppenstraße in Kassel offiziell als Fußgängerzone eröffnet wurde. Wer da wohl das Bändlein durchschnitt? Ob ihm (oder ihr?) klar war, dass dies ein kleiner Schnitt für Kassel, aber ein großer für die Menschheit war? Vorsätzlich auf Autos verzichten! Nicht wie in Fes, wo zwar 156.000 Leute in einer Fußgängerzone wohnen, in der Autoverkehr aber schon aus Platzgründen weitgehend ausgeschlossen ist. Oder Cinque Terre. Das ist zwar hübscher als Kassel, und das Wetter ist auch besser, aber denen dort bleibt ja gar nichts anders übrig, als auf das Auto zu verzichten, zumindest seit Hans Trippel endültig aufgehört hat, welche bauen zu lassen. Viel eher stehen die Kasseler in der Tradition Roms, wo es ja auch riesige Flächen gibt, auf denen kaum mal jemand Auto fährt. Bloß dass es an denen auch praktisch keine Geschäfte gibt, zu denen man fahren könnte. Das ist in der Treppenstraße anders.

Die Eröffnung einer Fußgängerzone noch vor der Proklamierung der autogerechten Stadt (interessanterweise versuchte ausgerechnet Stuttgart, Kassel den Rang der ersten Fußgängerzonenstadt streitig zu machen) ist nicht nur ein durchaus als subversiv zu bezeichnendes Ereignis, auch die Benennung verdient Beachtung. Ob der Ausdruck „Fußgängerzone“ wohl in Kassel entstanden ist? Sehr wahrscheinlich, gehörte dort das Wort „Zone“ allein durch die räumliche Nähe viel mehr in den täglichen Sprachgebrauch als zum Beispiel in Stuttgart. Wie unsere innerstädtischen Oasen wohl hießen, hätten die Schwaben doch Recht im Fußgängerzonenersteröffnungsstreit? Vielleicht „Autoloser Bereich“ wie bei unseren negativ formulierenden amerikanischen Freunden, die zwar die „Zone“ übernommen haben, nicht aber den Fußgänger, um den es ja eigentlich geht. Die „Car-free zone“ wird auch unter Obama nicht umbenannt werden (lohnte sich auch nicht, es gibt zu wenige davon). Hier zeigt sich wieder, dass die Europäer einander doch näher sind. Selbst im UK heißt es „Pedestrian zones“ oder auch „Pedestrianised zone“ (was im Deutschen auch nicht ginge: fußgängerisiert beschriebe hier den Tatbestand der schweren Körperverletzung oder eine besonders drastische sadomasochistische Praxis). Selbst in Esperanto heißt es „Piedira zono“. Allein Italien hat es mal wieder noch besser: wenn auch nicht die meisten, so doch die weltweit schönsten Fußgängerzonen, dazu den schönsten Ausdruck dafür. „Isola pedonale“. Die Insel der Fußgänger. Das hilft, Berlusconi und das italienische Fernsehprogramm (was ja weitestgehend identisch ist) nicht nur besser, sondern auch überhaupt zu ertragen.

Interessant in diesem Zusammenhang wäre eine Erforschung des Begriffs Bürgersteig, aber das führt jetzt zu weit. Wollen wir den 9. November 1953 lieber noch einmal würdigen, denn während sich Honoratioren in Kassel beim ersten Fußgängerzoneneröffnungsfest zuprosteten, sagte ganz woanders ein großer Dichter in der Fremde seinen letzten Satz: „I've had eighteen straight whiskies, I think that is a record.“


28. September

Kinder, wie die Zeit vergeht. Schon wieder Ende September. Und es ist nicht etwa dreieinhalb Wochen her, dass an dieser Stelle Herr Schirrmacher gewürdigt wurde, der sich mal wieder mit Stauffenberg bzw. diesmal (eher: damals) dessen Ehefrau beschäftigt hat. Sondern dreieinhalb Wochen und ein Jahr. Kaum auszudenken, dass Besucher dieser Seiten sich vielleicht kürzlich gefragt haben, ob sie möglicherweise etwas verpasst hätten mit Stauffenberg bzw. diesem Film bzw. Tom Cruise und so. Nein, nein, zuletzt war es „Baader Meinhof Komplex“, der den bürgerlichen Feuilletons Gelegenheit gegeben hat, Meinungsmacht zu üben, bevor sie Leute ranließen, die den Film gesehen hatten. Wird interessant morgen früh: zu sehen, wer mehr Konsumenten interessieren konnte, der „Polit-Porno“ (dann doch wieder Faz, glaube ich) oder doch diese Roboterromanze, die sich den Thron der meist- und bestgelobten Filme aller Zeiten (vorerst) höchstens mit ihren Vorgängerinnen aus dem Hause mit der Lampe teilen wird.

„Valkyrie“ hingegen ist so kaputt wie ein von (praktisch) niemandem gesehen Film nur kaputt sein kann. Besonders die Kollegen von der „Welt“ finden immer wieder schöne Überschriften: „Tom Cruise verursacht mit ,Walküre' Albträume“ (14.8.2008), „An Stauffenberg gescheitert“ (3.8.2008), „Dieser Tom Cruise ist nicht zu retten“ (1.8.2008), „Walküre ist tot“ (13.5.2008), „Tom Cruise kauft ein neues Motorrad“ (30.1.2008), „Guido Knopp vergleicht Tom Cruise mit Goebbels“ (20.1.2008).

Sonst? Ist eigentlich alles wie immer. R. ist jetzt auch Ehefrau, H. mischt sich jetzt richtig ein und D.s Fidelität lässt eigentlich nicht zu wünschen übrig. B. scheint das Optimierungspotential ihrer neuen Situation noch nicht so richtig ausgeschöpft zu haben, und M. hat schon wieder ein Buch geschrieben. Unten zieht gerade eine kleine Horde apfelgesichtiger Erstsemesterinnen ein, und um die Ecke macht sich das selbsternannte Prekariat auf den Bürgersteigen breit und träumt. Man sollte Ulmen hinschicken.

Kaputt wie nur was: Cruises Walküre -