|
 |
Startseite Die Gegenwart Die Vergangenheit: 2006 Die Vergangenheit: 07/2006
|
 |
 |
14. Juli |
Dass sie den Royal-Palast abreißen würden, war bekannt. Trotzdem ist es ein schockierender Anblick, gleichsam mitten im Europa Center eine staubig-klaffende Lücke zu entdecken. Wo sich künftig ein neues „Kaufhaus“ erheben wird, war vorher eines der größten Kinos der Stadt. Mit einer Riesenleinwand, auf der wir zum Beispiel vor vielen Jahren die restaurierte Fassung von Lawrence of Arabia von der 70mm-Kopie gesehen haben. In der vierten oder fünften Reihe: zum Sandkörnermitzählen! Mit Ouvertüre: eine Viertelstunde Vorhang zu, nur Maurice Jarres Musik im 6-Kanal-RCA-Sound! Großes Kino in einem großen Kino.
Abgesehen davon (und natürlich auch davon, dass einem die Filme, die man dort gesehen hat, auch die Kinos, in denen man sie zuerst gesehen hat, ans Herz hat wachsen lassen, die Pressevorführungen, die Berlinale-Screenings, die Ehrenbären) war das Royal natürlich reichlich grenzwertig. Das Foyer fast schon wieder ganz groß in seinem Patchwork-Trash-Styling, die Rolltreppe mit den Spiegeln, die UFO-artigen Plakatvitrinen vor der Tür. Aber wie immer, wenn Kostenoptimierung wichtiger als Qualität ist, waren die Vorführungen oft schlecht, weil der Vorführer gar keine Zeit hatte, sich um Bild und Ton und möglicherweise auftretende Störungen zu kümmern. Der Boden hat geklebt, und manchmal hatte ich das Gefühl, dass seit der Eröffung 1965 nicht mehr gelüftet worden war. Passé.
1987, bei einer der ersten Filmfestspiele, die zu besuchen ich die Freude hatte, habe ich mir ein Buch über die Berliner Kino-Szene gekauft, „Filmzeit – Off-Kino Buch Berlin“. Im Klappentext heißt es: „West-Berlin gilt als El Dorado für Kinofans. Den Ruf, lebendigste Kinostadt der Bundesrepublik zu sein, verdankt die Halbstadt der ‚anderen’ Kinolandschaft jenseits der Filmpaläste und Kinocenter am Ku’damm ...“ Abgesehen davon, dass man an diesem Buch gut sehen kann, wie brutal anders die Kinoszene in diesen nichtmal 20 Jahren geworden ist, irrt der Herausgeber. Westberlins Kino-Ruhm kam auch von den Ku’damm-Kinos. Off ist wunderbar, geht aber nicht ohne On (im Gegensatz zu umgekehrt). Und das On begann mit dem Royal-Palast an der Tauentzienstraße, setzte sich am Kurfürstendamm mit Marmor-Haus, Filmbühne Wien, Gloria-Palast, Filmpalast, Astor, Cinema Paris, Lupe bis zum Hollywood fort. Nur zwei der genannten Häuser spielen noch, in die anderen sind zumeist Filialen von Zara, Tommy Hilfiger und wie sie alle heißen eingezogen. Wer braucht so viel Fläche für Anziehsachen? Aber da die Läden im Gegensatz zu den Kinos existieren, scheint es dafür einen Markt zu geben. Für die Kinos offenbar nicht.
Ok, ok: wir haben Overscreening bis zum Zusammenbrechen, Multiplexe noch und nöcher, sogar nicht in Industriegebieten wie in anderen Städten, sondern mittendrin. Potsdamer Platz und Alex und Prenzlauer Berg und wer weiß noch, wo. Projektion & Sound sind meistens gut, man sitzt bequem, man kann Originalfassungen und so gut wie alle Filme sehen, die gerade im Verleih sind. Allein im On. Und das Off kommt noch dazu.
