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Startseite Die Gegenwart Die Vergangenheit: 2007 Die Vergangenheit: 01/2007
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24. Januar |
Ich hasse Taktik. Taktisch wählen: FDP, damit die CDU nicht allein regiert, weil die Umfragen sagen, dass die SPD ohnehin verliert, obwohl man eigentlich lieber die Grünen hätte, wegen Trittin und diesem Kreuzberger Anwalt – aber was ist mit Fischer? Und Baldur Springmann! Taktisch lieben: Ich kann mir ein Leben ohne diese bestimmte Person nicht mehr vorstellen, aber ich sage ihr, dass ich keine Zeit habe (obwohl ich mir Zeit nehmen könnte), damit sie denkt, ich wäre begehrt, was mich in ihren Augen aufwerten könnte. Taktisch handeln: Ich will diesem Pechvogel nicht helfen – obwohl ich der einzige bin, der das könnte –, weil ich nicht mit ihm gesehen werden will, falls er sich bedankt, und weil es sein könnte, dass ihn auch andere nicht sehen wollen und mir meine Hilfe übelnehmen könnten.
Und es wäre sogar der Job gewesen – nicht nur verdammte Mitmenschenpflicht – von Steinmeier und seinen Spießgesellen, damals im Kanzleramt. Jahrelang in Guantanamo, wahrscheinlich unschuldig. Und wenn nicht? Selbst dann lässt man Leute nicht in der Hölle, sondern regelt das hier in der Zivilisation, wie es sich für eine zivilisierte Gesellschaft gehört.
Aber Steinmeier nennt die Vorwürfe „infam“, lässt „volle Kanne die Nebelwerfer arbeiten (wie Volker Reiche seinen Rafael so treffend sagen lässt) und hofft bestimmt, dass ihm nichts passiert, jobmäßig. Und vielleicht hofft er begründet, weil es in dieser ganzen Affäre wahrscheinlich keinen Akteur gibt, der nicht vor allem taktisch denkt, keinen, dem es nützte, den Sturz eines Ministers zu betreiben, nur weil der ein schlechter Mensch ist. Dass es diesmal einfach gerecht wäre, ist unter taktischen Gesichtspunkten jedenfalls irrelevant. |
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17. Januar |
Neue Nachbarn. Naja, weitläufigere Nachbarschaft, seit letztem Samstag. Haben ihre „Kirche“ (sieht aber aus wie ein weiterer unterdurchschnittlicher Bürobau an der Otto-Suhr-Allee) eröffnet. Viel Genöle im Vorfeld, am bizarrsten die Weltanschauungsideologen der christlichen Kirchen, die von Presse, Funk und Fernsehen gerne als „Experten“ konsultiert werden. Als ginge es denen um etwas anderes, als jede Konkurrenz möglichst nachhaltig zu diskreditieren.
Das geht mit Scientologen natürlich besonders gut. Nicht, dass deren Glaube noch absurder wäre als der von Christen, Juden, Muslimen (in alphabetischer Reihenfolge) etc., aber jeden (und wirklich jeden – nur der Besuch der Website ist weitgehend kostenlos) religiösen Akt mit existenzgefährdenden Gebühren zu belegen, lässt auf eine stärker entwickelte Weltlichkeit schließen, als wir sie von den etablierten Organisationen kennen. Oder sind die nur raffinierter, kehren die Geldgier nicht so nach außen (haben aber im Hintergrund für stetig strömenden Cashflow gesorgt, wie die christlichen Kirchen in Deutschland)?
