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31. Oktober

Bad Segeberg! Staatlich anerkannt als Heilbad und Luftkurort, wo das lebendige Herz Schleswig-Holsteins schlägt: hineingezogen in den Strudel von Abscheu und Ekel! Wie das? Weil drei Soldaten der Lettow-Vorbeck-Kaserne mitgemacht haben bei Totenschändungen in Afghanistan. Dabei waren die vielleicht gar nicht aus Bad Segeberg. Aber das gilt nicht. Karl May, Pierre Brice oder Gojko Mitic sind schließlich auch nicht von da, trotzdem generiert die Stadt einen Gutteil ihrer Berühmtheit aus diesen Namen. Da muss sie sich natürlich auch zu diesen missratenen Söhnen der Stadt bekennen. Und das ganze vielleicht sogar positiv wenden. Uminterpretieren: mit einer Knochenfeld-Attraktion am Kalkberg, geöffnet in der spielfreien Zeit, präsentiert von eben jenen Dreien, die ich mir als Helden vorstelle, verwegen, Wüstenstaub in den Kampfhosen-Falten, mit Augen, die gesehen haben, was normalen Menschen erspart bleibt. Die aber auch menschlich geblieben sind, zart gar, immerhin „reumütig und zerknirscht“, als sie den Faux-Pas ihrem Chef, dem guten General Christof Munzlinger, beichteten.

Oder ganz anders: Bad Segeberg könnte die Konsequenzen ziehen und sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren, die Kaserne umbauen und dort Karl-May-Spiele abhalten, wenn die Witterungsverhältnisse Freiluftveranstaltungen verhindern.

Denn: Besinnung aufs Kerngeschäft ist immer gut. Wenn die Deutsche Bahn sich als Beförderungsunternehmen verstünde, und nicht als Immobilienvermarkter, müsste man nicht immer weit nach Osten zum Lehrter Stadtbahnhof fahren, wenn man eigentlich nach Westen will. Der Osten andererseits – das lehrt auch der Fall Lettow-Vorbeck -, birgt nicht nur Gefahren, sondern auch Versuchungen, und was Oscar Wilde dazu meint, ist ja bekannt. Ob der auch mal in Bad Segeberg war?


27. Oktober

Unsere Jungs. Machen Ärger bei Auslandseinsätzen. Störten die Totenruhe. Und die Nation jault auf: Skandal. Dabei gab es eine Zeit, als der gute Deutsche stolz war, einen Totenkopf zu tragen, wenn auch nur aus poliertem Metall an Revers und Mütze. Nachdem das unmodern geworden war, wurde umerzogen, wurden Werte vermittelt, und heute denkt man, die Deutschen seien irgendwie korrekter als alle anderen. Als würden unsere Jungs bei ihren Auslandseinsätzen vor jeder Handlung erst mal ihr Gewissen befragen und dann im Grundgesetz nachschlagen. Dabei ist fraglich, ob der Soldat als solcher überhaupt ein Gewissen haben sollte. Lesen können sollte er schon, aber möglichst nur Dienstanweisungen, Bedienungsanleitungen für Waffen und waffentragende Systeme. Vielleicht noch Wegweiser, aber hier wird’s schon heikel. Man weiß ja, wie sich Männer benehmen, wenn ihr Orientierungssinn in Frage gestellt wird. Das wäre lustig, wenn erstmal Konsens hergestellt werden müsste über Truppenbewegungen, Befehle und Sondereinsätze.

Aber lustig wollen es unsere Jungs halt auch mal haben, und weil sich das Amüsement des gemeinen Bundeswehrsoldaten über, sagen wir, Schröders Memoiren oder Goethes West-Östlichen Divan in Grenzen halten dürfte (sonst wären sie nicht bei der Bundeswehr), suchen sie sich eben andere Vergnügungen. Biertrinken in einem muslimischen Land? Marienhof gucken? Disco gehen? Auch nicht, nicht zuletzt, weil es da unten ja nicht mal Bäume gibt, vor die man danach mit seinem gepimpten Golf II fahren kann.

Andererseits sind sie ja auch Helden, unsere Jungs, verbreiten Demokratie und verteidigen westliche Lebensart. Begeben sich dafür auch in Gefahr. Und da ist doch ein schönes Erinnerungsfoto mit einem echt authentischen Todessymbol ganz schick, vor allem, wenn man es den Lieben per MMS nach Hause schicken kann (sofern es ein Netz gibt da unten). Und das soll jetzt Skandal sein? Ja, klar. Unsere Jungs machen sowas nicht. Schon die Wehrmacht war ja eine ausgesprochen korrekte Armee. Kriegerische Handlungen, Massenerschießungen, Vergeltungsmaßnahmen, das schon, aber immer ehrenhaft. Sagen die meisten von denen, die dabei waren. Und die müssen es ja wissen, nicht wahr? Jedenfalls keine Übergriffe, Plünderungen, Vergewaltigungen. Zumindest nicht ohne Befehl.

So gesehen, können unsere Spaßvögel froh sein, wenn sie nur unehrenhaft entlassen und nicht noch nach ihrer Heimkehr von rüstigen Ritterkreuzträgern zur Rede gestellt werden. Auch wenn die meisten von ihnen sich insgeheim ungerecht behandelt fühlen. Woher soll ein Bundeswehrsoldat auch wissen, dass man es in anderen Ländern nicht gerne sieht, wenn mit Teilen verstorbener Angehöriger Schabernack getrieben wird?