Keine Ahnung, ob 20 Jahre später auch Komplett-Berlin als El Dorado für Kinfans gelten kann, aber man lebt doch ganz komfortabel hier. Überhaupt, wenn man an die Monopol-Strukturen anderer Städte denkt (ich habe mal in Münster gelebt) oder die Brache woanders (in Cottbus gibt es zwar ein Filmfestival, aber kein Kino). Trotzdem hasse ich es, die Lücke, wo der Royal Palast war (und man sogar noch ahnen kann, wo Leinwand, Klos, Notausgang waren), sehen zu müssen. Ich mag das nicht, wenn funktionierende Strukturen zur Präsentation angenehmer Dinge zerstört werden – für noch ein Einkaufszentrum. Es gibt sicher mehr Kinos, als die Leute brauchen – die nächsten Schließungskandidaten sind längst benannt. Ich bin allerdings nicht sicher, ob der Mangel an Konsummöglichkeiten nicht vielleicht doch schon behoben ist. Aber ich bin auch einer von denen, die 8 Euro lieber für eine Kinokarte als für Jacken, Hosen, T-Shirts, Tank-Tops ausgeben. |
 |
|
12. Juli |
Ein für heute letztes Wort zu FIFA-WM und Patriotismus: Kaum zu glauben, dass ich einem Faz-Kommentar gerne zustimme. Zunächst schürt bko. (in der Ausgabe vom 11.7.) zwar wie üblich Resentiments gegen Patriotismus-Skeptiker: „Eine mitgliederstarke Kaste in Politik und Medien wachte nicht erst seit der Wiedervereinigung darüber, dass niemand ungestraft sein Vaterland zu auffällig liebte – man wußte ja, wohin das führt.“ Wohin denn? Aha: „Wer Flagge zeigte und von Einigkeit und Recht und Freiheit sang, geriet in den Verdacht, ein bis zur Gefährlichkeit merkwürdiger Zeitgenosse zu sein.“ Soso. Das Flaggezeigen im eigenen Land erinnert mich übrigens an die in den Siebzigern verbreitete Mode, mit großen Aufklebern an (gerne verbreiterten) Kotflügeln, Schwellern und Tür-Unterkanten zu zeigen, um welches Modell es sich handelt. Besonders beliebt bei den Haltern von Opel Mantas, Ford Capris und VW-Sciroccos und nützlich höchstens für Überfahrene, die sich gleichsam von unten noch einmal vergewissern konnten, mit was für einem Auto genau sie versehrt wurden.
Zum Ende seines Kommentars jedenfalls nimmt bko. eine erstaunliche Kurve: „Wer gerne mit dem Strom schwimmt, lässt Wogen der Begeisterung ungern aus. Angst vor dem deutschen Patriotismus braucht das Ausland wahrlich nicht zu haben. Fürchterlicher ist immer noch der deutsche Opportunismus.“ Wie wahr. Und was folgt daraus? Dass die hartnäckigen immer-noch-Flaggenzeiger als Nicht-Opportunisten zwar nicht fürchterlich sind, als Patrioten aber bis zur Gefährlichkeit merkwürdig? Oder vielleicht sogar potentielle Widerstandskämpfer, wie die wackeren Bewohner der Heidelberger Altstadt? Denen hat das dortige Amt für Baurecht und Denkmalschutz ein Ultimatum gestellt hat, die gegen Vorschriften des Bau- und Denkmalschutzes verstoßenden Fahnen bis zum Ende der Woche zu entfernen. Was passiert bei Verstößen? Zwangs-Entflaggung? Notabriss? Andererseits haben die Damen und Herren vom Amt ja auch Recht: Wenn sich McDonald’s-Schilder ins Stadtbild einzugliedern haben, sollte das für privat gezeigte nationale Hoheitszeichen auch gelten. Und: deutsche Altstädte im permanenten Fahnenschmuck mag ich jedenfalls nicht sehen. Damit wäre Heidelberg eine No-Go-Area für jene Kaste, die wegen ihrer Mitgliederstärke auch einen Wirtschaftsfaktor darstellt. Gut, dass da frühzeitig gegengesteuert wird. |
 |
|
5. Juli |
„Die deutsche Fahne ist niemals nur ein Fußballwimpel.“ Das sagt kein nationalkonservativer Bedenkenträger, der nationale Symbole durch Banalisierung gefährdet glaubt (das wäre doch wirklich mal eine innovative Position), das sagt Julia Bonk, mit 20 Jahren jüngste Abgeordnete im sächsischen Landtag. Frau Bonk findet, dass schwarzrotgold „für eine auf Ausgrenzung basierende nationale Zusammengehörigkeit“ steht: „Im betonten Stolz auf die eigene Heimat liegt die Abwertung des anderen.“ Und teilt ihrerseits stolz mit, bis gestern Mittag schon 283 Fahnen eingesammelt zu haben.
