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Startseite Die Gegenwart Die Vergangenheit: 2006 Die Vergangenheit: 09/2006
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2. September |
Bismarckstraße, Ecke Joachim-Friederich-Straße: Hier starb vor zweieinhalb Jahren ein Neunjähriger – von einem LKW überfahren. Jetzt haben sie den Fahrradweg umgebaut. Und demnächst wird hier „das bundesweit erste ‚Denk mal (!) für Kinder im Straßenverkehr’" errichtet und von Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen, Verkehrsstadträtin Martina Schmiedhofer und Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer enthüllt, wie das Bezirksamt mitteilt. Zusatzaußenspiegel, mit denen womöglich auch dieser Unfall nicht geschehen wäre, sind immer noch nicht Pflicht für LKW. Aber das ist wegen fehlender Zuständigeit ja auch kein wahlkampfrelevantes Thema. |
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1. September |
Wie ich Patrick Bahners nur vielleicht, aber Maria und die Erdmöbel dann doch getroffen habe: Da muss man erstmal drauf kommen, dass „Maria am Ostbahnhof“ keineswegs gegenüber vom Ostbahnhof am Stralauer Platz 34 zu finden ist. Dort residiert das Energieforum Berlin, sicher nicht der Ort für die Performance der womöglich feinsinnigsten Kapelle Deutschlands (wenn nicht gar der Welt). Stattdessen der Ort für den „„Zukunftskongress – ‚Wie geht’s nach morgen’““ (man kann gar nicht genug Anführungszeichen setzen) der Grünen Partei. Aber der Reihe nach.
Nach der begeisternden Vorstellung Anfang des Jahres in der Volksbühne war ich sehr erfreut zu erfahren, dass die Erdmöbel die Hauptstadt in diesem Jahr ein zweites Mal beehren würden. 1. September (deprimierendes Datum, Cohen singt „Summer’s almost gone“, Morrison auch, selten gab es mehr Kälteangst als in diesem Jahr), Friedrichshain, Maria am Ostbahnhof. Klar, den Namen des Clubs kannte ich aus ungezählten Radioansagen. Und auch die Internet-Präsenz war durchaus vertrauenswürdig, maßvoll gestylt, hinreichend informativ, sogar mit Lageplan.
Nur: Dass man, um zur Maria zu gelangen, an der Schillingbrücke (und nicht am Stralauer Platz) ein schmales Gartentor passieren muss, ging daraus genausowenig hervor wie der vollkommen unrealistische angekündigte Konzertbeginn um 20 Uhr. Aber man kann ja fragen. Auskunft Nr. 1 gab mir eine freundliche Security-Frau bei den Grünen, Nr. 2 hingegen bekam ich im schummrigen Maria-Vestibül von einem gepiercten Zerberus, der eine bemerkenswerte Bahnbeamtenmentalität (wie in noch den 80ern verbreitet) an den Tag legte: Er wisse von nichts und sage nur, was ihm gesagt wurde: Immerhin machte er eine präzise Zeitangabe: 21.30 Uhr Vorgruppe Wolke, 23 Uhr Erdmöbel. In Maßen tröstlich.
Immerhin war ich nicht der einzige, der auf die publizierten Anfangszeiten vertraute: Bestimmt 10 junge Menschen warteten schon um kurz vor acht vor dem Etablissement, an dem es nichtmal ein Portal zu geben schien. Erst ein scheinbar herrenloser Fotograf, nicht nennenswert jünger als ich, versetzte mich in den Zustand relativer Beruhigtheit: „Scheiße, nicht? Das dauert noch. Bist du ... sind Sie vielleicht von der F A Z?“ – „Nein, wen suchst du denn?“ – (zögernd:) „Patrick Bahners“.
Den Namen kannte ich, in einem früheren Leben habe ich mal versucht, ihn für den Gastkommentar (oder auch -beitrag) eines bekannten Medienrechtlers zu begeistern. Erfolglos. Jedenfalls ist Patrick Bahners der Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen, weshalb mindestens jeder zweite Kulturschreiber der Republik sein bester Freund sein möchte. Ich natürlich auch. Weil zweitens Bahners (zum Beispiel) zu dieser Berliner Ehrenmord-Geschichte ein paar auffallend kluge Sachen geschrieben hat. Und weil erstens jeder (aber wirklich jeder, außer Thf) Artikel in der Faz unterbringen möchte.