Sollte sich am Ende aber herausstellen, dass es doch nur Russenschädel gewesen sind, müssen die Beteiligten natürlich rehabilitiert werden.


24.Oktober

Wie Nieten sich am Ende wie Gewinner hinstellen: Heute morgen im Radio ein kleines Promo gehört, über die nächste Folge einer Talkshow eines Talkmasters und Radiomoderators und Wasnochnichtalles, der früher manchmal lustig war, heute aber Bücher schreibt und ansonsten ganz heiser wird, wenn er merkt, wie brillant er sich fühlt. Talkshow-Gast: eine blutjunge mehrfache Schach-Weltmeisterin. Frage Talkmaster: Könnte ich Sie besiegen? Klare Antwort: Nein. Bisschen hin und her, dann neuer Anlauf: Warum nur Damen-Weltmeisterin? Wann sie denn mal Gesamt-Weltmeisterin würde? Antwort: Nie. Männer seien eben nervenstärker, Frauen zu emotional, blabla. Worauf sich der Moderator befriedigt gab: Es sei beruhigend, dass „wir Männer“ manchmal eben doch überlegen seien.

Schwer zu sagen, was mir peinlicher ist: dass mich diese Flachpfeife mit seinem bedacht plazierten „wir“ zu seinem Kumpel macht, oder dass ich diesen Radiosender immer noch höre (andererseits gibt es da ja auch noch die Zwiegespräche mit Gott und manchmal lichte Momente von Wieprecht/Skuppin. Immerhin).


20. Oktober

Heute ist Robbie-Williams-Tag. Von Radio Eins um 6:45 Uhr bis Deutschlandradio Kultur am Vormittag Tracks und Bemerkungen aus bzw. zu „Rude Box“, Feuilletons voll mit Mehrspaltern über die „Mehrzweckhalle des Pop“, wie Oliver Fuchs in der Süddeutschen schreibt. Vorher schon Beschäftigung mit RW, ein unglaublich uninteressiertes (und ebenso unispiriertes; wie kommen Leute wie Christoph Dallach eigentlich an ihren Ruf und ihre wohldotierten Jobs?) Interview im Spiegel letzte Woche und auffällig gelegentlich der Hinweis, dass ein neues Album nach so kurzer Zeit eigentlich nur das Scheitern der Neuorientierung sei, nachdem sich RW von Guy Chambers getrennt und Stephen Duffy als Inspirator engagiert hat. Jetzt in der SZ der Einwurf, dass Duffy „Intensive Care“ „maßgeblich mitvermurkste“ und im Tagesspiegel die Auskunft, er sei „berühmt dafür, eine Band zu verlassen, kurz bevor sie den Durchbruch schafft“. Das stimmt natürlich irgendwie, Duffy verließ Duran Duran, bevor diese zu den Bay City Rollers der Achtziger wurden. Er wird seine Gründe gehabt haben, und so doof war die Entscheidung auch nicht. Das ganz große Geld ist deshalb an ihm vorbei gegangen, aber jetzt haben wir ihm einige der schönsten Pop-Werke der Jahrtausendwendezeit zu verdanken. Und ehrlich: jemand, der seine Band nach einem Nick-Drake-Song nennt, kann künstlerisch kaum danebenliegen.

Und jetzt wird es rund: Stück Nr. 13 auf „Rude Box“ ist „Kiss Me“, Duffys größter Hit damals (auch wenn ich „Icing On the Cake“ noch lieber mochte), und hier hält RW den Ball schön flach und die Füße still, denn dieses „Kiss Me“ ist womöglich noch leichter als Duffys Original. Anti-Ambition.

Schade eigentlich nur, dass sich in der Faz nicht mein meistgeliebter Pop-O-Soph Patrick Bahners dem Gegenstand widmet, sondern Andreas Platthaus (auch nicht schlecht) der unter einer bildungsbürgerlichen Überschrift, wie sie bildungsbürgerlicher kaum denkbar ist, seine Begeisterung in Phrasen wie „der begnadetste Eklektizist, den man sich denken kann“ oder „Adaption als Abgesang“ hüllt und den schönsten Artikelschluss hat, der mir heute begegnet ist: „Doch wenn alle Abgesänge so kindlich-pathetisch gehalten wären wie dieser Doppelschlag, schiene die Welt ein Stück lebendiger und lebenswerter. Für wen taugt diese vergnügliche Platte besonders? Für Pophistoriker, die einen Blick in die Zukunft tun wollen.“ Quatsch natürlich, aber schön. RW macht die Welt lebenswerter.

Nun habe ich noch gar nix zu den Pet Shop Boys (deretwegen heißt der Faz-Artikel „Er sei in eurem Bunde nun der Dritte“) geschrieben, die an zwei Stücken beteiligt waren. Dass Track 11 „We’re the Pet Shop Boys“ heißt, spricht für Platthaus’ Spekulation, dass RW „am eigenen Rat Pack bastelt“. Andererseits ist dieses Stück mehr Mimese als Mimesis. Anyway: Wie „Rude Box“ auch immer ausgefallen sein wird (die gewissenhafte Erkundung wird einige Sessions unterm AKG K240DF in Anspruch nehmen), es wird eine Freude. Und nachdem RW auch einen kontinentaleuropäischen Hit gecovert hat, fehlt eigentlich nur eine akustische Kollaboration von RW/Duffy mit Paf le Chien aus Marseille. Gerne schon nächstes Jahr.