Aber: Erstens sollen es zuerst Kreuzberger Türken (oder Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund?) gewesen sein, die Ihre Autos beflaggten. Und zweitens hat sich gezeigt, dass die deutsche Fahne sehr wohl nur ein Fußballwimpel ist, jedenfalls für die meisten, die sich in großer Zahl das Teil an ihre Autos geklemmt hatten. Nach dem 0:2 hat die Wimpeldichte - zumindest auf Berliner Straßen - signifikant abgenommen. Wie das in Kreuzberg ist, ist derzeit nicht bekannt.
Die Deutschen sind offenbar ein besonders opportunistisches Volk. Solange es gut läuft, ist alles prima, werden Fahnen gezeigt (wie bei diesem Fußballturnier), macht man mit, ohne groß zu fragen (wie zum Beispiel damals, nach ’33). Sobald aber die Erfolge nachlassen, werden die Fahnen eingeholt, wie jetzt, oder Widerstand geleistet, wie ’44, als Stauffenberg begründet Angst bekam, dass der Krieg verloren gehen könnte. Ok., das ist jetzt vielleicht ein bisschen verkürzt dargestellt, aber eine Nation, durch deren Aktivitäten in zwölf Jahren so um die 70 Millionen Menschen umgebracht wurden (ja, klar: nicht wenige Deutsche darunter) und die als Widerstandkämpfer nicht viel mehr als eben jenen fotogenen Oberst Stauffenberg und die Schüler um die Weiße Rose (ohne deren Absichten und ihr Opfer zu missachten) nennen kann, ist ganz sicher armselig. Und eine Nation, deren Patriotismus mit dem Erfolg einer kleinen Anzahl hochbezahlter Sportler in einem Fußballturnier steigt und nach einer (unerwartet späten) Niederlage wieder gegen Null tendiert, ist auch nicht nennenswert ... souverän.
Frau Bonk kann sich also wieder beruhigen. Vom deutschen Fußball-Wimpel geht keine Gefahr aus. Zumindest nicht, solange die verbliebenen Exemplare sachgerecht befestigt sind. |
 |
|
5. Juli |
... und dafür liebe ich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Deutschlands dann doch: Trotz Eins Live, N-Joy und anderer gebührenfinanzierter Volksverdummungs- und Intellektbeleidigungsprogramme, trotz Thomas Böttcher & Steffen Hallaschka gibt es, wenn man sich die Zeit nimmt, genau und ausdauernd hinzuhören, gar nicht so kleine, aber umso beglückendere Programme wie eben, als um 19.30 Uhr Deutschlandradio Kultur zuerst ein Stück über Gottfried Benn brachte, der vor 50 Jahren starb, und Kurt Gödel, der vor 100 Jahren geboren wurde, und gleich danach den wunderbar prollig-wuchtigen Life-Mitschnitt „Live Bullet“ von Bob Seger. Den haben wir zwar schon lange (beunruhigend lange) auf Cassette, aber im Radio ... das ist dann doch noch etwas anderes. |
 |
|
4. Juli |
Wenn jemand stirbt oder nullt (wie man im Ostwestfälischen sagt), den ich mag (bzw. mochte), pflege ich die Nachrufe und sonstigen Jubelartikel (es geht hier eher um unpersönlich Verehrte) bei den entsprechenden Seiten des Kindler-Literaturlexikons einzuordnen, dessen Studienausgabe ich vor ein paar Jahren aus der Zweitausendeins-Filiale in der Berliner Kantstraße schleppte, in der Gewissheit, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Im Januar vor zwei Jahren habe ich mich nicht gewundert, zwischen Giacomo Girolamo Casanova de Seingalt und Alejandro Casona den Namen Johnny Cashs nicht zu finden. Im September desselben Jahres war ich fast schon befremdet, dass die Gralshüter der Hochkultur Leonard Cohen immerhin drei Spalten (inkl. Fußnoten) widmeten. Da war Cohen siebzig, übernächsten Monat also 72 - der wahrscheinlich älteste praktizierende Popstar der Gegenwart.