Vielleicht stellt mich der Fotograf ja vor, sobald er Herrn Bahners identifiziert hat, malte ich mir aus, und dann gibt es ein großes Gelächter, wir gehen einen trinken und verstehen uns gut, und das wird dann der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und einer inspirierenden kreativen Geschäftsbeziehung. Eine Zukunft im FAZ-Feuilleton ließe sich spontan in meine Lebensplanung integrieren. Aber jetzt galt es erstmal, anderthalb Stunden in Friedrichshain zu überbrücken. |
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Gut, dass um die Ecke die Grünen tagten, vielleicht mit Häppchen und Freigetränken, guten Reden, faszinierenden Menschen, interessanten Gesprächen? Um etwaige Einlassschwierigkeiten zu vermeiden, ging ich zum Pressecounter und trug mich, assistiert von einer hilfsbereiten Hostess, in die Anwesenheitsliste ein. Überlegte, ob ich bei „Medium“ schon mal Frankfurter Allgemeine eintragen sollte, was mir dann doch ein bisschen verfrüht erschien, außerdem wollte die freundliche Dame keine Einzelheiten wissen, sondern ihr Info-Material an den Mann bringen und mich mit dem Pressekärtchen am grünen Lanyard schmücken. In der Tagungshalle gab es dann zwar keine Getränke, aber die Keynote Speech von Vandana Shiva, indische Bürgerrechtlerin, Trägerin des Alternativen Nobelpreises, in diesen Kreisen bestimmt ein Superstar. Erstaunlich, dass ihr keine der anwesenden Personen zuzuhören schien. Man plauderte miteinander, mehr oder weniger ungeniert und: laut. Unhöfliches, respektloses Volk, diese Grünen, da wollte ich nicht bleiben. Vor der Tür dann Hans-Christian Ströbele mobiltelefonierend, mit diesem Ja-ich-bin’s-aber-sprich-mich-doch-bittebitte-trotzdem-nicht-an-Gesichtsausdruck. Dabei wollte ich gar nichts von ihm, sondern auf die andere Straßenseite in den Ostbahnhof, ein Bier trinken. Ich mag Bahnhöfe, sogar diesen, weil ich da beinahe immer ein kleines Großeweiteweltgefühl bekomme, was vielleicht daran liegt, dass ich in jungen Jahren gerne weit und viel Bahn gefahren bin. Nach einem sächsischen Bier, einem bayerischen Kartoffelschnaps und der Performance eines Gelsenkircheners, der vor seinem Kumpel und einer verwegen blondierten Begleiterin lautstark über anale und sonstige Bedürfnisse monologisierte (rätselhaft die öfters vorgebrachte Aufforderung ins Nichts: „Schieb deinen schwulen Pansen in ein Taxi!“; vielleicht ein Versteckte-Kamera-Sketch für diesen neuen Männersender?), ging es dann zurück zur Maria am Ostbahnhof (erinnert irgendwie an „Gesine aus der Nachtindustrie“). |
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Dort waren inzwischen bestimmt 50 Personen anwesend, man trank Astra aus Flaschen und lauschte freundlich, aber wenig enthusiastisch der Vorgruppe Wolke. Dies wäre ein dankbareres Publikum für Frau Shiva gewesen. Ich machte mich auf die Suche nach dem Fotografen, vielleicht hatte er Herrn Bahners schon ausgemacht? Nein, er kämpfte mit der Technik seines Fotoapparats. Dann waren die beiden netten Jungs von Wolke fertig, etwas Gewusel auf der Bühne, und dann, deutlich vor 23 Uhr, startete Proppe (wahrscheinlich per Fernbedienung) das lange Intro zu „Anfangs Schwester heißt Ende“. Unbemerkt vom Publikum: elektronische Percussion, Getröpfel, rythmisches Gezirpe. Erst als Ekki Maas die Basslinie begann, war allen klar: Das Konzert beginnt. |
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Und es war wieder prima. Gerührt vom „Au Pair Girl“, geweint bei „Dawai, Dawai“, mitgesungen (und den Einsatz verpatzt) beim „Lied über gar nichts“. Und immer Ausschau gehalten nach dem Fotografen, ob er vielleicht jetzt ...? Aber der Fotograf fotografierte und sah nicht so aus, als wollte er jemandem jemanden vorstellen. Dafür, dass Herr B. tatsächlich anwesend war, sprach allerdings ein Bildungsstapel auf einer stillgelegten Lautsprecherbox neben dem Mixer, ein Haufen dicker Zeitungen und John Updikes „Coup“ in einer englischsprachigen Hardcover-Ausgabe – nicht eben die Lektüre deutscher Pop-Fans. Oder eben doch?
Zwei Stunden später – froh, verschwitzt und vollgequalmt – erklomm ich das Rad, um mich auf den Weg nach Charlottenburg zu machen. Am Straßenrand ein Herr im Anzug, mit Hinterherziehkoffer, leicht deplaziert unter dem sich ins weitere Nachtleben verstreuende Konzertpublikum. Ob das ...? Aber er sah aus, als brauche er ein Taxi, keine neuen Freunde. |
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