Psychoterror, Gehirnwäsche, Überwachung – geschenkt. Warum ich diese Leute als Beeinträchtigung empfinde, hat einen anderen Grund: Sie sind hässlich. Sie sind spießig. Sie sind bescheuert. Sie nennen ihre neue Berlin-Zentrale „eine Insel der Anständigkeit und der Sicherheit inmitten der Turbulenz und Verwirrung, die das moderne Leben kennzeichnet.“ Sie kennen den „Weg zum Glücklichsein“: „ein Leitfaden für jedermann zu einem besseren Leben. Diese kleine, aber sehr effektive Broschüre enthält den ersten überkonfessionellen Moralkodex, der einzig und allein auf gesundem Menschenverstand basiert.“
Da kann ja jeder kommen? Schon, aber Scientology hat (wie der Name schon sagt) wissenschaftliche Beweise: „Wo immer es auch benutzt wird, hat das Heft einen positiven Einfluss – die Kriminalitätsrate sinkt, die Verständigung unter den Menschen funktioniert besser, Unruhe und Gewalt wird der Nährboden entzogen. In Berlin beispielsweise wurden 300 000 Exemplare während der Fußballweltmeisterschaft 2006 verteilt, bei der es – durchaus untypisch – keine gewalttätigen Zwischenfälle gab.“
Wissenschaftlich ist auch die für die Scientologen-Psychoarbeit zentrale „Oxford Capacity Analysis“, der „Persönlischkeits Test“ (auf der Scientologen-Website oder im -büro), durch den mit 200 Fragen der Bedarf für die spirituellen und sonstigen Dienste dieser Leute festgestellt wird. Meine Lieblingsfrage trägt die Nummer 113: „Würde es Ihnen eindeutig Mühe machen, Selbstmord in Erwägung zu ziehen?“ (Hervorhebung im Original), aber auch Nr. 53 hat einen gewissen dadaistischen Charme: „Bekommen Sie nach einem Unfall oder einem anderen unvorhergesehenen Geschehnis, das Sie aufregt, nachträgliche Reaktionen?“ Nochmal geschenkt: Googles Übersetzungsfunktion ist tausendmal origineller (sie übersetzt den Amtssitz des britischen Premiers mit „Niederwerfende Straße 10“), aber vielleicht sind bei Scientology nur weniger komische Automaten am Werk. Noch eine letzte Frage (weil sie so verstörend ist): „Wenn wir in ein anderes Land eindringen würden, hätten Sie Mitgefühl für die Kriegsdienstverweigerer in diesem Land?“
Der Hunger, die Bomben, die Werbung – die Welt wird immer schlechter mit den sich entwickelnden technischen Möglicheiten, das ist klar, aber wer gibt diesen Scharlatanen und Psycho-Quacksalbern so viel Geld, dass die ihre „Kirchen“ in besten Citylagen mit einer Mischung aus schlechtem Geschmack und hoch entwickelter Technik ausstatten und mit wucherndem Selbstbewusstsein bespielen können? Wie blöd und wie verzweifelt muss man sein, ihnen zu trauen, sich von ihnen missbrauchen zu lassen? Andererseits: haben nicht auch unsere etablierten ... sagen wir: Kirchen als radikale Sekten angefangen?
Aprops bescheuert: vor ein paar Wochen, als überhaupt nichts los war, hatte der Spiegel eine Titelgeschichte über die Macht des Schicksals im Blatt („Zwischen Zufall und Vorsehung“). Mathias Schreiber beginnt sie mit James Dean, der eigentlich Ursula Adress mit nach Salinas nehmen wollte. Die aber zog es vor, mit John Derek was auch immer zu machen. Auf dem Weg nach Salinas starb Dean dann bekanntlich alleine, und Schreiber schreibt, Derek habe Andress (die er später zu Ursula Undressed machte) das Leben gerettet, weil er sie von der Fahrt abgehalten hat. Dass das Quatsch ist, kann man besonders schön in „Lola rennt“ sehen, wo Tom Tykwer vormacht, wie wichtig Zehntelsekunden für Geschichten sind (und jeder, der einmal von einer Frau begleitet wurde, weiß, dass Zeit für sie keine Rolle spielt). Das hat eine Woche später im Prinzip auch Leserbriefschreiber Gerhard Rissmann angemerkt, schicksalhaft fand ich aber die beiden Bahnbeamten – die mit mir den Tisch im ICE-Großraumwagen teilten, während ich den Schreiber-Artikel las und mich darüber ärgerte –, die sich darauf freuten „demnächst mal wieder ‚Lola rennt’ im Fernsehen“ sehen zu können. Und trotzdem habe ich diesen 90er-Jahre-Lieblingsfilm schon wieder verpasst. Schicksal? Wahrscheinlich eher eine Folge dieser turbulenten Verwirrungen, die das moderne Leben kennzeichnen. |