Eben wollte ich wieder etwas Papier wegsortieren (SZ, Faz, das Übliche), diesmal zum Tod Robert Gernhardts, den ich mehr bedauere als all die Nachrufschreiber. Z. mag Gernhard nämlich auch, vor ein paar Monaten hat sie „Vom Schönen, Guten, Baren“ entdeckt, was mich einerseits froh, andererseits auch bisschen ängstlich gemacht hat: Was sagt man einer Achteinhalbjährigen, wenn sie (zum Beispiel) fragt: „Papa, was macht denn der Kragenbär da?“ Und da hätte ich ihr gerne gesagt: „Keine Ahnung, frag doch den Gernhardt, der hat sich das ausgedacht.“ Die Beantwortung der Frage wäre entwicklungspsychologisch nicht drängend gewesen, und Herr Gernhardt hätte bestimmt zurückgeschrieben, schlimmstenfalls etwas wie: „Klären Sie Ihr Kind gefälligst selbst auf oder lassen Sie keine schweinischen Bücher rumliegen!“
Kindlers Neues Literaturlexikon ist wunderbar zum Nachschlagen, wer belesen erscheinen will, lese einfach den entsprechenden Artikel, vergesse die 90 unverständlichen Prozent und simuliere Dritten gegenüber fundierte literarische Kenntnisse. Immer, wenn ich etwas Bestimmtes suche, stoße ich auf Rezensionen, die vielleicht ein bisschen abwegig und irrelevant sind für das tägliche Leben, aber doch einen Teil des Reichtums menschlicher Phantasie abbilden.
Es ist auch wunderbar zum Schmökern. Manchmal nehme ich mir einige Bände mit ins Bett und freue mich vor dem Einschlafen über die Fülle der Geschichten und der vielen Namen, die alle würdig sind, als Wichtigste genannt zu werden, ob sie nun wie Dicuil um 825 in „De mensura orbis terrae“ weitgehend ältere geographische Literatur exerpierten, wie Xu Shen um 100 ein etymologisches Wörterbuch verfassten oder, wie Reiner Kunze, mit der liedhaften Einfachheit früher Veröffentlichungen vor allem jugendliche Leser ansprachen.
So war ich auf dem Weg zu G E R N durchaus erwartungsvoll, fand Jurij Pavolovič GERMan, dessen Roman „Rossija Molodaja“ den Rezensenten allerdings nicht begeisterte („... darf angesichts seiner eklatanten Mängel wohl kaum den Anspruch erheben, als zeitloses künstlerisches Dokument über eine bedeutende Epoche der russischen Geschichte zu gelten.“), fand danach irritierenderweise GEROnimo, dessen „His Own Story“ vielleicht historisch bedeutsam ist, von dem ollen Apachen-Schamanen aber nichtmal selbst geschrieben wurde (sondern von Stephen Melvil Barrett). Also zurück geblättert, aber da war immer noch nicht G E R N, sondern Rabbi Jona GEROndi, der sich vor einem dreiviertel Jahrtausend in „Scha’arej teschuwa“ und mehr als 200 Paragraphen über die Buße als zentrales Thema der jüdischen Ethik ausgelassen hat. Zwischen GERMan und GEROndi - niemand. Kein noch so klitzekleiner Hinweis auf Robert Gernhardt, den Horst Köhler immerhin einen der Größten der deutschen Literatur nennt. Gut, Köhler ist genausowenig Literaturpapst wie viele andere offizielle Nachrufer, und Literaturlexika sollen sich auch nicht von Bundespräsidenten beeinflussen lassen. Keine Düsseldorfer Verhältnisse in Kindlers Neuem!
Dass einer der Größten jetzt in der Welt fehlt, ist viel schlimmer als die Entdeckung, dass er schon immer gefehlt hat in einem Literaturlexikon, das sich jetzt nicht als Schnäppchen, sondern als Mängelexemplar herausgestellt hat. |
 |
|
 |
|
 |
 |
 |
|