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3. September

„Die Gerechtigkeit Hollywoods“ werde Nina Stauffenberg, der „so oft Vergessenen“, in diesem Film widerfahren, schreibt Frank Schirrmacher in der letzten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, da hat man den Artikel schon fast überstanden und war einige Male kurz davor, den Verfasser einfach für bescheuert zu halten, aber eben nur: kurz davor. Obwohl: Warum eigentlich? Schon der Anfang: Schirrmacher schreibt, Regisseur Bryan Singer gehe nicht mehr ins Kino, um seine eigenen Filme anzusehen: „Man kennt jede Szene, jede Einstellung, jedes Wort, sagt Singer, wieder und wieder.“ Tom Cruise hingegen gehe manchmal „unbeobachtet in Filmvorführungen“: „Man gibt sich solche Mühe mit Ton und Bild; und dann ist es im Kino total übersteuert, und die Leinwand vergilbt“. Feuilleton, ok, könnte noch was draus werden. Wird aber nicht. Stattdessen, im nächsten Absatz, dies:

„Die Deutschen haben ihren eigenen Film. Wieder und wieder: das Dritte Reich, der Untergang, der 20. Juli. Die Deutschen haben Hitler und sein Reich als Kino im Kopf. Sie kennen jede Einstellung, jedes Wort, jede Szene. Weil das Dritte Reich sich selbst als Film begriff, läuft es ab wie in einer Endlosschleife. Ungezählte Filme, Dokumentationen und all die Wissenschaftler, aber es scheint immer wieder von vorne zu beginnen. Man gibt sich solche Mühe, und dann ist die Leinwand vergilbt.“

Hallo?

Dass Schirrmacher offensichtlich eine Stauffenberg-Obsession hat, dass er auf Tom Cruise steht und davon überzeugt ist, dass Cruises Stauffenberg-Film (naja: nicht allein Cruises Film, Schirrmacher lässt die anderen Akteure nicht unerwähnt) durch Hollywoods Gnade den Deutschen endlich Erlösung von „Hitler und seinem Reich“ bringen wird – Schluss mit „Ungezählte Filme!“ – weiß jeder, der seine Einlassungen zum Thema verfolgt hat. Und nicht ganz alles ist schief: „Es ist nicht richtig, nach den religiösen Überzeugungen eines Schauspielers zu fragen, wie sonderbar sie uns auch scheinen mögen. Es ist auch nicht richtig zu erklären, die Amerikaner wären dem Stoff nicht gewachsen.“

Ein Film ist ein Film, fähige Produzenten wollen damit Geld verdienen und, wenn es geht, ihren Ruhm mehren. Das ist das Ziel. Niemand nimmt ein paar -zig Millionen Dollar in die Hand, weil er die Welt verbessern will. Oder sich selbst verwirklichen. Oder einer so oft Vergessenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Qualität steht dem Geldverdienen allerdings nicht entgegen, erst recht nicht in Hollywood. „Valkyrie“, „Rubicon“ oder wie auch immer das Werk dann heißt, wird ziemlich sicher ein achtbarer Film. Ob seine Geschichte über seine Erzählwirklichkeit hinaus relevant ist für die Wirklichkeit ihrer historischen Vorlage oder gar für die heutige Welt, darf bezweifelt werden. „Rubicon“ könnte ein Film werden, der als Film in seiner fiktiven Wirklichkeit einer Heldengeschichte funktioniert. Aber Schirrmacher schreibt, dieser Film werde „das Bild Stauffenbergs für Jahrzehnte und das historische Bild Deutschlands in vielen Ländern prägen.“. Kann schon sein, aber was heißt das? Kann man das wollen, wenn man nicht ganz blöd oder naiv oder schlimmeres ist?

Falls es jedenfalls so kommen sollte, hätte das dann neu geprägte Bild sicher wenig mit dem historischen Stauffenberg oder dem wirklichen Deutschland zu tun. Sondern nur damit, dass die Bildermaschine Hollywoods wieder einmal prächtig funktioniert hat. Es wird mir ein Vergnügen sein, dafür Eintritt zu zahlen. Und ich werde mich hüten, das Lichtspiel mit der Wirklichkeit zu verwechseln.