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8. Januar |
Bin ich jetzt auch frauenfeindlich, von maskulinem Chauvinismus beherrscht? Als ich kürzlich (verspätet, jaja) meine Fellachen-Recherche betrieben habe, bin ich ja auch auf das Bild („Trois fellahs“, 1835) von Charles Gleyre gestoßen. Aber nicht nur das: Gleyere hat auch Sappho gemalt (wie sie zu Bett geht), und das spontane Gefühl, hier einen der prächtigsten Hintern der Kunstgeschichte zu sehen, verunsichert mich zutiefst. Erstens sollte man Dichterinnen und Dichter nicht auf anatomische Details reduzieren, und zweitens ist das Bild ja von einem Mann, der die Dame möglicherweise gar nicht persönlich kannte. Eine Männerfantasie wie die Technik-und-Motor-Seiten der Faz! Darf man das mögen? Eine Gewissenfrage, die ich Dr. Dr. Erlinger vom SZ-Magazin zur Begutachtung vorlegen werde.
Bis ich seine Expertise kenne, beruhige ich mich mit der wenig originellen Interims-Einsicht, dass meine Bewunderung für das Bild positiv ist (also nicht feindlich), dass ich die Dichterin nicht darauf reduziere (sondern mich im Gegenteil demnächst mit den erhaltenen ca. 7% ihres Werkes beschäftigen will), und dass ich eine positive zweite Meinung zu meinem eigenen Hintern auch nicht als feindlich interpretieren würde. Aber das ist vermutlich auch wieder etwas anderes. |
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4. Januar |
Eine Pointe wäre schön gewesen gestern, noch schöner allerdings, hätte das so jähe wie erschreckende Bewusstsein, als Mann automatisch Mitglied einer „sozialen Gruppe der Männer“ zu sein, mich meine journalistische Sorgfaltspflicht nicht so eklatant vernachlässigen lassen. Natürlich: die Fellachen! Keineswegs als Stamm Mitglieder einer sozialen Gruppe, sondern bestenfalls die einer Gewerkschafts-Sektion, die der Pflüger nämlich. Wikipedia sagt, Fellache komme von arabisch fallah: „Pflüger“. Angehörige der Ackerbau betreibenden Landbevölkerung des vorderen Orients würden so bezeichnet, insbesondere in Ägypten. Sehr weit daneben hätte ich also nicht gelegen mit meiner Nomaden-Fantasie, leider aber auch nicht dicht dran. „Close, but no cigar“, wie meine Lieblings-Exkollegin P. bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegt.
„Hätte“, weil man seiner journalistischen Sorgfaltspflicht natürlich nicht genügt, indem man sich eben kurz bei Wikipedia in den entsprechenden Artikel (den es allerdings beinahe immer gibt) klickt. Weil Wikipedia bekanntlich eben zu unzuverlässig ist, als dass man bei Wikipedia gewonnene Erkenntnisse ungeprüft für bare Münze nehmen kann. Aber was soll man machen? Das ZEIT-Lexikon konsultieren, in dem (sehr hübsch: zwischen „Fell“ und „Fellatio“) Fellachen sinngemäß wie bei Wikipedia erklärt werden, andererseits (in einem anderen Band) aber auch zum Beispiel Jane Birkin der Mitwirkung am „Zementgarten“ gerühmt wird, was auch „Close, but no cigar“ ist, weil es Janes Bruder Andrew war, der den Film geschrieben und inszeniert hat und der Ruhm der Mitwirkung als Schauspielerin ihrer Tochter Charlotte gebührt. Nur Jane war nicht dabei.
Und wie sieht es jetzt mit den Fellachen aus? Übereinstimmende Aussagen zweier anerkannt unzuverlässiger Lexika widersprechen meinem – vor allem auf den Klang des Wortes begründeten und irgendwie auch Karl-May-genährten – Gefühl. Ich gebe also auf. Noch mal Glück gehabt, Klaus Herrmann. Aber, liebe Technik-und-Motor-Redaktion: Wir bleiben aufmerksam!
P.S. Nichtmal visuell lag ich richtig, wenn man jedenfalls nebenstehendem Bild glauben mag: Es zeigt „Trois fellahs“, drei Fellachen, wie sie Charles Gleyre 1835 gesehen hat (oder zu haben glaubte? Wenigstens war er zu der Zeit in der Gegend). |
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3. Januar |
Fellachen. Mutmaßlich nahöstliche bis arabische Wüstenbewohner, Nomaden womöglich, vielleicht auch aus Nordafrika. Schmal geschnittene Gesichter, schlanke Nasen, dünne Lippen. Die Haut mit dem Glanz von alter Bronze, nur etwas dunkler. Drahtige Gestalten wie aus Lotte Reinigers Scherenschnitten, bis auf die Schurken alle Prinz Achmeds (respektive entsprechende Prinzessinen).
Willensstark und hart im Nehmen. Vielleicht ein feines Lächeln, das um die klar konturierten dunklen Münder spielte, als damals Kreisler in seinem schönen Lied über gar nichts Schabernack mit ihnen trieb: „Gar nichts kann man machen, wenn acht lachende Fellachen / eines Morgens tot erwachen und dann bös sind“.
Trotzdem: Ich mag nicht Sätze lesen wie den über Chefingenieur Max Eyth, der es im späten 19. Jahrhundert „schaffte“, „Fellachen zu ambitionierten Dampfpflügern umzuschulen, bis unweit der Cheopspyramide im großen Stil mit Dampf gepflügt, geeggt, Wasser geschöpft und Baumwolle gereingt werden konnte.“ Gefunden in der dienstäglichen „Technik-und-Motor“-Beilage der Faz. Ein mit Mühe (wie das „schaffte“ suggeriert) umgeschultes Volk – können froh sein, diese Fellachen, dass sie danach wenigstens dampfpflügen konnten!
Aber es gehört nicht viel dazu, in der Faz chauvinistische Statements zu orten. Erst recht nicht im „Technik-und-Motor“-Teil, in dem eine Herrenreiter-Mentalität vorherrscht, die auch anderenorts für Amüsement sorgt. Zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung, wo gestern Hermann Unterstöger zwei der schönsten Kfz-Texte aus der 2006er FAZ „nachklingen“ ließ. Der zweite betraf einen Sportwagen, „für den der echte Mann ‚leichten Sinnes dem Weibe entsagt’ und der in eine Zukunft weist, ‚in der es Männer wieder wagen werden, Gedichte von Keats und Shelley bei 220 km/h in den Wind zu brüllen’.“
Ich bemühe mich, an keinem Dienstag die Faz zu verpassen, eben wegen des „Technik-und-Motor“-Teils, und weiß deshalb Bescheid: Unterstögers Beispiel ist keine mühsam gesuchte Stilblüte, sondern normal. Deshalb mag ich die Beilage auch so. Sie ist so ... unzeitgemäß.
Außerdem ist man ja auch Mann. Aber modern. Was auch nichts hilft, zum Beispiel, wenn man mit modernen Frauen Konversation treibt. Wie gestern abend, wo mein Bekenntnis zu „Technik und Motor“ doch ein gewisses Augenbrauenheben und Näschenrümpfen (gell, dieses Diminuitiv ist auch ein bisschen arschig) zeitigte. Und mein Statement, Verona P. sei nicht halb so anti-feministisch wie diese Pirelli-Kalender, ließ sich später auch nicht halten.
Insgesamt also ein schöner Abend, wenn auch wenig erfolgreich für uns Männer als soziale Gruppe. Doch, doch, die gibt es, so stand es jedenfalls im Spiegel, auch wenn ich persönlich Männer – wenn überhaupt als Gruppe – eher als antisoziale bezeichnen würde. |
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